Die katholische Kirche auf allen Kontinenten erlebt am 19. November 2017 eine Premiere: Papst Franziskus hat den Sonntag vor dem Christkönigsfest zum "Welttag der Armen" bestimmt und alle Gläubigen aufgerufen, verstärkt auf Menschen in ihrer Nachbarschaft, die von Armut betroffen sind, zuzugehen. Das Motto "Liebt nicht mit Worten, sondern mit Taten" soll auch in den Pfarrgemeinden durch Begegnungen und Solidarität mit Notleidenden sichtbar werden. In Österreich fällt der neue Welttag, den der Papst zum Ende des "Jahres der Barmherzigkeit" angekündigt hatte, auf den in mehreren Diözesen ebenfalls mit dem Thema Nächstenliebe verbundenen "Elisabeth-Sonntag".
Der Welttag solle die Gläubigen "anspornen, damit sie der Wegwerfkultur und der Kultur des Überflusses eine wahre Kultur der Begegnung entgegenstellen", schrieb Papst Franziskus in seiner Ankündigungsbulle. Wenn sich die Christen bemühten, den "Schrei der Armen" zu hören und sie aus ihrer Ausgrenzung herauszuholen, werde Entwicklung möglich und die Geschichte verändert. Er wolle keine Alibiaktion oder bloße Gewissensberuhigung, sondern ein "Teilen als Lebensstil", betonte der Papst. Jesus Christus sei besonders "im gemarterten Leib der Armen" berührbar, weshalb der Welttag auch Gelegenheit zur "Begegnung mit Gott" gebe.
Ob vom Papst gewollt oder bloß glückliche Fügung: Der "Welttag der Armen", den Franziskus für die ganze Kirche heuer erstmals ausgerufen hat und jährlich wiederholen will, findet just am Festtag der Heiligen Elisabeth von Thüringen (19. November) statt. Der "Elisabethsonntag" - in "normalen" Jahren der Sonntag nach dem 19. November - war für Katholiken im deutschsprachigen Raum schon bisher stärker als jeder andere mit Nächstenliebe und Blick auf die Armen verbunden. Zentrales Element ist dabei die Elisabethsammlung zugunsten der Caritas-Inlandshilfe für Menschen in Not.
"Der Elisabeth-Sonntag und der Welttag der Armen sind im Grunde Synonyme", erklärte Österreichs "Caritas-Bischof" Benno Elbs im Interview mit Kathpress. Die im Alter von bloß 24 Jahren verstorbene Elisabeth von Thüringen - heute gemeinsam mit Bischof Oscar Romero Patronin der Caritas, jedoch auch der Witwen, Waisen, Bettler und Kranken - beschrieb der Bischof als "adelige Frau, die sich mit großer Sympathie und Aufmerksamkeit den Armen zugewandt hat". Sie stehe für einen "Menschen, der seinen Reichtum, seine Güter und seinen erworbenen Besitz in den Dienst von armen Menschen stellt". Der Elisabeth-Sonntag lade dazu ein, "diesem Vorbild nach eigenen Möglichkeiten nachzufolgen".
Österreichs Pfarren, Orden und kirchlichen Gemeinschaften greifen die Einladung von Papst Franziskus zum "Welttag der Armen" groß auf: In unzähligen Orten gibt es rund um den 19. November Angebote, die Begegnung und Freundschaft mit Menschen in Not fördern und auch konkrete Möglichkeiten zur Hilfe aufzeigen. Die in vielen Diözesen traditionelle "Elisabeth-Sammlung", welche an diesem Tag den Einsatz der Caritas gegen Armut in Österreich unterstützt, bekommt somit eine Ergänzung und kräftige "Rückenstärkung von oben", wie Caritas-Präsident Michael Landau vorab erklärte. Landau wird am "Welttag der Armen" den Hauptgottesdienst (10.15 Uhr) im Wiener Stephansdom feiern. radio klassik Stephansdom überträgt live.
Die in den Pfarren stark verwurzelte Caritas ist auch treibende Kraft für die Initiativen. Unter ihren Vorschlägen zur Gestaltung des neuen Welttages findet sich etwa die Aufstellung eines Warenkorbes zur Sammlung haltbarer Lebensmittel und Hygieneartikel für Sozialmärkte oder Tafeln. "Rundgänge der Not" machen damit vertraut, wo Bettler vor dem Supermarkt schlafen oder wohin sich Alleinerziehende in Finanznöten wenden können. Unter dem Motto "Kunst für alle" sind Pfarren zudem eingeladen, Freikarten für Theater oder Konzerte zu organisieren und an Menschen in prekären Lebenssituationen zu verteilen. Auch zur Eröffnung von Wärmestuben - allein in Wiener Pfarren gibt es in den Wintermonaten über 20 davon - und zu Armuts-Schwerpunkten in Gottesdiensten wird angeregt.
