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17.01.2018

Papst an Kirche in Chile: Stellt euch der Realität

"Eine verwundete Kirche kann die Wunden der Welt von heute verstehen und sich diese zu eigen machen, sie erleiden, begleiten und zu heilen versuchen".

In einer Rede vor Priestern und Ordensleuten hat Papst Franziskus die katholische Kirche in Chile zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme aufgerufen. Angesichts von Missbrauchsfällen, öffentlicher Kritik und großen gesellschaftlichen Veränderungen dürfe sie sich nicht einschließen oder von früheren Zeiten träumen, sagte der Papst am Dienstagabend (Ortszeit), 16. Jänner 2018 in der Kathedrale von Santiago vor etlichen Hundert Geistlichen und Ordensleuten. "Wir sind, ob es uns gefällt oder nicht, dazu aufgerufen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Unsere persönliche Realität, die der Gemeinschaft und der Gesellschaft", hob Franziskus hervor.

 

Erneut sprach der Papst dabei "das schwere und schmerzhafte Übel" des Missbrauchs an sowie Schmerz und Leid, die das auch für Mitglieder und Mitarbeiter der Kirche bedeute: etwa auf der Straße oder in der U-Bahn beschimpft zu werden. "Aus diesem Grunde schlage ich vor, dass wir Gott um die klare Einsicht bitten, die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft zur Vergebung zu bitten und um die Fähigkeit, auf das zu hören, was er uns sagt."

 

Santiagos Erzbischof, Kardinal Andrello Ricardo Ezzati, hatte in seiner Begrüßung bereits von "schwierigen Stunden der Unruhe und großen Herausforderungen" für die chilenische Kirche gesprochen. Neben der "Treue der großen Mehrheit" seien auch "das Unkraut des Bösen und als dessen Folge Skandale und Glaubensabfall gewachsen".

 

Der Papst verglich die Lage der Kirche in Chile mit der Situation des enttäuschten Petrus nach dem Tod Jesu. So wie dieser nach Galiläa zurückkehrte und vom Fischen mit leeren Netzen zurückkam, fühlten sich viele kirchliche Mitarbeiter. Mit der dreimaligen Frage, "Petrus, liebst du mich?", habe der auferstandene Christus Petrus davor bewahren wollen, auf seinem Versagen von Verleugnung und Zweifeln "herumzukauen". Stattdessen habe er Petrus gestärkt, indem er ihm vergab.

 

Wie Petrus seien auch Priester, Ordensleute und Seminaristen "keine Superhelden", sondern "Männer und Frauen, "die sich bewusst sind, dass ihnen vergeben worden ist". Daher sollten die Katholiken in Chile ihre Wunden nicht verbergen oder verstecken. Denn "eine verwundete Kirche kann die Wunden der Welt von heute verstehen und sich diese zu eigen machen, sie erleiden, begleiten und zu heilen versuchen", so Franziskus in der mehrfach von Applaus unterbrochene Rede, die zudem auf den Platz vor der Kirche übertragen wurde.

 

Er sei "etwas besorgt", wenn kirchliche Gemeinschaften versuchten, "groß herauszukommen". Stattdessen sollten sie die Ärmel hochkrempeln und sich um das Leid der Menschen kümmern. Denn diese erwarteten nicht, noch bräuchten sie Superhelden, sondern hofften auf Hirten, die Mitleid haben, sich Zeit nehmen und helfen.

 

"Nein zum Klerikalismus"

Im Anschluss traf Franziskus in der Sakristei der Kathedrale von Santiago mit den chilenischen Bischöfen zusammen. In einer kurzen Ansprache vor den Mitgliedern der Bischofskonferenz warnte der Papst vor jeder Art von Klerikalismus. In ihrer Amtsführung wie bei der Priesterausbildung müssten die Bischöfe "darüber wachen", dass "diese Versuchung" nicht um sich greife, sagt der Papst.

 

Klerikalismus sei eine Karikatur der eigentlichen Berufung zum Priester und füge dem Volk Gottes großen Schaden zu, da er Talente und Initiativen von Laienchristen einschränke. "Laien sind weder unsere Hilfsarbeiter noch unsere Angestellten", mahnte Franziskus. Sie dürften "nicht bloß als 'Papageien' wiederholen", was Bischöfe und Priester sagen.

 

Die Priester von morgen, so der Papst weiter, müssten ihre Aufgabe in einer säkularisierten Welt ausüben. Dies müsse in geschwisterlicher Einheit mit dem ganzen Gottesvolk geschehen, Seite an Seite mit den Laien. Auch Priester seien nicht mehr gefeit gegen das "postmoderne Gefühl", nirgends richtig dazuzugehören, quasi eine Waise zu sein. Dagegen gelte es, das Bewusstsein dafür zu stärken, zum ganzen Volk Gottes zu gehören.

 

Zu Beginn des Treffens hatte der Papst den ältesten lebenden Bischof der Welt getroffen: den 102-jährigen Bernardino Pinera Carvallo. Der frühere Bischof von La Serena in Chile, geboren am 22. September 1915, habe noch an vier Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) teilgenommen, erinnerte Franziskus die anderen anwesenden Bischöfe.