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02.11.2017

„Die Heiligen sind unsere Geschwister“

Kardinal Schönborn beim Allerheiligenhochamt im Stephansdom.

Sollen wir sie fürchten, oder sollen wir sie lieben? Sollen wir vor ihnen Angst haben? Oder sollen wir ihnen vertrauen?  Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn stellte einige Fragen an den Beginn seiner Predigt zu Allerheiligen, Mittwoch, 1. November 2017 im Stephansdom. Denn der Dom „gäbe Zeugnis von den Heiligen“, so der Wiener Erzbischof.
 

Und er gibt den Gläubigen Fragen mit auf den Weg: „Haben wir überhaupt einen Zugang zum Heiligen? Warum sollen wir sie fürchten?“ Eine Überlegung des Wiener Erzbischofs dazu: „ Vielleicht deshalb, weil wir nicht perfekt sind“.
 

Eine radikale Frage sei, so Kardinal Schönborn: „Müssen wir vor Gott Angst haben, oder dürfen wir ihn lieben? Angst vor Gott, nicht nur vor seinen Heiligen. Sagen wir nicht, das gibt es nicht, eine solche Angst, oh ja es gibt sie.“ Und dazu nimmt der Wiener Erzbischof Bezug bei Martin Luther: „Ihn hat die Frage umgetrieben, wie finde ich einen gnädigen Gott?“. Dabei gehe es auch um Angst vor Gott.
 

„Bin ich geliebt, mag mich Gott?“

Für Kardinal Schönborn zeigt sich: „Ich glaube, diese Angst sitzt auch heute in vielen, ich wage zu sagen, in uns allen, tief drinnen im Herzen. Bewusst, oder unbewusst, oder unterbewusst. Es ist die Frage, bin ich angenommen, bin ich geliebt, mag mich Gott? Das ist ja nur die Kehrseite der Frage, werde ich verurteilt, werde ich abgelehnt? Ist Gott mir gnädig? Und wenn er mir gnädig ist, ist er es nur aus Nachsicht, oder ist er mir gnädig aus ganzem Herzen? Ist er mir nur gnädig, weil er mich halt gnadenhalber nicht verurteilt, oder mag er mich wirklich?“.
 

Zu Luthers Zeiten habe man und wohl immer schon, in allen Religionen Wege gesucht, sich „des Heils zu versichern, eine Sicherheit zu bekommen, das man die Gunst Gottes erwerben kann, gewinnen kann“. so Kardinal Schönborn. Der Ablass gehörte dazu, gegen den Luther heftig gekämpft habe. An dieser Stelle erinnert der Wiener Erzbischof auch an den 31. Oktober 1517: „Gestern vor 500 Jahren in seinen Thesen, ging es vor allem um den Ablass. Kann man durch Geld, durch Zahlungen, sich die himmlische Gnade erwerben? Kann man es überhaupt durch Werke, durch unsere Leistungen, die Gnade Gottes sich verdienen? Und die Heiligenverehrung, so sah es Luther, auch zu dieser Angst vor Gott. Deshalb braucht man Fürsprecher vor Gott, damit sie Gott gnädig stimmen. Und die Reliquienverehrung, die damals geblüht hat, war für Luther ein Argument, wieder zu sagen, der Mensch will sich Sicherheit schaffen, Gott gegenüber“.

 

Jesus vertrauen, ihm glauben

Den großen Betrieb der Heilsversicherung habe Luther mit einem Schlag abgelehnt, so der Wiener Erzbischof. Eine fundamentale Erfahrung, „von der er immer gesagt hat, das war die Erfahrung, die Wende in seinem Leben, die innere Gewissheit, die Klarheit, Jesus Christus, er ist unser Heil. Er ist der, der uns von der Angst befreit. Er ist die Gerechtigkeit. Nicht was ich leiste, nicht meine Werke. Nicht das, was die Heiligen für mich bewirken können. Nicht das macht mich gerecht vor Gott. Nur eines, das ich Jesus Christus vertraue, ihm glaube. Nur das eine ist erforderlich, der Glaube.  Sola fide, allein durch Glauben werden wir gerettet. Das war Luthers umstürzende Erfahrung.  Sein letztes Wort am Sterbebett war: Wir sind Bettler, das ist wahr“, so Kardinal Schönborn.

 

Die evangelischen und die katholischen Christen verbinde, unterstreicht der Wiener Erzbischof: „wenn nicht das Vertrauen auf Christus, die Liebe zu Christus. Die Heiligen sind nicht die, die uns gewissermaßen ein Schutzschild gegen Gottes Zorn sind. Gegen einen strafenden Gott. Die Heiligen sind unsere Geschwister. Unsere Brüder und Schwestern, die uns vorausgegangen sind. Die uns vorgelebt haben, was es heißt, arm zu sein vor Gott zu vertrauen“.  Daher brauche man sich nicht vor den Heiligen zu fürchten, sondern man sollte sie sehen „die älteren Geschwister, die uns helfen, arm zu sein vor Gott.  Das heißt zu vertrauen, zu glauben, auf unserem oft so mühevollen irdischen Pilgerweg“, unterstreicht Kardinal Schönborn zu Allerheiligen 2017.