Bei der Umsetzung lassen die Pfarren ihrer Kreativität freien Lauf, hat beispielsweise die Diözese St. Pölten mit einer Auflistung von Aktivitäten für den 19. November aufgezeigt. Vielerorts wird Tee auf dem Kirchenplatz ausgeschenkt, der "Caritas-Tee" der Firma Sonnentor zugunsten der Caritas verkauft oder einfach Teebeutel am Kirchenausgang aufgelegt - als Einladung dazu, einen vielleicht schon lange geplanten Besuch bei alten, kranken oder einsamen Menschen in der Nachbarschaft oder Verwandtschaft zu machen, wie es hieß. Eine Wiener Pfarre hat angekündigt, Bewohner einer Notschlafstelle als "Ehrengäste" bei der Sonntagsmesse einzuladen, die Salzburger Pfarre Herrnau informiert über Armut in der Mozartstadt.
Darüber hinaus regt die Caritas-Aktion #keksehelfen dazu an, in den nächsten Wochen Kekse zu backen und Freunden oder Kollegen gemeinsam mit einer Spendenbox anzubieten; 6.000 Keksausstecher werden dazu allein in Wien am 19. November verteilt. Ein aus Anlass des Welttages konzipierter Caritas-Workshop soll Wiener Pfarren ab Frühjahr 2018 dabei helfen, noch gezielter auf Arme in der Nachbarschaft zuzugehen. Das Grazer Welthaus sammelt für ein Gartenbauprojekt gegen Hunger in Senegal, die Päpstlichen Missionswerke werfen mit den Augen von Gästen aus Tansania und Kamerun einen Blick auf das Thema Armut. Zu Solidarität auf geistlicher Ebene laden die Steyler Missionare mit einer "weltweiten Gebetsbrücke" am Welttag, während die Gebetsgemeinschaft "Rosenkranz-Sühnekreuzzug" ein Spanferkelessen für Menschen in Armut veranstaltet.
Bereits im Sommer hatte die österreichische Bischofskonferenz alle Gläubigen zur Beteiligung am neuen Welttag - als dessen Leitspruch der Papst "Liebt nicht mit Worten, sondern mit Taten" festgesetzt hat - aufgerufen. Viele Bischöfe feiern am 19. November spezielle Gottesdienste, sowie auch der künftige Tiroler Bischof Hermann Glettler, dessen Messe in der Grazer Caritas-Gemeinde um 9.30 Uhr von ORF 2 und ZDF live im Fernsehen übertragen wird. In knapp zwei Wochen Bischof, ist Glettler derzeit noch in seiner Heimatdiözese Graz Bischofsvikar für Caritas. Bei der Messe werden ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiter der Caritas, Schüler und sozial engagierte Menschen Gedanken ihres täglichen Wirkens für Menschen in Not vorbringen.
Kardinal Christoph Schönborn leitet am Vorabend zum "Welttag der Armen" (Samstag, 18 Uhr) eine Segens- und Sendungsfeier für Menschen in Not und Helfer in der Wiener Franziskanerkirche. Das angrenzende Innenstadt-Kloster ist das ganze Jahr über auf unbürokratische Unterstützung für Armutsbetroffene spezialisiert. Hilfe und Jause für Menschen in Not gibt es hier täglich, eine Suppenküche mit je rund 120 Gästen jeden Freitagvormittag, zudem im Vorfeld des Welttags auch Angebote wie Rechts-, Schuldner- und Raucherberatung, einen Kino- und Spielenachmittag sowie am Sonntagabend (18 Uhr) einen Festgottesdienst.
In der Diözese Gurk-Klagenfurt hat die Caritas zum "Welttag der Armen" angekündigt, die Klagenfurter Bürgerspitalkirche, die bislang nur mit Sondergenehmigung zugänglich war, in den nächsten Jahren zu einer Sozialkirche auszubauen. Zielgruppen seien insbesonders Menschen, die Hilfe bedürfen, sowie Menschen, die Hilfe geben, erklärte der neuernannte Kirchenrektor und Caritas-Direktor Josef Marketz vorab. Ein "offener, spiritueller, sozialer Raum, in dem alle Menschen willkommen sind, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, ihrer finanziellen Lage und ihrer Glaubenszugehörigkeit" solle somit entstehen.
Zum Auftakt findet in der Bürgerspitalkirche am 19. November um 11 Uhr ein zentraler Gottesdienst mit Marketz statt, gefolgt von einem "Elisabeth-Essen" für Menschen die sich finanziell, materiell, psychisch oder physisch in einer Notsituation befinden oder in sozialen Organisationen tätig sind. Man versuche, "neue Wege zu finden, damit die Armen in der Gesellschaft einen Raum zum Leben haben und nicht nur befürsorgt werden", erklärte der Caritas-Direktor. "Austausch und Begegnung auf Augenhöhe" sollten möglich werden. Auch in Zukunft seien "AfterWork"-Gottesdienste - zuerst am 22. Dezember, ab 2018 dann jeden dritten Freitag im Monat jeweils um 16 Uhr - geplant.