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Jesuiten
05.12.2017

Neues Konzept von Ordensleben - die „Konstitutionen“ des heiligen Ignatius

Jesuiten-Provinzial P. Bernhard Bürgler über die „Konstitutionen“ des hl. Ignatius von Loyola.

 

Gebet des heiligen Ignatius

 

Nimm, Herr, und empfange
meine ganze Freiheit,
mein Gedächtnis, meinen Verstand
und meinen ganzen Willen,
all mein Haben und mein Besitzen.
Du hast es mir gegeben;
Dir, Herr, gebe ich es zurück.
Alles ist Dein, verfüge nach Deinem
ganzen Willen.
Gib mir Deine Liebe und Gnade,
denn diese genügt mir.

 

Gebet der Hingabe des hl. Ignatius von Loyola.

 

Die Konstitutionen, wie wir sie nennen, sind für uns einerseits Orientierung für das Leben als Einzelner wie auch als Gemeinschaft, andererseits regeln sie bestimmte Dinge sehr konkret“, sagt der Provinzial der Jesuiten in Österreich, P. Bernhard Bürgler SJ, zum SONNTAG.

 

Die Konstitutionen sind „ein spirituelles, ein geistliches Dokument“. Der hl. Ignatius habe die „Exerzitien“ als Weg des Einzelnen zu Gott geschrieben und in den Konstitutionen habe er versucht, „diesen Geist in die Struktur unseres Ordens zu gießen“. „Man würde sie falsch verstehen, wenn man sie nur als Regelwerk versteht“, sagt Bürgler.


Die Konstitutionen führen sich auf Ignatius und die ersten Gefährten zurück. „Eigentlich haben die ersten Gefährten den Orden gegründet. Ignatius ist zwar eine herausragende Gestalt, aber die Gründung ist der Zusammenschluss des Freundeskreises“, klärt der Provinzial auf. Ignatius habe verschiedene Ordensregeln studiert und dann aufgrund der Lektüre und seiner Intention diese Konstitutionen geschrieben.

 

Häuser, keine Klöster

Der Jesuiten-Orden bietet „ein ganz neues Konzept von Ordensleben“. „Es gab damals Klöster, wir haben keine Klöster, sondern Häuser. Die Klöster waren meist in ländlicher Gegend, wir sind in den Städten.

 

Die Orden hatten Chorgebet, bei uns gibt es kein Chorgebet. Sie hatten Ordenskleidung, wir haben kein Ordensgewand“, betont Bürgler. „Ignatius war es wichtig, nicht nur die Ebene der Regelungen zu sehen, sondern das dahinterliegende Gesetz der dienenden Liebe, um das zu spüren und zu leben“, sagt der Provinzial.


Was ist charakteristisch für die Konstitutionen im Hinblick auf die Gebetspraxis und Frömmigkeit?

 

Es wird „sehr stark auf das Individuum“ gesetzt, das gilt auch für das Gebet. Bürgler: „Ignatius hatte die Idee: Ein Jesuit macht die 30-tägigen Exerzitien und die prägen ihn. Aus dieser Erfahrung heraus findet der Jesuit seine Weise des Gebetes.

 

Wir haben kein gemeinsames Gebet, und es gibt auch keine ganz konkrete Anweisung, wann, wie viel und was zu beten ist. Das traut Ignatius dem Einzelnen zu, dass er das weiß.

 

Die Form, die ihn mehr mit Gott verbindet, die soll er beibehalten.“ Eine starke Gebetsform für Jesuiten ist die Schriftbetrachtung, wie sie Ignatius in den „Exerzitien“ vorschlägt und anleitet. „Hier spürt man eine ungeheure Freiheit, damit umzugehen und anzupassen, was für den jeweiligen Menschen in den jeweiligen Umständen passt“, unterstreicht Bürgler.

 

Unglaublich starke Erfahrung Gottes

 

Was dem Provinzial am Gründer und seinen ersten Gefährten fasziniert?

