
Ich komme aus einer Familie, wie es viele in Ecuador gibt“, sagt Byron Vera und meint damit: An allen Ecken und Enden fehlte Geld, oft gab es nichts zu essen und das Haus war desolat. Schon mit acht Jahren verkaufte Byron Vera Süßigkeiten und Obst auf den Straßen seiner Heimatstadt Guayaqil und trug so zum Lebensunterhalt seiner Eltern und Geschwister bei.
Vom Vater wurde er häufig geschlagen und traute sich eines Tages nicht mehr nach Hause: „Ich hatte die Einnahmen des ganzen Tages bei einem Spielautomaten verspielt. Da hatte ich große Angst, meine Eltern könnten böse werden.“
Ein Freund bot Byron Vera an, mit ihm und seinen Freunden auf der Straße zu leben. „Es ist mir schwer gefallen, aber die anderen Kinder haben mir geholfen.“
Viele Ihrer Freunde, mit denen Sie auf der Straße gelebt haben, sind gestorben. Was sind die größten Gefahren für Straßenkinder?
Auf der Straße weißt du nie, was passiert. Es gibt Unfälle, manche geraten an Drogen und die Ernährung ist mangelhaft. Als Kind bist du sehr vielen Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel sexuellem Missbrauch. Aber es gibt auch gute Leute, manche haben uns Essen gegeben.
Nach einem Jahr auf der Straße hat Sie die Polizei in ein Straßenkinderprojekt der Salesianer Don Boscos gebracht. Wie war die erste Zeit für Sie?
Am Anfang bin ich immer wieder zurück auf die Straße gegangen. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich das tue, wo hier so nette Menschen sind, ich gutes Essen bekomme und ein Zimmer mit einem Bett zum Schlafen habe. Dann bin ich nicht mehr auf die Straße zurückgekehrt.
Nachdem Sie zwei Jahre nicht in die Schule gegangen waren, haben Sie im Internat der Salesianer die Matura und eine Tischlerlehre gemacht. Und Sie wollten anderen Straßenkindern helfen.
Ich habe viele Volontäre kennengelernt und wollte, wie sie, den jüngeren Kindern helfen. Am Anfang war es schwierig, weil die Kinder in mir keine Autorität sahen. Aber später hat es gut funktioniert.
Ich habe ihnen erzählt, wie ich als Straßenkind hier hergekommen bin. Die Kinder haben oft gesagt: Ich möchte einmal so sein wie du. Nach mir wurden zwei Kinder selbst Volontäre.
Bei Ihrer Arbeit mit Straßenkindern haben Sie eine Österreicherin kennengelernt...
Mirjam war Volontärin von Jugend Eine Welt in einem Don Bosco Projekt. Nach ihrem Volontariat haben wir zwei Jahre lang eine Fernbeziehung geführt, jeden Tag geskypt, und alle sechs Monate ist Mirjam nach Ecuador gekommen.
Bis wir gesagt haben: Wir möchten nicht mehr ohne den anderen leben. Wir hatten keine Ahnung, ob wir in Österreich oder in Ecuador leben sollten. Schließlich haben wir es in Österreich versucht. Im Februar 2014 war ich zum ersten Mal in Österreich. Da war es so kalt! (lacht). Seit drei Jahren lebe ich hier.
Sie arbeiten in der Behindertenbetreuung und möchten Lehrer für Spanisch und Sport werden. Wie geht es voran?
Mit den Regeln der neuen Regierung wird es schwierig. Ausländische Studenten müssen jetzt auf Sprachniveau C1 sein, früher war es B1. Aber ich werde es versuchen. Im Februar mache ich die Sportaufnahmsprüfung.
Sie haben es geschafft, von der Straße wegzukommen. Was braucht es dafür?
Straßenkinder brauchen Hilfe von ihren Eltern. Und nette Menschen, wie die Volontäre, die sagen: Ich gebe etwas von meinem Leben, meiner Zeit für euch.
Auch Geld und Nahrung sind wichtig, aber besonders wichtig sind gute Menschen zur richtigen Zeit.