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02.11.2017

Zahlt sich eine Investition in ein soziales Projekt überhaupt aus?

Die Ökonomin Olivia Rauscher im Interview über soziale Wirkungen von Investitionen.

Viele Geldanleger verbinden neben dem wirtschaftlichen Ziel, eine Rendite zu erhalten, zunehmend auch ökologische und soziale Beweggründe. Social Impact Investing, im Deutschen als wirkungsorientiertes Investieren übersetzt, schließt die Lücke zwischen klassischer Kapitalanlage und Spende. Gelder fließen ausschließlich in Unternehmen und Organisationen, die den Zweck haben, gesellschaftliche Probleme zu lösen, seien es soziale oder Umweltprobleme, aber nicht nur in Entwicklungsländern, sondern generell.

 

Warum interessieren sich Investoren verstärkt dafür, was ihre Gelder bewirken?

Olivia Rauscher: Es sind heute nicht mehr nur Philanthropen, die Stiftungen gründen, um Gutes zu tun, immer mehr InvestorInnen verfolgen neben wirtschaftlichen Zielen auch ökologische und soziale Intensionen. Das hat unter anderem mit einer Entwicklung zu tun, die  weg vom klassischen Gedanken der Selbstlosigkeit oder der sozialen Anerkennung, hin zu einem modernen Gedanken der Selbstentfaltung geht. Wer etwas gibt, will Ziele auch gestalten dürfen und positive Wirkungen erreichen, die es dann auch darzustellen gilt.

 

Wie lässt sich der gesellschaftliche Mehrwert von sozialen und ökologischen Projekten messen?

Olivia Rauscher: Es gibt eine Vielzahl von Methoden. Eine, die vielfach eingesetzt wird, ist die sogenannte „Social Return on Investment“-Analyse. Sie beschreitet einen speziellen Weg, den andere Methoden nicht gehen. Sie versucht die Wirkungen, die identifiziert und gemessen werden, schließlich in Geldeinheiten zu übersetzen. In Summe können so die Wirkungen, die in  Geldeinheiten, z.B. Euros „übersetzt“  werden, zusammengezählt und den Investitionen gegenübergestellt werden. Dadurch bekommt man als Endergebnis eine Verhältniskennzahl heraus. Der Wert 1:3 würde beispielsweise bedeuten, dass ein in das jeweilige Projekt investierte Euro einen gesellschaftlichen Mehrwert von drei Euro erzeugt. Dieser Mehrwert kann ökonomische Wirkungen, wie Einsparungseffekte seitens des Staates oder aber auch soziale Wirkungen, wie eine verbesserte Gesundheit oder eine stärkere Integration der Betroffenen in die Gesellschaft umfassen. Die Herausforderung dabei ist, geeignete Verfahren zu finden, um diese Wirkungen zu monetarisieren, d.h. in Geldeinheiten auszudrücken. Es gibt jedoch auch viele andere Methoden, die keine Bewertung der Wirkungen in Geldeinheiten vornehmen.

 

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Sind unterschiedliche Wirkungen überhaupt miteinander vergleichbar?

Olivia Rauscher: Hier ist Vorsicht geboten. Diese Kennzahlen, wie die „Sozialrendite“ verführen natürlich dazu, sie im Sinne eines Benchmarkings nebeneinander zu stellt und zu vergleicht. Es müssen jedoch ein paar wichtige Faktoren beachtet werden, um einen Vergleich zulässig zu machen, ansonsten würden  Äpfel mit Birnen vergleichen werden. Hierzu zählt beispielsweise der sozialstaatliche Kontext der Projekte, d.h. es ist ein Unterschied, ob ein Projekt in Äthiopien oder in Österreich durchgeführt wird. Auch auf die methodische Durchführung v.a. bei der Monetarisierung der Wirkungen und auf das Themenfeld der Projekte muss geachtet werden. Wird eine Gesundheitsinitiative einem Umweltprojekt gegenüber gestellt oder werden Projekte innerhalb des Gesundheitssektors verglichen? Außerdem gibt es gewisse Bereiche, die in einem Wirkungsvergleich tendenziell schlechter abschneiden werden, man denke nur an Themen wie Hospiz oder Programme, die sich an kleine Zielgruppen, wie etwa Schmetterlingskinder wenden. Hier müssen wir uns als Gesellschaft meines Erachtens nach in demokratischen Prozessen entscheiden, was uns wichtig ist und in welche Bereiche investiert werden soll. Es wird immer Themen geben, bei denen eine Wirkungsmessung an ihre Grenzen kommt. In diesen Fällen müssen wir andere Wege der Entscheidungsfindung gehen.

 

Inwieweit können Wirkungsbetrachtungen eine Gelegenheit zur Weiterentwicklung von Organisationen bieten?

Olivia Rauscher: Ich denke, es ist eine große Chance, einen Schritt weiter, von einer Leistungsgesellschaft in eine Wirkungsgesellschaft zu gehen. Damit geht ein generelles Umdenken einher: Der Fokus sollte nicht länger nur auf den Kosten und den erbrachten Leistungen von Projekten oder Programmen liegen, sondern auf den erzeugten Nutzen bzw. Wirkungen. Letztlich ist es doch das Ziel vieler Organisationen mit ihren Produkten oder Dienstleistungen einen gewissen Nutzen bei ihren Zielgruppen zu stiften. Wirkungsüberlegungen können daher helfen, Wirkungsziele zu definieren und messen, aufzuzeigen, welche Leistungen besonders effektiv sind oder auch Organisationen wirkungsorientiert zu steuern. Für herkömmliche Firmen kann eine stärkere Wirkungsorientierung dabei hilfreich sein, potentielle KundInnen anzusprechen, die zunehmend stärker auf die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen achten.

 

Welche Vision von einer Wirkungsgesellschaft haben Sie?

Olivia Rauscher: Wir haben uns als Gesellschaft in vielerlei Hinsicht dafür entschlossen, wirkungsorientiert zu handeln. Das zeigt sich auf einer organisationalen Ebene: Die meisten Organisationen definieren in ihrer Mission oder ihrem Leitbild, welche Wirkungen sie erreichen möchten. Auf der Ebene der öffentlichen Verwaltung: Stichwort wirkungsorientierte Haushaltsführung oder auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, durch Ziele, wie die Erfüllung der Sustainable Development Goals. Ich würde mir wünschen, dass wir den Weg in eine Wirkungsgesellschaft weiter gehen und uns nicht länger nur an den bisherigen Leistungskennzahlen und KPIs orientieren, wenn es um die Beurteilung von Aktivitäten, Leistungen oder Produkten geht. Und ich fände es wichtig, auch die herkömmlichen Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen, über ihre positiven wie negativen Wirkungen zu berichten. Die NGOs und sozialen Unternehmen sind in diesem Fall bereits ein Stück weiter.