Seit dem Bau der Mauer im Grenzgebiet zwischen Israel und Palästina hat sich die Zahl der kleinen Patienten im Caritas-Baby-Hospital in Bethlehem mehr als verdreifacht. Das berichtete Hiyam Marzouqa, Chefärztin des Kinderspitals, die sich Anfang November 2017 zu einer Vortragsreise in Österreich aufhält. Im vergangenen Jahr habe das Spital rund 41.000 Kinder behandelt. "Wir stellen uns darauf ein und passen uns immer den Bedürfnissen der Menschen an. Wir haben mehr Personal aufgenommen und dieses entsprechend weitergebildet, damit wir diesem Druck gerecht werden können", so Marzouqa im "Kathpress"-Interview.
Das rein aus Spenden finanzierte Spital ist die medizinische Anlaufstelle für rund 330.000 Kinder unter 14 Jahren, die im südlichen Westjordanland zwischen Bethlehem und Hebron leben. Das Spital ist aber nicht nur die einzige regionale Kinderklinik, sondern auch das einzige Spital, in dem nicht nach Religion, Herkunft oder Sozialstatus der Patienten gefragt wird. Es sei oft nicht leicht, dass man alle Patienten gut behandle, wenn bis zu 200 pro Tag kommen, so die Chefärztin. Arme und bedürftige Kinder würden zudem kostenlos behandelt, niemand werde abgewiesen, auch die Medikamente würden gratis zur Verfügung gestellt. Das sei letztlich für das Krankenhaus sogar günstiger, anstatt immer wieder die gleichen Patienten aufnehmen zu müssen, erläuterte Marzouqa.
Auf die Lebensumstände in Bethlehem angesprochen meinte die Ärztin, dass immer mehr Menschen auf immer weniger Raum leben müssten. "Im Moment entstehen viele Hochhäuser in Bethlehem. Die Zahl der Menschen hat sich vermehrt, leeres Land gibt es keines mehr."
Zur Beendigung der jetzt schon 50-jährigen israelischen Besetzung müsse endlich eine politische Lösung gefunden werden, so Marzouqa. "Wir Palästinenser wünschen uns nur, uns als Volk frei bewegen und in Würde leben zu können." Sie sei davon überzeugt, dass auf palästinensischer wie israelischer Seite die meisten Menschen "einfach nur normal und in Frieden" nebeneinander leben und ihre Kinder nicht in diesem endlosen Konflikt aufwachsen sehen wollten. Eine Zwei-Staaten-Lösung halte sie für die bessere politische Option, so die Ärztin: "Ich wünsche mir, dass meine Kinder in Bethlehem eine Zukunft haben."
Das Kinderspital steht keine 500 Meter hinter der Mauer, die Israel und Palästina trennt. Trotz der angespannten politischen Lage war das Hospital seit seiner Gründung vor 65 Jahren aber noch keinen einzigen Tag geschlossen. Im Mittelpunkt des Angebotes des Caritas-Baby-Hospitals steht die ambulante Klinik mit allgemeinen Sprechstunden und ihren Spezialangeboten wie etwa für Kinder mit Lungenerkrankungen, Entwicklungsstörungen oder Stoffwechselkrankheiten. Auf der Pflegestation können 82 Kinder stationär betreut werden, wobei Mütter bei Bedarf bei ihren Kindern übernachten können. Seit 2013 gibt es auch eine Intensivstation.
Die Klinik betreibt auch eine "Mütterschule". Die meist sehr jungen Frauen erhalten Unterricht in Gesundheitsvorsorge und erzieherischen Fragen. Viele palästinensische Frauen würden sehr jung heiraten und seien selbst noch Kinder ohne entsprechende Ausbildung und Fertigkeiten, erläuterte Marzouqa. Deshalb arbeiten im Spital auch Sozialarbeiterinnen, die Mütter und Kinder nicht nur während des Aufenthalts, sondern auch danach begleiten und bei der Bewältigung des Alltags hilfreich zur Seite stehen.
Am Heiligen Abend 1952 sah der Schweizer Ordensmann P. Ernst Schnydring in Bethlehem, wie ein verzweifelter palästinensischer Vater sein totes Kind in der Nähe eines Flüchtlingslagers begrub. Tief erschüttert mietete Schnydring ein Haus, stellte die ersten 14 Betten hinein und nannte die neue Einrichtung "Caritas Baby Hospital". Auch einen palästinensischen Arzt konnte der Pater für seine Initiative gewinnen. Nie wieder sollte einem Kind im Geburtsort Jesu medizinische Hilfe verwehrt bleiben. Das anfängliche Provisorium entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem modernen Kinderspital.
Zur Finanzierung wurde in der Schweiz der Verein "Kinderhilfe Bethlehem" gegründet. Inzwischen gibt es auch in Österreich, Deutschland, Italien und Großbritannien Zweigstellen. In der Schweiz wird zu Weihnachten in allen katholischen Pfarren für das Spital gesammelt. Anlass für den aktuellen Besuch Marzouqas in Österreich ist das zehnjährige Jubiläum des Vereins "Kinderhilfe Bethlehem Österreich".