
Die 18-jährige Elena (Name geändert) lebt auf den Straßen Litauens, als fremde Männer sie ansprechen. Sie stellen sie vor die Wahl – entweder sie kommt mit ihnen nach Deutschland, oder sie bringen sie sofort um.
Elena hat nichts zu verlieren. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, Elena ist in einem Kinderheim aufgewachsen. In der ersten Nacht binden die Menschenhändler die junge Frau an einen Heizkörper in einem Keller und sieben Männer vergewaltigen sie. Fortan wird sie gezwungen, als Prostituierte in Deutschland zu arbeiten.
Elena war eine der ersten Klientinnen von Schwester Anna Mayrhofer. Die Sozialarbeiterin und Ordensfrau hat seither viele Frauen in Deutschland und Österreich begleitet. Sie leitet den Verein „Solidarität mit Frauen in Not“ (SOLWODI) in Österreich, der eine Schutzwohnung in Wien und seit ein paar Monaten auch in Innsbruck betreibt.
Im vergangenen Jahr nahmen 38 Frauen erstmalig Kontakt zu SOLWODI auf. Der größte Teil kam aus Rumänien, Ungarn, Nigeria und Bulgarien und wurde durch andere NGO’s, Beratungsstellen und Hilfsorganisationen an SOLWODI vermittelt. Drei Frauen wollten so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat und erhielten Unterstützung bei der Rückkehr. Die Hälfte der Frauen war schwanger oder hatte bereits Kleinkinder.
Schwester Anna und die anderen Mitarbeiterinnen von SOLWODI begleiteten die Frauen zu den Behörden und Arztterminen, organisierten Sprachkurse und regelten den Aufenthalt in Österreich.
„Da laufe ich manchmal von Pontius zu Pilatus!“, regt sich Schwester Anna über bürokratische Hürden auf. Ihre Stimme wird lauter. „Sexuelle Gewalt, subtile Demütigung von Menschen durch Freier, Zuhälter, Menschenhändler, das ist manchmal wirklich zum Kotzen!“
Viele Prostituierte sind verschuldet. Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung haben sie keine Chance auf einen längerfristigen Arbeitsplatz. Sogenannte Loverboys spielen den Frauen die große Liebe vor, entfremden sie von ihrem Umfeld und zwingen sie schließlich, auf den Strich zu gehen.
Manchmal sind es auch die eigenen Familienmitglieder, die Frauen in die Prostitution drängen. Eine junge Ungarin musste ihre Eltern und vier arbeitslose Brüder von dem erhalten, was sie in Österreich als Prostituierte verdiente. „Die Familie kümmerte sich um ihr kleines Kind, kassierte die Familienbeihilfe und setzte sie unter Druck“, erzählt Schwester Anna. Vier Wochen vor der Geburt ihres zweiten Kindes kam die junge Frau in die Schutzwohnung von SOLWODI. Sie wagte den Ausstieg aus der Prostitution und konnte auch ihr zweites Kind aus Ungarn holen.
Die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen ist die häufigste Form des Menschenhandels in Österreich. Hierzulande, wo Prostitution als selbstständige Tätigkeit behandelt wird, werde das Thema seit Jahren verharmlost und verschwiegen, kritisiert die Initiative „Stopp Sexkauf“, zu der auch SOLWODI gehört.
Neben der „Freierbestrafung“ fordert die Initiative ein österreichweites Werbeverbot für Prostitution, Ausstiegshilfen für Prostituierte in Form von beruflichen Bildungsmaßnahmen sowie verbesserte Aufenthalts- und Bleiberechte für Opfer von Menschenhandel.
Der Weg aus der Prostitution ist lang. Viele Frauen sind traumatisiert. SOLWODI vermittelt die Frauen an Psychotherapeutinnen, die ihre Muttersprache sprechen. Das Zusammenleben in der Schutzwohnung ist nicht immer einfach. „Wenn Frauen bei einem Konflikt mit einer Mitarbeiterin fähig sind, die Tür zuzuschlagen und die Flucht zu ergreifen, dann sehe ich das heute als positive Entwicklung“, sagt Schwester Anna. „Früher waren sie in Situationen gefangen, wo sie nicht mehr fliehen konnten.“
Die religiöse Sozialisierung sei für Frauen oft ein Hindernis beim Ausstieg. „Manche Frauen wagen es nicht, sich von ihren Männern zu trennen, weil sie ihnen ja die ewige Treue vor Gott gelobt haben. Selbst dann nicht, wenn die Ehemänner sie schlagen oder zur Prostitution zwingen“, sagt Schwester Anna.
Ihr selbst gibt der Glaube Kraft für ihre Aufgabe, „das Vertrauen, Gott wird alles vollenden“. Gleichzeitig ärgert sie, dass es die Kirche lange versäumt hat, über Sexualität zu reden. „Ich kenne keine kirchliche Stelle in Österreich, die sagt: Wir kämpfen für die Prostituierten, aber gegen Prostitution“, kritisiert Schwester Anna.
Als der Prostituierten Elena der Ausstieg gelingt und sie in eine SOLWODI-Schutzwohnung zu Schwester Anna kommt, ist Schwester Anna selbst erst 33 Jahre alt. Die ersten Monate mit ihrem neuen Schützling rauben ihr viel Kraft. „Ich habe mich auf viele Scheißsituationen mit ihr eingelassen“, sagt Schwester Anna.
Bedingunglos setzt sie sich für die junge Frau ein. Irgendwann klebt ein Zettel an Schwester Annas Tür, auf den Elena geschrieben hat: „Sie ist meine letzte Chance. Sie ist für mich wie Mutter“, und Schwester Anna wird sofort bewusst, welche Rolle sie für Elena übernommen hat.
Heute ist Elena selbst Mutter, hat einen Mann gefunden und kann sich mit Hilfsarbeiten über Wasser halten. Und so wie Elena, so will Schwester Anna noch vielen Frauen aus der Prostitution helfen.