Nach dem Aus der Sondierungsgespräche von Union, FDP und Grünen appellieren deutsche Kirchenvertreter an das Verantwortungsbewusstsein der Parteien. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte am Montag, 20. November 2017, er hoffe und bete, dass die Politik in Berlin "alles dafür tut, möglichst bald eine am Gemeinwohl orientierte Regierung auf den Weg zu bringen". Dazu, so Marx, müssten alle Anstrengungen unternommen werden.
In der Nacht zum Montag hatte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner die Sondierungsgespräche mit CDU, CSU und den Grünen für gescheitert erklärt. Angela Merkel (CDU) sowie die Grünen bedauerten den Abbruch der Gespräche. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt nun eine große Verantwortung zu. Er könnte auch ohne bestehende Koalition die Kanzlerwahl im Bundestag forcieren. Würde dabei der Kandidat, voraussichtlich Angela Merkel (CDU), auch im dritten Wahlgang die Mehrheit verfehlen, könnte er den Bundestag auflösen und Neuwahlen herbeiführen.
Zunächst kündigte Steinmeier allerdings an, mit den Parteien zu reden, bei denen programmatische Schnittmengen eine Regierungsbildung nicht ausschließen. Auch wolle er die Spitzen der Verfassungsorgane treffen. Alle infrage kommenden Parteien nahm er in die Pflicht, eine baldige Regierungsbildung anzustreben. "Das ist der Moment, in dem alle Beteiligten noch einmal innehalten und ihre Haltung überdenken sollten", mahnte Steinmeier. Die SPD schließt eine Koalition mit der Union jedoch weiter aus und auch die Grünen brachten Neuwahlen ins Spiel.
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, rief die "Jamaika-Parteien" auf, "weiterhin sehr ernsthaft" nach Wegen zu einer stabilen Regierungsmehrheit zu suchen. Neuwahlen drohten der AfD zu nutzen und die Mitte weiter zu schwächen. "Sie tragen hier eine gemeinsame staatspolitische Verantwortung", sagte Sternberg, der selbst langjähriger CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen war. Der ZdK-Präsident appellierte ausdrücklich auch an die SPD, an das Gemeinwohl zu denken.
Der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, bedauerte das Ende der Gespräche. "Es ist enttäuschend, dass es nach den intensiven Wochen der Sondierungsgespräche nicht gelungen ist, diese in Koalitionsverhandlungen münden zu lassen", sagte Neher der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Er hoffe nun, "dass sich alle Parteien ihrer Verantwortung bewusst sind und einen konstruktiven Beitrag leisten, dass trotzdem eine handlungsfähige Regierung gebildet werden kann".
Der Sozialethiker Joachim Wiemeyer sprach von einem "Bruch mit der politischen Kultur Deutschlands". Die Unfähigkeit zur Regierungsbildung sei Ausdruck mangelnder Gemeinwohlverantwortung der Parteien, sagte der Bochumer Theologe der KNA. Vor allem das "taktische Verhalten" der FDP zeuge von wenig Verantwortungsbereitschaft.