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30.11.2017

Wunder, jenseits des Vorstellbaren?

Wirkt Gott auch heute noch Wunder? Wir begeben uns auf Spurensuche mit dem Theologen Willibald Sandler.

 

Am Anfang dieser Spurensuche steht die Frage: Glauben wir, dass Gott auch heute noch etwas mit unserem Leben zu tun hat, greift er aktiv und konkret ein? Heilt er zum Beispiel kranke Menschen?


Genau um diese zentrale Frage geht es, wenn man sich mit Wundern beschäftigt. Fest steht: Selbst Menschen, die sich als gläubig bezeichnen, tun sich mit dieser Frage schwer.

 

Skepsis gegenüber Wundern

Studien beweisen, dass auch tiefgläubige Menschen Wundern gegenüber skeptisch eingestellt sein können, wie Willibald Sandler bestätigt. Er ist Professor am Institut für Systematische Theologie an der Universität Innsbruck und kennt die Gründe für die Skepsis: „Wenn man sich Wunder zu einfach als göttliche Eingriffe in eine geordnete, wissenschaftlich reflektierbare Welt vorstellt, entstehen unlösbare Fragen: Wirkt Gott wie ein 'Lückenbüßergott' – als eine Ursache neben innerweltlichen Ursachen? Ist er durch Bittgebete manipulierbar? Und vor allem: Wenn Gott einfach so Wunder wirken kann, warum tut er das angesichts von himmelschreiendem Leid nicht öfter? Die klassische Theodizeefrage (wie ein guter und allmächtiger Gott mit dem Übel der Welt zusammengeht) stellt sich dann als Anklage gegen Gott wegen unterlassener Hilfeleistung.“

 

Heilung nach Gebet

Diese Argumente kennt Professor Sandler, trotzdem wurde er selbst Zeuge eine Wunderheilung. In einem vor kurzen erschienenen Artikel beschreibt er, wie eine pensionierte afrikanische Lehrerin nach einem Heilungsgebet in Assisi in seinem Beisein auf ihrem bis dahin blinden Auge plötzlich wieder sehen konnte.

 

Doch Wunder müssen nicht immer in Verbindung mit einer derartigen Heilung stehen, betont der renommierte Theologieprofessor: „Ein Wunder ist ein erstaunliches, überwältigendes Ereignis, das eigene Kategorien sprengt und damit Raum gibt für eine Glaubensentscheidung: so, dass Gott die Mitte des Lebens wird. Das kann eine Wunderheilung sein, aber auch anderes, z.B. ein unerwartetes Zusammentreffen von Ereignissen. So erzählte mir einmal ein muslimischer Taxifahrer, dass er an einem christlichen Wallfahrtsort den überraschenden Impuls hatte, Maria um Hilfe anzurufen, um wieder Kontakt mit seiner erwachsenen Tochter zu bekommen. Er betete, und wenige Augenblicke später erhielt er von ihr den ersten Anruf nach Jahren. Viele meinen, für ein echtes Wunder wäre es nötig, dass Naturgesetze durchbrochen werden. Das ist ein Irrtum. In der Geschichte vom muslimischen Taxifahrer wurde kein Naturgesetz durchbrochen. Es geschah nur etwas äußerst Unwahrscheinliches“.

 

DER SONNTAG: Gibt es auch heute noch Wunder?
Prof. Sandler: Mit der eben gegebenen Erklärung ist es klar, dass es auch heute noch Wunder gibt. Um ein Wunder als solches anzuerkennen, muss man aber akzeptieren, dass eine bestehende Weltanschauung durchbrochen wird. Man kann das auch ablehnen und deshalb ein Wunder ignorieren oder wegerklären. Wer das tut, für den gibt es dann eben kein Wunder.

 

Muss man gläubig sein und beten, damit Gott an einem ein Wunder tut?
Nein. Wunder setzen nicht notwendig Glauben voraus, führen aber in eine Entscheidung, ob man glaubt oder nicht. Ebenso setzen Wunder nicht Gebet voraus, können Menschen aber zum Beten führen.

 

Der Begriff Wunder kommt ja auch im allgemeinen Sprachgebrauch oft vor. Warum wird im Alltag oft salopp von Wundern gesprochen?
Als Wunder gilt, was einen wundert, weil man es nicht für möglich gehalten hätte. Nur wer die Welt in ein lukendichtes System von Wissen und Technik presst, kann sich nicht mehr wundern. Dass auch in Welten, in denen das Wort Gott nicht mehr vorkommt, von Wundern gesprochen wird, ist ein Hinweis, dass es lukendichte Systeme nicht gibt.