 

Bürgler: „Ignatius hatte eine unglaublich starke Erfahrung Gottes, er hat Gott gesucht, er war Pilger, er war auf dem Weg, mehr und mehr zu Gott zu kommen und sich mit ihm zu verbinden.

 

Diese Suche, diese innere und äußere Pilgerschaft, die faziniert mich. Was mich auch fasziniert, ist dieses Konzept von Ordensleben: In der Welt bei den Menschen auf den Straßen ganz mit Gott verbunden zu sein.“

 

Die Konstitutionen werden immer wieder aktualisiert, in der Gegenwart fortgeschrieben, weil sie ein Dokument aus dem 16. Jahrhundert sind. Sie bleiben gültig, aber Anpassungen im Sinne von Auslegungen oder Anwendungen sind notwendig.

 

„Bei der 34. Generalkongregation im Jahr 1995 haben die Jesuiten die sogenannten ergänzenden Normen festgelegt, wo zu bestimmten Paragraphen geschrieben wurde, wie sie heute zu verstehen und anzuwenden sind, also eine Übersetzung ins Heute“, sagt der Provinzial.

 

Das Prinzip des Ignatius lautet: „Zu schauen, was mir vor Ort richtig erscheint.“ „Wenn Ignatius Mitbrüder an einen bestimmten Ort gesendet hat, hat er ihnen einen konkreten Auftrag mitgegeben. Er hat ihnen aber gleichzeitig gesagt: Wenn euch vor Ort etwas anderes besser erscheint, dann macht es.“ “

 

Papst-Gehorsam als Sendungsgelübde

 

Und der Gehorsam gegenüber dem Papst?

 

„Nicht alle Jesuiten haben das Gelübde des Papst-Gehorsams, sondern nur jene Professen, die vier Gelübde haben. Denn es gibt auch Mitbrüder mit drei Gelübden“, sagt Bürgler: „Ignatius sah seinen Orden als einen, der gesendet wird für einen Dienst.

 

Er wollte dorthin gehen, wo die Not am größten ist. Und er dachte, dass der Papst den größten Überblick über die Kirche hat und weiß, wo die Not am größten ist.“

 

Und deswegen wollte er den Orden als ganzen und die einzelnen Mitglieder stark an den Papst binden, dass er sie dorthin senden kann, wo sie am meisten gebraucht werden. „Und wo kein anderer fähig oder willig ist hinzugehen“, ergänzt Bürgler: „Das Gehorsamsgelübde gegenüber dem Papst ist ein Sendungsgelübde.

 

Das heißt nicht, dass ich immer der gleichen Ansicht sein muss wie der Papst. Sondern wenn ich dieses Gelübde ablege, dann verspreche ich, dass mich der Papst irgendwohin senden kann. Und was für den einzelnen gilt, gilt auch für die Gesellschaft Jesu. Der Papst kann der Gesellschaft Jesu als ganze Aufträge geben, was auch immer wieder passiert ist.“


„Mit Papst Franziskus sind wir sehr einverstanden, wir spüren das ignatianische Erbe, seine Spiritualität in allem, was er sagt und tut“, freut sich der Provinzial über unseren aus dem Jesuitenorden kommenden Papst: „Das Ignatianische kommt so noch mehr in die Kirche hinein.

 

Der Papst ist sehr zurückhaltend dabei, die Jesuiten speziell zu behandeln und ihnen auch was aufzutragen. Er vertraut darauf, dass die Jesuiten schon selber erspüren, was richtig ist.“

 

Kein weiblicher Zweig

 

Wie die Jesuiten die Ordenslandschaft inspiriert haben?

 

Ihre neue Form des Ordenslebens und damit auch ihre weltzugewandte Spiritualität hat viele, später entstandene Gemeinschaften beeinflusst. Es gibt zwar keinen weiblichen Zweig der Jesuiten, aber es gibt eine Reihe von Frauengemeinschaften, deren Regel sehr von den Jesuiten geprägt ist.

 

Beispiele dafür sind die Congregatio Jesu und die Helferinnen. Es gibt auch Laiengemeinschaften, wie die „Gemeinschaften Christlichen Lebens“ (GCL), die das jesuitische Erbe leben.