Nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel besteht in Deutschland ein "sehr interessantes Verhältnis von Kirche und Staat". Dies sei sicherlich auch sehr stark durch die Reformation mit geprägt. "Das bedeutet, dass wir zwar eine Trennung von Kirche und Staat haben, aber nicht eine vollständige Trennung, wie wir sie zum Beispiel in Frankreich durch den Laizismus haben", sagte die deutsche Kanzlerin in einer am Samstag, 28. Oktober 2017 veröffentlichten Videobotschaft zum zu Ende gehenden Gedenkjahr "500 Jahre Reformation".
Sie verwies darin auf die Verträge zwischen Kirche und Staat "auf sehr guter Grundlage" sowie auf den Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes. Eine "Trennung der Aufgaben", aber auch ein klares Bekenntnis im staatlichen Bereich, "dass das Christentum eine der Grundlagen unserer Arbeit ist und natürlich auch unsere persönliche Tätigkeit prägt", finde sie sehr gelungen, so die Berliner Regierungschefin.
Martin Luther sei für sie "immer Ermutigung gewesen", sagte Merkel in der Videobotschaft. Den Reformator bezeichnete sie als "unbändigen Arbeiter". Und: "Für mich ist aber genauso schön, dass er mit beiden Beinen im Leben gestanden hat." Sie verwies neben der Bibelübersetzung auch auf die Lieder, die Luther "auch als Familienvater" geschrieben habe. Zudem gebe es Kochbücher aus der Lutherzeit, die zeigten, "dass er auch gerne gelebt, gegessen und getrunken hat".
Merkel sagte: "Diese Kombination aus einem bodenständigen Menschen und einem, der ein ganz klares Bild bezüglich Gott und der Welt hatte, und der den Menschen auch gesehen hat als jemand, der Verantwortung übernehmen muss und nicht einfach sich in sein Schicksal fügen soll, sondern Freiheit hat, um Verantwortung für andere zu übernehmen: Das finde ich das Bedeutende an Luther."
Das Gedenken an 500 Jahre Reformation habe dazu geführt, dass man Luther von verschiedenen Seiten sehe, "und das finde ich auch richtig", so Merkel, die in einem protestantischen Pfarrhaus aufgewachsen ist. Luther sei mit "unglaublichen" Stärken, aber auch Schwächen ausgestattet gewesen. Es sei wichtig, etwa über seine Äußerungen zum Judentum sehr kritisch zu berichten. "Das ist für mich die vollständige, historische Rezeption, die wir brauchen."
Der Reformationstag an diesem Dienstag und das damit verbundene 500-Jahr-Gedenken gäben Gelegenheit, darüber nachzudenken, was die Reformation an Veränderungen gebracht habe, sagte Merkel, die am 31. Oktober an einem Festgottesdienst und einem staatlichen Festakt in Wittenberg teilnehmen will. Durch die Reformation sei "vieles gesellschaftspolitisch in Gang gekommen". Ohne die Erfindung des Buchdrucks sei die Reformation allerdings undenkbar.
"Die Kombination von der Übersetzung der Bibel ins Deutsche plus der Verfügbarkeit von Gedrucktem hat natürlich zu einer Verbreitung der christlichen Lehre geführt, aber damit auch zu einer Emanzipation", betonte Merkel. Es lohne sich, darüber nachzudenken, was vor 500 Jahren in Deutschland und in Europa wegen Luther, der Reformation und der neuen technischen Möglichkeiten passiert sei, "um auch unsere Zeit besser zu verstehen".