Papst Franziskus hat westliche Gesellschaften dafür kritisiert, dass sie die Familie "als eine veraltete Institution" betrachteten. "Der Stabilität eines endgültigen Projekts zieht man heute flüchtige Bindungen vor", sagte er am Montag, 8. Jänner 2018 im Vatikan in seiner traditionellen Neujahrsansprache an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Corps. Es sei daher dringlich, "wirksame politische Fördermaßnahmen zugunsten der Familie" zu ergreifen. Denn ohne diese werde es "keine Gesellschaft geben, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist". Die Familie sei "die Gemeinschaft der treuen und unauflöslichen Liebe, die Mann und Frau eint", so Franziskus.
In seiner Neujahrsansprache an die Diplomaten, die als eine der wichtigsten päpstlichen Reden zur politischen Weltlage gilt, befasste sich der Papst heuer schwerpunktmäßig mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Wenn die katholische Kirche von Menschenrechten spreche, bedeute das für sie vor allem, immer wieder auf die zentrale Würde des Menschen, der von Gott gewollt sei, hinzuweisen. Aus christlicher Sicht bestehe daher "eine bedeutende Beziehung zwischen der Botschaft des Evangeliums und der Anerkennung der Menschenrechte gemäß dem Geist der Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", würdigte Franziskus die vor 70 Jahren verabschiedete Menschenrechtsdeklaration. Eine reduktionistische Sicht der menschlichen Person hingegen öffne "den Weg für die Verbreitung von Ungerechtigkeit, sozialer Ungleichheit und Korruption".
Kritisch merkte Franziskus an, dass "im Anschluss an die sozialen Unruhen der 68er-Jahre" die "Interpretation einiger Rechte" derart abgeändert worden sei, "dass diese eine Vielzahl 'neuer Rechte' einschließt, die oft im Widerspruch zueinander stehen": "Es kann deshalb die auf gewisse Weise paradoxe Gefahr bestehen, dass im Namen der Menschenrechte moderne Formen von ideologischer Kolonisierung der Starken und Reichen zum Schaden der Armen und Schwachen entstehen", erläuterte der Papst. Zugleich sei es ebenfalls falsch, Traditionen einzelner Völker als Vorwand zu benutzen, "um die gebührende Beachtung der von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierten Grundrechte zu unterlassen".
Es schmerze ihn festzustellen, wie viele Grundrechte noch heute verletzt werden, sagte Franziskus, "als erstes vor allen anderen das Recht auf Leben, auf Freiheit und Unantastbarkeit jeder menschlichen Person". Als Ursachen prangerte der Papst Krieg und Gewalt, aber auch die Abtreibung an. "Ich denke vor allem an die unschuldigen Kinder, die noch vor ihrer Geburt 'weggeworfen' werden; man will sie zuweilen nicht, nur weil sie krank oder missgebildet sind oder aufgrund des Egoismus der Erwachsenen."
Auch alte Menschen würden oftmals "ebenso 'weggeworfen', vor allem wenn sie krank sind und als Last betrachtet werden", kritisierte Franziskus. Ebenso betroffen seien Frauen, die Gewalt und Unterdrückung oft auch im Kreis ihrer eigenen Familien erleiden müssten, und Opfer von Menschenhandel werden, der das Verbot jeder Form von Sklaverei verletze.
Die Verteidigung des Menschenrechts auf Leben bedeute auch, sich aktiv für den Frieden einzusetzen, ging Franziskus in der Folge auf jene aktuellen Konflikte ein, die mehrere Weltregionen "in Brand" gesteckt haben. Franziskus nannte unter anderem Korea, Irak, Südsudan, Syrien, Jemen, Afghanistan, Kongo, Niger, die Ukraine und Venezuela und forderte einen "Willen zum Dialog" bei den jeweiligen Konfliktparteien ein.
Der Heilige Stuhl sei fester Überzeugung, "dass die Streitigkeiten, die unter Umständen zwischen den Völkern entstehen, nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind", zitierte Franziskus aus der Enzyklika "Pacem in terris" seines Vorgängers Johannes XXIII. (1958-63). Die Verbreitung von Waffen verschlimmere Konflikte "und verursacht enorme Kosten auf menschlicher und materieller Ebene", mahnte er einmal mehr zu einer Politik der Abrüstung.
Zur Deeskalation rief der Papst im Nahostkonflikt auf. Es gelte jede Initiative zu prüfen, um eine Zuspitzung der Konfrontation zu vermeiden, sagte er. Zugleich bekräftigte Franziskus "die gemeinsame Verpflichtung zur Achtung des Status quo von Jerusalem" und verlangte die Beachtung der betreffenden Resolutionen der Vereinten Nationen.
Nach 70 Jahren Auseinandersetzungen sei es dringlicher denn je, eine politische Lösung für zwei unabhängige Staaten innerhalb international anerkannter Grenzen zu finden. "Selbst unter Schwierigkeiten bleibt der Wille zum Dialog und zur Wiederaufnahme der Verhandlungen der Königsweg, um endlich zu einer friedlichen Koexistenz der beiden Völker zu gelangen", sagte Franziskus.
