Der vor 25 Jahren veröffentlichte Katechismus hat es geschafft, sich international zu dem Referenzwerk für das Lehramt und auch für die Katechese durchzusetzen: Das hat Kardinal Christoph Schönborn, der selbst als Redaktionssekretär wesentlich an der Entstehung des katholischen Glaubensbuches beigetragen hat, am Dienstag, 10. Oktober 2017 im Interview mit der Nachrichtenagentur "Kathpress" dargelegt. Einzig im deutschsprachigen Raum sei der Katechismus "noch nicht wirklich in der Tiefe angekommen", bedauerte der Wiener Erzbischof. Der Grund dafür "gehört für mich zu den Geheimnissen, die ich nicht erklären kann, die ich aber bedauere", erklärte er.
Vielfach sei der Katechismus "ein bisschen von oben herunter behandelt" worden, bemerkte der Wiener Erzbischof, "mit Ironisieren und diesem alten, wirklich überholten Vorurteil, Katechismus sei vorkonziliär". Hier sei gerade im Reformationsjahr auf Martin Luther zu verweisen: Dessen "großer, bahnbrechender Erfolg" und sein "genialer Griff" sei es gewesen, Glaubensinhalte in kurzen Aussagen in Form des kleinen Katechismus - und in größerer, ausführlicherer Form für die Glaubensvermittler - zu sammeln und zu publizieren, gab der Kardinal zu bedenken.
Eine Gesamtdarstellung des katholischen Glaubens und Lebens sei in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auch die Vorgabe von Kardinal Joseph Ratzinger - den Papst Johannes Paul II. zum Kommissionspräsidenten für die Erstellung des Katechismus bestimmt hatte - gewesen, berichtete Schönborn. Als Leitlinien gab Ratzinger die vier Grundthemen der Erwachsenen-Taufvorbereitung vor: "Was glauben wir (das Credo), wie feiern wir (die Sakramente), wie leben wir (die Gebote) und wie beten wir (das Vaterunser)", wie Schönborn erklärte. Der Katechismus solle so konzipiert sein, "dass der Leser, wenn er dieses Buch in die Hand nimmt, sagen kann: Hier erfahre ich, was die katholische Kirche lehrt - nicht, was dieser oder jener Theologe sagt, und sei er noch so berühmt und heilig."
Sieben Bischöfe erstellten nach diesen Vorgaben zunächst einen ersten Gesamtentwurf, der von 40 Katechese-Experten begutachtet wurde, beschrieb Schönborn die Anfänge der Erstellung. "Sehr bald wurde dann klar, dass es eine Instanz braucht, die das Ganze vereinheitlicht." Der heutige Wiener Erzbischof selbst - damals Theologieprofessor in Freiburg - wurde von Kardinal Ratzinger im Herbst 1987 zum Redaktionssekretär bestellt. Zunächst sei es darum gegangen, die Expertenrückmeldungen zu sichten und zu verarbeiten, Schlüsse zu ziehen und neue Vorschläge zu liefern. Ein so entstandener "zweiter Großentwurf" wurde in eine weltweite Konsultation an 3.000 Bischöfe versandt, mit der Bitte um Rückmeldungen.
Aus heutiger Perspektive sei der Vermerk, dass es sich beim Rohentwurf um ein vertrauliches Dokument handle, "naiv" gewesen, bekannte Kardinal Schönborn. "Natürlich gab es von früh an heftige Diskussionen." Gegner hätten dem Projekt vor allem vorgehalten, die Erstellung eines Glaubensbuches für die ganze Welt sei heute "unmöglich" angesichts der vielen Kulturen, Theologien und Geschichten. Kardinal Ratzinger habe diese Herausforderung jedoch sehr ernst genommen, stehe dahinter doch auch die Grundfrage, ob eine gemeinsame Formulierung des einen Glaubens überhaupt noch möglich sei.
