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25.10.2017

Köhlmeier bei Poetikvorlesung: Märchen kommen ohne Moral aus

Österreichischer Schriftsteller spricht an Uni Wien über zwei Grimm-Märchen, in denen der Teufel und die Madonna ähnlich agieren.

Märchen kommen als nicht reduzierbare "Primzahlen der Literatur" ohne Moral aus. Das hat der österreichische Erfolgsschriftsteller Michael Köhlmeier am Dienstagabend, 24. Oktober 2017 bei seiner Poetikvorlesung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien dargelegt. Märchen greifen kulturüberschreitend gültige Archetypen und bildhafte Chiffren auf und kleiden diese in eine erklärende Geschichte, in der die moralischen Kategorien Gut und Böse meist hintanstehen. Gerade in den von den Gebrüdern Grimm gesammelten Volksmärchen werden laut Köhlmeier Grausamkeiten, Schmerz und "Böses" weitgehend nüchtern und gefühlsarm geschildert. "Die Moral von der Geschichte" sei später aufgepfropft und eigentlich verzichtbar, so der Autor.

 

Seine These von der Nähe und damit Verwechselbarkeit von Gut und Böse veranschaulichte Köhlmeier vor rund 250 Zuhörern im restlos überfüllten Hörsaal 47 anhand der Grimm-Märchen "Das Mädchen ohne Hände" und "Marienkind". Ersteres sei in ursprünglichen Fassungen eine "wenig verschlüsselte Missbrauchsgeschichte", in der der Teufel dann die Rolle des Vaters einnimmt: Er gewinnt den verarmten Müller für einen Tausch, der eigentlich ein Betrug ist, wie Köhlmeier darlegte; das zugesagte wertvolle, im Haushalt Befindliche entpuppt sich als Tochter, derer der verkleidete Teufel habhaft werden will. Ganz ähnlich agiert die Madonna in "Marienkind": Auch hier nimmt die sonst untadelig Gute dem ahnungslosen Vater das Versprechen ab, ihr das Wertvollste - die Tochter - zu überlassen.

 

Gegen den Vorwurf "grausamer" Märchen

Der immer wieder mit Mythen und Märchen beschäftigte Autor wandte sich gegen eine überzogene Pädagogisierung der Märchen - und auch gegen Bedenken, Kinder könnten durch die Gewalt, ja Brutalität darin verschreckt werden. Seiner Erfahrung nach sind Kinder nicht irritierbar durch verbrannte Hexen wie bei "Hänsel und Gretel" oder entzweigerissene Zwerge wie bei "Rumpelstilzchen", sondern haben ein Gespür für die Symbolhaftigkeit und ursprüngliche Schönheit dieser alten Geschichten. Laut Köhlmeier sind Märchen - wie Musik - jenseits einer ihnen zugeschriebenen Bedeutung einfach schön: "Auch bei einem Schmetterling käme niemand auf die Idee zu fragen, welchen 'Sinn' der hat."

 

Einen Exkurs widmete der Schriftsteller dem Bösen, das laut kirchlicher Lehre nicht nur in Werken, sondern auch in Worten und Gedanken als Sünde zu bekennen ist. Schon bei Worten sei die Zuordnung "böse" nicht leicht zu treffen und jedenfalls kontextabhängig. Und Gedanken zu "filtern" sei schlechthin unmöglich; hier Bösem habhaft werden zu wollen, sei ein Zugriff auf einen von der Natur gegebenen Freiheitsraum, wie der ehemalige Zögling einer Vorarlberger Ordensschule anmerkte. 

 

"Mangel an Schönheit bedeutet Unglück"

In einem Interview im Vorfeld der Vorlesung stellte der Initiator der Poetikdozentur, der Wiener Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück, Michael Köhlmeier die Frage, ob dessen Aufgreifen antiker Mythen und auch biblischer Geschichten "ein leiser Aufstand gegen kulturellen Gedächtnisverlust, gegen wachsenden religiösen Analphabetismus" sei. "Das war es vielleicht auch", antwortete der Poet. "Aber ich bin kein Drohender, kein Mahner und kein Retter." Und er habe auch keine Sorge, dass all diese Geschichten verlorengehen. "Ich wollte sie und will sie erzählen, weil sie schön sind", betonte Köhlmeier. Er bedauerte, dass "reine, ideologiefreie Schönheit ohne einen didaktischen Hintergedanken heute kaum eine Rolle mehr spielt. Mangel an Schönheit aber bedeutet Unglück."