Ein weiterer Schwerpunkt der Ansprache des Papstes war das Thema Flucht und Migration und hier besonders die gegenseitigen Rechte und Pflichten bei der Integration von Flüchtlingen und Migranten. "Wer jemanden aufnimmt, muss dessen ganzheitliche Entwicklung fördern", sagte der Papst. Gleichzeitig müssten sich Aufgenommene "den Regeln des Landes, das sie beherbergt, unbedingt anpassen und dessen Identitätsprinzipien respektieren".
Der Vatikan werde "nicht in Entscheidungen eingreifen, die den Staaten zustehen". Dennoch sei es Pflicht der Kirche, "auf die Prinzipien Menschlichkeit und Brüderlichkeit hinzuweisen". Franziskus erinnerte dabei an seine Botschaft zum katholischen Weltfriedenstag am 1. Jänner. Darin hatte er "aufnehmen, schützen, fördern und integrieren" als Eckpfeiler für den Umgang mit Migranten benannt.
Der Papst erneuerte auch seine Warnung, mit dem Flüchtlingsthema "alteingesessene Ängste zu schüren". Es habe immer schon Migration gegeben, die Freiheit, das eigene Land zu verlassen und wieder zurückzukehren, gehöre zu den Grundrechten des Menschen, sagte Franziskus: "Wir müssen darum auf eine falsche Rhetorik auf diesem Gebiet verzichten und von der grundlegenden Tatsache ausgehen, dass es sich hier vor allem um Menschen handelt."
Der Papst verwies weiter auf die beiden Globalen Pakte der Vereinten Nationen zu Flüchtlingen und Migration, die kommenden Dezember verabschiedet werden sollen. Der Vatikan beteiligt sich an diesen Abkommen mit eigenen Eingaben. Franziskus betonte, international fehlten "weder die Möglichkeiten noch die Mittel, um jedem Mann und jeder Frau dieser Erde die Lebensbedingungen zu garantieren, die der Würde der menschlichen Person entsprechen".
Italien, Deutschland und auch Griechenland dankte Franziskus besonders für den Einsatz bei der Flüchtlingsaufnahme. Viele Flüchtlinge und Migranten wollten nach Europa, weil sie wüssten, dass sie dort Frieden und Sicherheit fänden, erinnerte der Papst. Diese seien Früchte des europäischen Projekts nach dem Zweiten Weltkrieg. "Europa muss auf dieses Erbe stolz sein, das auf bestimmten Prinzipien und einer Sicht des Menschen gründet, das von seiner zweitausendjährigen, von der christlichen Auffassung der menschlichen Person inspirierten Geschichte herrührt", betonte Franziskus vor den Diplomaten.
"Die Ankunft der Flüchtlinge sollte Europa dazu anspornen, das eigene kulturelle und religiöse Erbe wiederzuentdecken", sagte der Papst: "Wenn es sich der Werte bewusst wird, auf die es erbaut wurde, dann mag es sowohl die eigenen Traditionen wachhalten als auch weiterhin ein gastfreundlicher Ort sein, der Frieden und Entwicklung verspricht."
Auch die Türkei, der Libanon und Jordanien verdienten "die Anerkennung und die Unterstützung der ganzen internationalen Gemeinschaft" bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge. Zur Beendigung des Syrienkriegs und den Wiederaufbau seien Vertrauen und eine stabile Sicherheitslage nötig, so der Papst. Die geflüchteten Menschen müssten eine Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimat erhalten.
Im Schlussteil seiner Neujahrsansprache mahnte Franziskus auch den Einsatz für die Einhaltung des Rechts auf Religions- und Gewissensfreiheit und das Recht auf Arbeit ein. Glechzeitig prangerte der Papst vehement die "Plage der Kinderarbeit" an. Deren strukturelle Ursachen zu beseitigen "sollte für Regierungen und internationale Organisationen eine Priorität darstellen", forderte Franziskus.
Außerdem ermahnte er die Regierungen weltweit zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Auch wenn die Natur "von sich aus grausam" sein könne, gebe es eine wesentliche Verantwortung des Menschen. Der Klimawandel mit dem globalen Temperaturanstieg und dessen zerstörerische Folgen seien "auch Folgen des menschlichen Handelns", sagte er.
Franziskus nannte die Sorge um den Planeten "eine besonders dringende Pflicht" für Staaten und für jeden einzelnen. Die heute Lebenden müssten gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen, den kommenden Generationen eine schönere und lebenswertere Welt zu hinterlassen: "Dafür müssen wir daran arbeiten, im Licht der 2015 in Paris getroffenen Verpflichtungen die Abgasemissionen, die für die Atmosphäre schädlich sind als auch der menschlichen Gesundheit schaden, zu reduzieren."
Die Aufgabe des Klimaschutzes verglich der Papst mit dem Bau der mittelalterlichen Kathedralen in Europa. Deren Baumeister hätten gewusst, dass sie die Vollendung ihres Werkes nicht erleben würden, so Franziskus. Dennoch hätten sich die Erbauer als Teil eines Projekts verstanden, das ihren Kindern zugutekommen sollte und das von diesen wiederum weitergebaut werden würde. "Jeder Mann und jede Frau dieser Erde - und besonders wer Regierungsverantwortung trägt - soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen", sagte der Papst.