des heiligen Augustinus
Gott, du wahres, du höchstes Leben, all dessen, was wahrhaft
aus deiner Kraft lebt.
Gott, du meine Glückseligkeit, Ursprung, Beginn und Urheber der Freude,
all dessen, was glückhaft ist.
Gott des Schönen und des Guten,
in all dem, was gut und schön ist.
Gott, du Licht der Einsicht, Ursprung, Anfang und Urheber des Lichts der
Erkenntnis, in all dem, was leuchtet
in diesem Licht.
Gott, dessen Reich jene Welt ist,
die die Sinne nicht kennen.
Gott, dessen Reich den irdischen
Reichen das Gesetz gibt.
Gott, von dir sich entfernen ist fallen,
zu dir zurückkehren bedeutet
sich erheben, in dir bleiben ist
Bauen auf sicheren Grund.
Weggehen von dir heißt sterben,
zurückkehren zu dir heißt auferstehen, wohnen bei dir heißt leben.
(Hl. Augustinus, Soliloquia, 1,3)
Mag. Anton W. Höslinger, Assistent des Stifts-kämmerers, war lange Jahre Novizenmeister und Klerikerdirektor des Stiftes Klosterneuburg.
Die Ordensregel des heiligen Augustinus ist im Vergleich zu vielen anderen auffallend kurz“, sagt der Klosterneuburger Augustiner Chorherr Anton Höslinger zum SONNTAG.
Die Regel skizziert „in groben Zügen“ die Spiritualität und das tägliche Leben derer, die nach ihr leben. „Die Knappheit war und ist auch Teil ihres jahrhundertelangen Erfolgs; sie kann leicht in die konkrete Zeit und Lebenswelt der Ordensleute ,übersetzt’ werden“, ist Höslinger überzeugt.
Gerade was die Augustinus-Regel über den Geist der „vita communis“ (des gemeinsamen Lebens) und des gemeinsamen Arbeitens sagt, was sie über den Umgang mit denen sagt, die sich verfehlen (Stichwort „correctio fraterna“, brüderliche Zurechtweisung und Verzeihung), „ist sie ein tagtäglicher Wegweiser und ein ständiges Korrektiv im Zusammenleben der Gemeinschaft“.
Höslinger: „Auch die Anweisungen, die Augustinus in seiner Regel für das Gebet gibt, sind äußerst knapp. Doch aus den wenigen Sätzen, die Augustinus formuliert, ist eine große Erfahrung auf dem Gebiet des gemeinsamen Betens spürbar und spricht eine tiefe Spiritualität: Das gemeinsame Beten muss strukturiert und regelmäßig stattfinden; neben dem gemeinsamen Gebet darf das private Gebet nicht zu kurz kommen; das Leben des Ordenschristen muss mit dem Inhalt des Gebets in Einklang kommen.“
Augustinus geht beim gemeinsamen Leben vom gemeinsamen Besitz aus, der für ihn gleichbedeutend ist wie das gemeinsame Arbeiten.
„Dadurch soll nicht nur der Zusammenhalt der Gemeinschaft fester werden; die Gemeinschaft im Arbeiten soll auch das Arbeiten selbst fruchtbarer machen“, sagt Höslinger: „Augustinus führt ganz klar aus, die Gemeinschaft und ihre Arbeit kommt umso weiter voran, je weniger auf private Interessen geachtet wird, je mehr man sich um die gemeinsame Sache müht.“
Faszinierendes am heiligen Augustinus gibt es vieles, hatte er doch ein bewegtes Leben.
In Hinblick auf seinen Zugang zum Ordensleben kann man zwei Punkte als „faszinierend“ bezeichnen, sagt Höslinger: „ In welcher Lebenssituation Augustinus sich nach seiner Taufe auch befand (Laie, Priester, Bischof), er fand einen Weg, ein Gemeinschaftsleben zu führen und daraus zugleich persönliche, spirituelle und pastorale Kraft zu schöpfen. Zum anderen spricht aus seinen Schriften die Selbstverständlichkeit, dass Gemeinschaft im Ordensleben kein Selbstzweck ist, sondern ein klares Ziel hat: das Leben der Kirche.
Höslinger zählt dabei folgende Kernaussagen der Regel des heiligen Augustinus auf: „Das Erste, warum ihr in Gemeinschaft zusammenlebt, ist, einmütig im Haus zu wohnen, und ein Herz und eine Seele zu sein auf Gott hin. (I.2.)
Wenn ihr in Psalmen und Hymnen zu Gott betet, soll das euer Herz bewegen, was euer Mund ausspricht.“ (II.3.)
Keiner soll etwas für sich selbst erarbeiten, sondern all euer Arbeiten geschehe gemeinsam und dadurch mit größerem Eifer und mehr Lust, als wenn jeder für sich selbst arbeitet – Liebe nämlich, von der geschrieben steht: ,Sie sucht nicht den eigenen Vorteil’ besagt: das Gemeinsame über das Eigene, nicht das Eigene über das Gemeinsame stellen.“ (V.2.)
Die Zeit, in der Augustinus lebte und seine Ordensregel schrieb, war die zu Ende gehende Antike, die beginnende Völkerwanderung.
Vieles schien aus dem Lot zu geraten, alte Strukturen lösten sich auf. „In dieser Zeit der Umwälzungen sollte das gemeinsame Leben den Ordensleuten Halt geben, aber auch der Kirche, denn die Welt gab diesen Halt nicht mehr“, unterstreicht Höslinger: „So hat die Augustinus-Regel bis zum heutigen Tag nichts an Aktualität eingebüßt.
Bei allen Veränderungen in der heutigen Gesellschaft, in der heutigen politischen und sozialen Landschaft soll das bewusste Leben aus dem christlichen Glauben heraus dem Leben des einzelnen und dem Leben der Kirche ein immer wieder neues tragendes Fundament geben.“
Augustinus schreibt die verschiedenen Anweisungen in seiner Regel, um die Hindernisse für ein gedeihliches menschlichen Zusammenleben auszuräumen: Überheblichkeit, Neid, Faulheit, Schadenfreude, Egoismus, Zorn, Disziplinlosigkeit, Undank, etc.
Höslinger: „Im Anschluss an die Grundeinsichten der Augustinus-Regel formulieren die Konstitutionen der Österreichischen Augustiner Chorherren-Kongregation, wenn es um die Evangelischen Räte geht, dass sich ,der Lebensstil des Einzelnen und der Kommunität durch Einfachheit, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und von Verantwortung’ (Nr. 5) auszeichnen muss.“
Die Regel des heiligen Augustinus ist im Laufe der Geschichte auf vielfältige Weise „fortgeschrieben“ worden, da unzählige Orden und Kongregationen diese Regel angenommen und durch Konstitutionen, Consuetudines (Lebensordnungen), Hausordnungen, etc. erweitert haben.
Die Regel des heiligen Augustinus liegt dem Ordensleben zahlreicher Orden zugrunde: Augustiner Chorherren, Augustiner Chorfrauen, Prämonstratenser, Prämonstratenserinnen, Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz, Augustiner Eremiten, Dominikaner, Dominikanerinnen, Barmherzige Brüder, Serviten, Trinitarier, Ursulinen, und viele mehr.
Die Ordensregel des heiligen Augustinus als pdf-download.