Die Jerusalem-Entscheidung von Präsident Donald Trump ist nach Ansicht des Bischofs von Las Cruces im US-Bundesstaat New Mexico, Oscar Cantu, "vermutlich auf innenpolitische Erwägungen im Hinblick auf die evangelikalen Wähler in zurückzuführen, die im Zusammenhang mit der Beherrschung von ganz Jerusalem durch Israel endzeitliche Erwartungen hegen": Das erklärte Cantu, Vorsitzender des Komitees für Gerechtigkeit und Frieden der US-Bischofskonferenz (USCCB), laut Bericht der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR bei einem Besuch in Jerusalem am Dienstag, 16. Jänner 2018.
Cantu sagte weiter, für die katholische Kirche und die meisten anderen christlichen Kirchen müsse Jerusalem eine für alle offene Stadt sein. Gläubige aller drei monotheistischen Religionen müssten in ihr Heimatrecht haben, und sie solle "keine geteilte Stadt" werden. Zudem sei die "seit jeher" vom Heiligen Stuhl unterstützte Zwei-Staaten-Lösung für das Heilige Land die einzige Möglichkeit zur Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts.
Der New-Mexico-Bischof hält sich als Mitglied der "Holy Land Coordination" (HLC) zu einem bis 18. Jänner anberaumten Solidaritätsbesuch in Israel und den Palästinensergebieten auf. Der HLC-Delegation gehören 15 katholische Bischöfe aus Europa, Amerika und dem südlichen Afrika an.
Große Sorge bereitet dem bei der USCCB für Gerechtigkeit und Frieden zuständigen Bischof der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten. Damit würde "das Leben der Mutterkirche von Jerusalem gefährdet". Es sei notwendig, dass Bedingungen geschaffen werden, damit die Christen weiterhin in ihrer Heimat bleiben können. Die Hilfsorganisationen aller Kirchen müssten ihre Anstrengungen für die Nahost-Christen verstärken, denen in allen Ländern das volle Bürgerrecht zustehe. Für die Zukunft der jungen Generationen gehe es vor allem um die Sicherung von Arbeits- und Wohnmöglichkeiten.
Der diesjährige Solidaritätsbesuch der HLC-Bischöfe begann am Freitag in Jerusalem mit der Teilnahme der Sabbatfeier der "Kol Haneshama"-Synagoge. In Gaza besuchten die Bischöfe am Sonntag die katholische Pfarrgemeinde Heilige Familie, die auf das Wirken eines österreichischen Priesters im 19. Jahrhundert zurückgeht. Die heute von dem brasilianischen Ordensmann Pater Mario Da Silva geleitete Pfarre zählt offiziell nur mehr zirka 140 Gläubige. Insgesamt wird die Zahl der Christen in Gaza (Orthodoxe, Katholiken, Anglikaner) auf 1.000 geschätzt, vor sechs Jahren waren es noch doppelt so viele.
Da Silva betonte im Gespräch mit SIR, dass die Christen zum Bleiben entschlossen seien: "Aber wir wollen uns nicht mit dem Mangel an Freiheit und würdigen Lebensbedingungen abfinden. Wir brauchen materielle und spirituelle Hilfe." Wie der Pfarrer berichtete, gab es im Vorjahr in der Gemeinde Heilige Familie eine Trauung, ein Begräbnis und drei Taufen. Derzeit nehmen 30 junge Christen an Arbeitsprogrammen des Lateinischen Patriarchats und der Caritas Jerusalem in Gaza teil. "Ohne diese Hilfe hätten wir hier in Gaza schon zusperren müssen", sagte Pater Da Silva im Interview.
Die HLC-Bischöfe besuchten auch christliche Schulen in den beiden Kleinstädten Beit Jala und Beit Sahour bei Bethlehem und die Stadt Qubeibeh, die möglicherweise das neutestamentliche Emmaus ist. Sie ist durch den Bau der Trennmauer zwischen Israel und Cisjordanien in eine überaus schwierige Lage geraten. Anschließend standen Treffen mit Jurastudenten der Hebräischen Universität Jerusalem sowie der Besuch einer jüdisch-israelischen Sekundarschule in Modi'in auf dem Programm.
