Im Rahmen eines "Marshallplans für Afrika" soll Österreich in den kommenden fünf Jahren eine Milliarde Euro in die Entwicklungshilfe für Afrika investieren. Das forderten entwicklungspolitische Hilfsorganisationen (NGOs) am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien. "Die nächste Bundesregierung muss sich dieser Herausforderung stellen", betonte Annelies Vilim, Geschäftsführerin von AG Globale Verantwortung. Europa könne nicht in Wohlstand und Sicherheit leben, so lange auf dem Nachbarkontinent Krieg herrsche.
Weil Österreich im europäischen Vergleich in punkto Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit (EZA) am untersten Ende der Statistik angesiedelt ist, appellierten die NGOs nun - bereits an die künftige Regierung - sich verstärkt für Afrika einzusetzen. Nicht nur soll es einen Afrika-Schwerpunkt während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2018 geben, sondern in den kommenden fünf Jahren je 200 Millionen Euro zusätzlich an Hilfsgelder für Entwicklungshilfeprojekte ausgegeben werden.
Mit der Entwicklungsmilliarde wolle man "Frieden, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit" fördern und vor allem Investitionen in kleinbäuerliche Strukturen, in Handel und Beschäftigung sowie den Aufbau von Sozialsystemen in Afrika tätigen, erläuterte Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer. Auch der Hunger, die "schlimmste Form der Armut", müsse bekämpft werden: Die Unterernährung von Kindern habe negative Auswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung. "Hunger zerstört die Gegenwart und Zukunft von Kindern".
"Ein klares Bekenntnis zur humanitären Hilfe" forderte auch Diakonie-Direktor Michael Chalupka. Im Jahr 2016 hätte Österreichs Beitrag zur Entwicklungshilfe bei nur 2,70 Euro pro Person gelegen. "Das ist bescheiden, wenn nicht sogar knausrig", stellte Chalupka fest. Zum Vergleich: Die Norweger gaben 2016 pro Kopf 76 Euro, die Dänen 54 Euro und die Schweden 42 Euro aus. "Es ist beschämend, weil wir in derselben wirtschaftlichen Liga spielen wie diese Länder", sagte der Direktor der Diakonie. Humanitäre Hilfe müsse laut ihm bedingungslos sein, die mediale Berichterstattung über notleidende Länder intensiver.
Dieser Meinung schloss sich Michael Opriesnig, der stellvertretende Geschäftsführer des Roten Kreuzes, an. Er sprach von einer österreichischen "Schrebergartenmentalität", von der man dringend ablassen müsse. Die Zahl der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, werde ihm zufolge in den kommenden Jahren weiter steigen. Hunger und Armut seien Folgen von Konflikten, klimabedingten Katastrophen und dem Anstieg der Preise in Notzeiten. Ihm zufolge müsse mehr Geld in die Katastrophenvorsorge fließen. So könne sich die afrikanische Bevölkerung vor drohenden Naturkatastrophen besser schützen.
Laut der Geschäftsführerin von CARE Österreich, Andrea Barschdorf-Hager, habe Afrika derzeit die global jüngste Bevölkerung. 12 Millionen junge Afrikaner seien auf dem Arbeitsmarkt, nur für drei Millionen davon gäbe es jedoch Arbeitsplätze. "Wir müssen Ausbildungen ermöglichen, aber auch Arbeitsplätze schaffen", sagte sie. Außerdem müsse die afrikanische Wirtschaft unterstützt werden. "Es heißt immer, wir wollen die Wirtschaft in Afrika fördern, aber oft zerstören wir die Wirtschaft vor Ort", so Barschdorf-Hager.