Kardinal Christoph Schönborn verbindet mit dem bevorstehenden Gedenkjahr der Republik positive Erwartungen: "Wenn man zurückdenkt, unter welch schwierigen Umständen die Republik 1918 entstanden ist und dann 1945 wiedergeboren wurde, dann müssen wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken", sagte der Kardinal am Freitag, 29. Dezember 2017 im Interview mit kathpress. Die Nöte und Schwierigkeiten dieser Not seien groß und zahlreich gewesen, dennoch hätten "unsere Vorfahren es geschafft, aus den Nöten herauszufinden und Österreich wieder aufzubauen".
Die Kirche soll heute im Unterschied zum politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit "sicher nicht ein parteipolitisches, sondern ein am Gemeinwohl orientiertes" Bild abgeben. Diese Lehre aus der Geschichte hat Kardinal Schönborn in einem Interview mit Hubert Nowak zum Gedenkjahr unterstrichen. In dem aktuellen Buch mit dem Titel "Ein österreichisches Jahrhundert. 1918-2018" sagte der Wiener Erzbischof: "Ich glaube, die Kategorie des Gemeinwohls ist im Moment vielleicht die wichtigste Kategorie für die politische Orientierung, die wir brauchen."
Anders als in der Zwischenkriegszeit sei parteipolitische Distanz des Klerus heute selbstverständlich. "Ich halte das für unbedingt richtig und notwendig", betonte Schönborn. Das bedeute aber nicht, "dass die Geistlichen sich jeglicher politischer Äußerung enthalten sollen", sondern dass sie "in der Gemeinwohlorientierung mit Blick auf die Menschenrechte, die Menschenwürde, da sollen die Geistlichen durchaus auch ein klares Wort haben. Notfalls auch ein kritisches Wort. Aber sicher nicht in parteipolitischer Funktion."
Im Rückblick auf die Geschichte in der Monarchie und in der Ersten Republik bezeichnete Kardinal Schönborn die damals vorherrschende Distanz zwischen Kirche und Arbeiterschaft als "sicher eine tragische Entwicklung". Zugleich verwahrte er sich gegen jede Schwarz-weiß-Zeichnung: Es habe auch in die Arbeiterschaft starke christliche Impulse gegeben, wenngleich nicht so markant wie etwa in Polen, wo die Arbeiterschaft ganz stark mit der Kirche verbunden geblieben sei. Die christlichsoziale Bewegung sei jedenfalls "keine großbürgerliche" gewesen, "und es gab kirchliche Kreise, die das mit großer Sorge gesehen haben", plädierte der Wiener Erzbischof für ein "differenziertes Bild".
Er verwies dabei auf seinen Ururgroßonkel Franziskus von Paula Schönborn, damals Erzbischof von Prag und Ende des 19. Jahrhunderts Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz. Dieser habe in Rom "heftig interveniert gegen die Christlichsozialen", aus Sorge um das revolutionäre Potenzial dieser Bewegung, aber auch wegen antisemitischer Programmpunkte. "Das Erstaunliche war dann aber, dass Papst Leo XIII. (1891 Autor der ersten Sozialenzyklika "Rerum Novarum", Anm.) die christlichsoziale Bewegung gestützt hat und die österreichischen Bischöfe eher im Regen hat stehen lassen", schilderte Kardinal Schönborn.
Der Schaden, der aus dem politischen Katholizismus der 1930er-Jahre für die Kirche entstand, sei nachhaltig gewesen, "es hat lange Jahrzehnte nach dem Krieg gebraucht, damit hier wirklich die Brücken geschlagen und die Gräben zugeschüttet wurden". Ein Bundeskanzler wie Prälat Ignaz Seipel oder ein Sozialminister wie Theodor Innitzer, der später Erzbischof und Kardinal wurde, "wäre heute undenkbar und ist ausdrücklich vom Kirchenrecht verboten".
Das Anliegen des politischen Katholizismus war es nach den Worten Kardinal Schönborns, "ähnlich wie in anderen Ländern Europas in den 1930er Jahren das Christentum sozusagen eins zu eins in politische Kategorien umzusetzen". Damit sei jedoch aus dem "Wesen der Freiwilligkeit, die Zwangsgestalt von staatlichen Gesetzen bis hin zu diktatorialen Elementen" geworden.
Gleichzeitig verwies der Kardinal auf die damaligen "abgrundtiefen Konflikte" zwischen den Austromarxisten und der Heimwehr und den christlichen Formationen. Dadurch sei viel zu lange übersehen worden, "dass sich inzwischen einen schreckliche dritte Kraft entwickelt hat", so Schönborn im Blick auf das Erstarken der Nationalsozialisten. Als die Sozialisten und die Christlichsozialen dann versucht hätten, aufeinander zuzugehen, "war es zu spät".
Beim Ständestaat der Zwischenkriegszeit müsse man sehen, dass dahinter sehr stark die päpstlichen Sozialenzykliken gestanden seien und die Regierung Dollfuß habe versucht, sie direkt umzusetzen. "Die Ausschaltung des Parlaments hat dann unweigerlich zu diktorialen Formen geführt", sagte der Kardinal und verwies in diesem Zusammenhang auf eine Grundspannung im Christentum gegenüber der Politik: "Das Christentum sollte durch Überzeugung wachsen, und nicht durch Zwang."
Die Erfahrung gemeinsamen Leids in der Nazizeit habe die früheren Konflikte zwischen Austromarxisten und Heimwehr überwinden geholfen, so Kardinal Schönborn, "die Sozialpartnerschaft ist aus dieser Erfahrung entstanden". Als einer, der lange in Frankreich, in der Schweiz und in Italien lebte, halte er es für ein große Errungenschaft, dass man in Österreich "miteinander am Tisch sitzt und so lange diskutiert, bis der Konflikt gelöst ist". Von daher sei die Sozialpartnerschaft "eine der großartigsten Leistungen der Zweiten Republik".
Hubert Nowaks "Ein österreichisches Jahrhundert. 1918-2018" ist im Molden-Verlag erschienen. Der Autor führte dafür auch Gespräche mit Altbundespräsident Heinz Fischer, mit Ex-Rechnungshofpräsident Franz Fiedler und mit dem Enkel des letzten Kaisers der Donaumonarchie, Karl Habsburg.