Die durch die israelische Besatzung bedingte schwierige Lage war zentrales Thema der Gespräche der Bischöfe mit Schülern in Beit Jala und Beit Sahour. Beide Seiten litten unter der Mauer, die Menschen voneinander trenne und Frieden unmöglich mache, so die Schüler.
Der anhaltende Konflikt war auch Thema eines Austausches mit Studenten eines Jura-Praxisprogramms zu Multikulturalität und Diversität an der Hebräischen Universität Jerusalem. Gleichzeitig äußerten die Studenten die Sorge, dass über eine einseitig auf den Konflikt reduzierte Wahrnehmung des Landes andere Problemfelder wie innerisraelische Spannungen zwischen säkularen und strengreligiösen Israelis sowie die wachsende Schere zwischen Arm und Reich übersehen würden.
Eine ruhigere Zukunft mit weniger medialer Aufmerksamkeit wünschten sich Schüler der Mor-Sekundarschule in Modi'in. Gleichzeitig sprachen sie der jungen Generation eine wichtige Rolle für die künftige Entwicklung des Landes zu. Veränderung müsse von jedem einzelnen ausgehen, statt an höchster politischer Stelle anzusetzen.
Teilnehmer des Bischofstreffens bewerteten die Gespräche als wichtigen Beitrag für das Verständnis der Lage im Heiligen Land. Auf israelischer wie auf palästinensischer Seite treffe man auf junge Menschen, die den gleichen Wunsch nach Sicherheit und einem friedlichen Zusammenleben hätten, sagte der Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Mainzer Weihbischof Udo Bentz, der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Gleichzeitig herrsche auf beiden Seiten Ratlosigkeit darüber, wie dies zu erreichen sei. Diese Erfahrung zeige, dass Bildung zwar eine wesentliche Rolle in der Überwindung des Konflikts zukomme, es aber darüber hinaus dringend auch der Begegnung und des Dialogs bedürfe, so der Vorsitzende der DBK-Arbeitsgruppe "Naher und Mittlerer Osten".
Die Teilnehmer der HLC besuchten auch verschiedene Einrichtungen des Deutschen Vereins vom Heiligen Land (DVHL). Dabei sagte der irische Bischof Donal McKeown zu Studierenden der Krankenpflegeschule in Emmaus-Qubeibeh: "In einer gespaltenen Welt zeigt ihr, dass ein Zusammenleben möglich und bereichernd ist." Zuvor hatten die Bischöfe das Pflegeheim der Salvatorianerinnen in Emmaus-Qubeibeh besucht.
Am Mittwochnachmittag stand ein Besuch der deutschen Schmidt-Schule in Jerusalem auf dem Programm. Das Pflegeheim und die Krankenpflegeschule gebe den jungen Menschen etwas, dass ihnen niemand nehmen könne, sagte McKeown der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. "Die Schwestern glauben an die jungen Menschen und begegnen ihnen mit Würde, so dass diese nun an sich selbst und an ihre Nachbarn glauben und anderen Menschen mit Würde begegnen wollen. Sie haben eine Perle gefunden, für die sie alles geben würden", so der Bischof.
In einer schwierigen Realität wie in Palästina die Hoffnung aufrechtzuerhalten, sei eine der größten Herausforderungen, sagte der Vizekanzler der für die Krankenpflegeausbildung verantwortlichen Universität Bethlehem, Peter Bray. Gleichzeitig sei die Solidarität in Besuchen vor Ort, aber auch in den verschiedenen Heimatländern ein wichtiger Beitrag auf der Suche nach einem gerechten Frieden. "Wenn dieser Friede kommt, brauchen wir Menschen, die bereit sind, ein neues Palästina zu gestalten - zu ihrer Ausbildung tragen wir bei", so der Ordensmann.
Der 2007 in Partnerschaft mit den Salvatorianerinnen und dem DVHL gegründete Ausbildungszweig der Universität bildet gegenwärtig 100 Studentinnen und Studenten aus. Die Beschäftigungsquote der Absolventen liegt bei 95 Prozent. Im vom DVHL unterstützten Pflegeheim betreuen Salvatorianerinnen 34 Frauen, ein Drittel davon mit Behinderung. Emmaus-Qubeibeh liegt zwölf Kilometer nordwestlich von Jerusalem und ist zusammen mit weiteren Dörfern vollständig von den israelischen Sperrmauer umschlossen.