25.000 Änderungswünsche von Bischöfen seien auf den Zweitentwurf aus aller Welt eingegangen - "oft wirkliche Bereicherungen, Hinweise auf Fehlendes oder auch bessere Formulierungen, manchmal aber auch zu detaillierte Wünsche, die in ein zwar großes, aber doch begrenztes Glaubensbuch nicht hineingehören", wie der Kardinal darlegte. Ein Team habe die Wünsche gesichtet und vor allem danach bewertet, ob es sich dabei um Kirchenlehre oder um theologische Meinung gehandelt habe.
Zu der "wirklichen Endredaktion" sei es dann in der dritten Phase gekommen, bei der das gesamte Werk in eine sprachliche Einheit gebracht werden sollte. Erleichtert habe die Arbeit der Umstand, dass alle Mitglieder des Redaktionskomitees des Französischen - "einer modernen, der Kirche vertrauten Sprache" - mächtig waren, wie Kardinal Schönborn berichtete. Stellvertretend für das gesamte Komitee habe er sogar einen hohen französischen Orden für die hohe Qualität der französischen Sprache bekommen, so gut sei die Arbeit gelungen, erklärte der Wiener Erzbischof.
Im 14. Februar 1992 wurde der Gesamttext des Katechismus schließlich von der Kommission einstimmig gutgeheißen und Papst Johannes Paul II. übergeben, der ihn nach seiner eigenen Prüfung am 11. Oktober 1992 promulgierte.
Manche Punkte des Katechismus seien gleich ab der Publikation umstritten gewesen, führte Kardinal Schönborn am Beispiel der Positionierung zur Todesstrafe aus. Als Erklärung zum Fünften Gebot (Du sollst nicht töten) steht hier unter Nummer 2.267: "Unter der Voraussetzung, dass die Identität und die Verantwortung des Schuldigen mit ganzer Sicherheit feststeht, schließt die überlieferte Lehre der Kirche den Rückgriff auf die Todesstrafe nicht aus, wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen." Die daran anschließenden Ausführungen stellen klar, dass unblutige Mittel den blutigen immer vorzuziehen seien.
Papst Johannes Paul II. habe in der Frage der Todesstrafe eine entschiedenere Ablehnung gewünscht, dann aber "aus Respekt vor der überlieferten Lehre" die Formulierung der Kommission akzeptiert, berichtete Kardinal Schönborn. Gleichzeitig sei jedoch zu bedenken, dass in dieser Frage eine Entwicklung des Bewusstseins in Gang sei; auch Sklaverei und Folter seien über lange Zeit von der Kirche nicht entschieden abgelehnt worden. Die Frage weiter zu klären erscheine ihm wichtig, sagte der Erzbischof mit Blick auf einen "Trend zur Todesstrafe" in verschiedenen Regionen "bis hin auch zu der besorgniserregenden Tatsache, dass heute präsumptive Terroristen fast immer einfach erschossen werden".
Jedenfalls keinen Bruch mit dem Katechismus gebe es Kardinal Schönborn zufolge bei Papst Franziskus, insbesondere was dessen Haltung zu Ehe und Beziehungen betrifft. Das zuletzt in Diskussion gekommene Papstschreiben "Amoris laetitia" sei "ganz auf der Linie des Katechismus", zumal dieser in seinem dritten Teil bereits das Augenmerk stark auf die handelnde Person statt nur auf die Norm richtet. Die betreffenden Abschnitte sollten als "Einführung in 'Amoris laetitia'" gelesen werden, empfahl der Wiener Erzbischof.
Die Auseinandersetzung um "Amoris laetitia" verliefen dem Kardinal zufolge "sehr viel friedlicher, würden die Kritiker gründlicher die Fundamentalmoral im Katechismus studieren, die ganz an Thomas von Aquin orientiert sei: "Nämlich, dass sich jegliches sittliches Handeln in einer Geschichte abspielt, in der Geschichte eines konkreten Menschen, mit den Prägungen, Möglichkeiten, Voraussetzungen, Lebensumständen, den Begrenzungen und Chancen der eigenen Freiheit". Sowohl das Papstschreiben über Ehe als auch der Katechismus würden ein "genaues Hinschauen und Sichtbar- und Spürbarmachen" fordern.