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20.12.2017

Evangelische Kritik an "Glaubensprüfungen" in Asylinterviews

2017 wurden 209 Flüchtlinge in lutherischen Pfarren getauft.

Kritik an "immer absurderen" Praktiken bei den Interviews im Asylverfahren hat der evangelische Oberkirchenrat Karl Schiefermair geäußert. Bei den "Glaubensprüfungen" würden Inhalte abgefragt, die "90 Prozent der österreichischen Evangelischen nicht beantworten" könnten, kritisierte der hochrangige Vertreter der evangelisch-lutherischen Kirche. Immer wieder würden in Folge Asylantrage wegen mangelnden Wissensstandes abgelehnt oder Scheinkonversion unterstellt. Nicht der Staat, sondern die Kirche habe die Ernsthaftigkeit des Taufwillens zu prüfen und über die Rechtmäßigkeit der Taufe zu entscheiden, betonte Schiefermair in einer Aussendung am Mittwoch, 20. Dezember 2017..

 

Gefragt werde bei den Asylinterviews von Konvertiten beispielsweise nach den Unterschieden von Evangelisch A.B. und H.B., nach den Namen der zwölf Apostel, nach dem Verständnis von "Dreifaltigkeit" oder nach dem Jahr der ersten Ordination von Frauen in der Evangelischen Kirche in Österreich. Dass auch danach gefragt werde, wie viele Sakramente es "in der Freikirche" gebe, hob der Oberkirchenrat besonders hervor; es gibt in Österreich fünf teils sehr unterschiedliche freikirchliche Bünde.

 

Gleichzeitig präsentierte der Evangelische Pressedienst die Ergebnisse einer Online-Umfrage der evangelisch-lutherische Kirche nach den Anzahl der Taufen von Asylwerbern bzw. Asylberechtigten in ihren Pfarren. Derzeit rund 780 Flüchtlinge würden demnach die evangelischen Gemeinden besuchen, wobei rund zwei Drittel dieser Zahl bereits getauft seien und der Rest Taufwerber und derzeit im einjährigen Taufunterricht seien. 2017 wurden laut Umfrage 209 Asylwerber bzw. Asylberechtigte in der evangelischen Kirche A.B. getauft. In der katholischen Kirche gab es im Vergleichszeitraum etwa 650 Erwachsenentaufen, von denen geschätzte drei Viertel Asylberechtigte bzw. -werber waren.

 

In den Pfarren viel Integrationsarbeit

Unbeachtet von der Öffentlichkeit geschehe in den Pfarren viel Integrationsarbeit in beide Richtungen, betonte Schiefermair. Die neuen Gemeindemitglieder beteiligten sich intensiv am Gemeindeleben, bei der Gestaltung von Festen und Flohmärkten, bei der Jugendarbeit oder im Einsatz für andere Flüchtlinge. Die Kerngemeinden würden dadurch "erneuert", wenn etwa Lesungen auch in Farsi gehalten werden, was Gottesdienste teils "offener und verständlicher" mache. Keine Bestätigung gab der Diakonie-Zuständige in der evangelischen Kirchenleitung für Berichte über ein sich verschlechterndes Klima gegenüber Menschen auf der Flucht seit 2015: Beim Diakonie-Flüchtlingsdienst nehme die Zahl der Ehrenamtlichen zu statt ab.

 

Für März 2018 kündigte Schiefermair einen Studientag in Wien an, der den Austausch und die Vernetzung zwischen den Pfarrgemeinden, die Menschen auf der Flucht betreuen, verstärken soll. Wichtig sei dies in Blick auf die zahlreichen freiwilligen Mitarbeiter, die sich fürs Dolmetschen, für die Begleitung zu Gerichtsterminen, für den Deutschunterricht, für die Suche nach Wohnraum oder im sozialen Bereich zur Verfügung stellten. Als massives Problem bezeichnete der evangelische Oberkirchenrat die Umquartierungen von bereits integrierten Flüchtlingen in andere Städte oder Bundesländer. Viele würden dabei aus der gewohnten Betreuung herausfallen.