Auf den engen Zusammenhang zwischen Sexismus und Rechtsextremismus hat die Katholische Frauenbewegung Österreichs (kfbö) vor dem Hintergrund der laufenden "#MeToo"-Kampagne über sexuelle Übergriffe an Frauen hingewiesen. Zur Debatte stehe in beiden Fällen die Menschenwürde, erklärte kfbö-Vorsitzende Veronika Pernsteiner in einer Aussendung am Mittwoch, 15. November 2017. Sie verwies auf die Menschenwürde von "Frauen, die ein Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Übergriffen jeder Art haben", und auf die Menschenwürde von "Menschen, die nicht aus Österreich stammen oder etwa religiösen Minderheiten angehören".
"Unser Appell zum Einsatz für die Menschenwürde entspringt der Wahrnehmung, dass derzeit in der österreichischen Öffentlichkeit wesentliche Debatten mit sehr unterschiedlicher Gewichtung nebeneinander her laufen, die tatsächlich zusammengeschaut und mit entsprechender Gewichtung geführt werden müssen", betonte Pernsteiner. Jeglichen frauenfeindlichen, rassistischen oder gar antisemitischen Haltungen, Äußerungen und Handlungen sei eine Absage zu erteilen. "Alarmierend" nannte es die kfbö-Vorsitzende, wenn Derartiges bei politischen Vertretern wahrzunehmen sei, "die als demokratisch legitimierte AkteurInnen ein auf den Menschenrechten ruhendes Verständnis von Demokratie zu vertreten und umzusetzen hätten".
Indirekte Kritik übte die Katholische Frauenbewegung in ihrer Aussendung dabei an "einer der beiden Parteien, die derzeit in Regierungsverhandlungen stehen" - der FPÖ. In deren Wahlprogramm werde Stellung gegen die "Gleichmacherei von Mann und Frau" bezogen, im Parteiprogramm werde Gender-Mainstreaming - das Prinzip, bei Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern - "offen abgelehnt". Und auch der strafrechtlich relevante "Po-Grapsch-Paragraph" wurde im Parlament gegen die Stimmen der FPÖ beschlossen, erinnerte die kfbö.
So wie sexualisierten Übergriffen auf Frauen und dem dahinter stehenden Machtmissbrauch "entschieden entgegenzutreten" sei, gelte es auch gegen politische Gruppen und Parteien aufzutreten, "die etwa eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern infrage stellen oder gar ablehnen bzw. Frauen herabwürdigen", betonte Pernsteiner.
Ein Dorn im Auge ist der kfbö auch die oft mit einengenden Frauenbildern verbundene Nähe von Politikern zu rechtsextremen Kreisen. Pernsteiner verwies auf die jüngst von "SOS Mitmensch", dem Mauthausen Komitee und Autor Hans-Henning Scharsach geäußerte Kritik an FPÖ-Vertretern wegen deren diesbezüglicher "Verstrickung". Über dies belegende Fakten dürfte nicht hinweggesehen werden. "Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen in dieser Republik, sich mit diesen Fakten zu konfrontieren und, orientiert an Menschenwürde und Menschenrechten, die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen", so die kfbö-Vorsitzende.
Die derzeitige "#MeToo"-Debatte über sexuelle Belästigung ist in den Augen der Moraltheologin Angelika Walser ein heilsamer Kommunikationsprozess: Es sei wichtig, sachlich über ungleiche Machtverteilung in der Gesellschaft - jedoch auch in der Kirche - zu sprechen, da viele Menschen an deren Folgen zu leiden hätten. Besonders gelte dies für Frauen und für den lange verschwiegenen Sexismus, erklärte die Professorin der Universität Salzburg im Interview mit der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen in deren aktueller Ausgabe.
Die Diskussion, losgetreten von einer US-Schauspielerin unter dem Twitter-Hashtag "#MeToo", korrigiere ein "zu einfach gestricktes" Bild, das eine Vorgänger-Debatte nach den Kölner Übergriffen der Silvesternacht 2015/16 hinterlassen habe, befand Walser. Seien damals nur Migration und "wilde schwarze Männer, die unsere weißen Frauen begrapschen" im Fokus gestanden, erkenne man nun, dass es vielmehr vor allem um "weiße, ehrenwerte Männer, die ihre Macht ausnutzen" gehe. "Sexismus ist Teil unserer Gesellschaft", so die Theologin. Die jetzige Debatte sei "heilsam, damit sich etwas ändert".
Das im Sexismus typische Muster der Schuldzuweisung an das Opfer müsse überwunden werden, forderte Walser. Menschen seien bei ihrer Sexualität sehr verletzlich, was das Nein-Sagen oft so schwierig mache. "Junge Frauen, die sich ihres eigenen Körpers noch gar nicht sicher sind, tun häufig Dinge, die sie eigentlich nicht wollen - damit sie attraktiv sind, damit sie cool wirken. Da kann es auch sein, dass eine Frau relativ stark ist und sich nachher im stillen Kämmerlein etwas anderes denkt."
Die breite Solidarität, die in der "#MeToo"-Kampagne sichtbar geworden sei, helfe Frauen beim Nein-Sagen, so der Eindruck der Theologin. Sie helfe auch dabei, im Fall des Falles vor Gericht und zum Gleichbehandlungsbeauftragten zu gehen. Schließlich könnten die in Österreich bestehenden klaren gesetzlichen Regelungen hinsichtlich sexueller Belästigung, die Walser als "ausreichend" bezeichnete, oft nur deshalb nicht vollzogen werden, da sich viele Frauen aus Scham- und Schuldgefühl nicht öffentlich outen wollten.
Notwendig seien vor allem "gemeinsame Regeln, wie Männer und Frauen miteinander umgehen wollen in Machtverhältnissen am Arbeitsplatz", befand Walser. Erkannt werde nun, dass die aus der 68er-Bewegung gewonnene Freiheit, "wo angeblich alles erlaubt ist, nicht ohne unausgesprochene Vorgaben auskommt, und dass Macht und ungleiche Machtverteilung zwischen Männern und Frauen nach wie vor ein Thema ist". Sexuelle Belästigung sei insofern Gewalt, als sie "die Entfaltung einer anderen Person behindert" und Personen den benötigten Raum zum Arbeiten oder Leben nehme.
Symbolisch zeige dies bereits der "Klassiker in der U-Bahn": Frauen, die von einem gegenübersitzenden Mann angestarrt werden, würden meist eher ihren Platz verlassen - und somit den ihnen zustehenden Raum aufgeben. "Das soll man nicht tun. Man soll laut sagen: Hören Sie auf, mich anzustarren. Aber es gibt nicht viele Frauen, die das können. Man ist auch nicht immer in dieser Verfassung", so die Theologin.
Menschenwürdige Sexualität sei dann gegeben, "wenn ich niemandem Schaden zufüge, wenn freie Zustimmung und Einvernehmlichkeit herrschen, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht, wenn es eine gleiche Machtverteilung gibt", zitierte Walser die US-Ethikerin und Ordensfrau Margaret Farley, die versucht habe, eine von Menschenwürde und Gerechtigkeit geleitete Sexualmoral zu entwickeln. Auch der Feminismus leiste hier wichtige Beiträge, da er das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung betonte und Fragen nach Macht, Gewalt und Autorität stelle.