Montag 22. Juni 2026

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Franziska Lehner / Miroslav Košírer, Bunker Nr. 8
27.07.2017

Kommunismus hautnah

Eine Fahrradtour entlang des "Eisernen Vorhangs".

 

 

Manche ältere Menschen trauern dem Kommunismus noch immer nach, aber wir Jungen freuen uns über die Freiheit“, sagt Zuzana. Die junge Frau aus Bratislava führt an einem heißen Julitag eine Touristengruppe durch Bratislava. 

 

Zuzana erzählt von der Geschichte der slowakischen Hauptstadt, dem Kommunismus und geheimen Bunkeranlagen. Das Besondere dabei: Es ist eine Fahrradtour entlang des Eisernen Vorhangs.


Wo vor noch 20 Jahren Stacheldraht und Hunde jeden am Grenzübertritt hindern wollten, führt heute ein Fahrradweg entlang. Ideal für die Fahrradtour, die im ältesten Stadtteil Bratislavas, Staré Mesto, beginnt. Von hier aus geht es mit einem Mountainbike entlang der Donau bis zur slowakisch-österreichischen Grenze. Zuzana macht währenddessen immer wieder Halt und zeigt auf einen vergessenen jüdischen Friedhof und kommunistische Monumente.

 

Grenzgänger

„Bratislava ist zwar nur eine Stunde von Wien entfernt, aber trotzdem ganz anders“, meint die Tourführerin.

 

Zuzana erklärt das so: Bis 1989 standen 60 Kilometer östlich von Wien noch Grenzposten und Soldaten. Als Teil der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik durfte niemand ohne Genehmigung das Land Richtung Westen verlassen. „Für uns Slowaken ist es noch immer ein Wunder, dass wir hier Fahrrad fahren können“, meint die junge Frau.

 

Bei einem Stopp erzählt sie von den rund 1000 Toten, die der Eiserne Vorhang in der Slowakei gekostet hatte: „Die meisten haben ihr Leben bei einem Fluchtversuch verloren. Es gab aber auch Soldaten, die den Druck  und die Toten an der Grenze nicht aushalten konnten und Selbstmord begingen.“

 

Heute wachsen im Grenzgebiet Getreidefelder, Obstgärten und Wiesen. Sie haben nichts mehr mit dem grausamen Niemandsland und den Toten gemein.

 

Gegen das Vergessen

Nach einer Stunde erreicht die Fahrradtour einen niedrigen Bunker aus den 1930er Jahren.  Der ehemalige Journalist Miroslav Košírer hat darin einen Erinnerungsort erschaffen. „Dieser Bunker ist ein Wahrzeichen gegen das Vergessen“, sagt Košírer.

 

Der Pensionist hat jeden Raum im Bunker originaltreu nachgebaut. In den engen dunklen Räume findet man Funkgeräte, eine Küche und entschärfte Granaten und Bombenköpfe. Für das Foto zum Abschied salutiert Miroslav Košírer. Er bleibt als Teil der Geschichte zurück, während sich die Fahrradgruppe zum dichtest besiedelte Wohngebiet Bratislavas aufmacht: Petržalka.


Hier drängen sich Plattenbauen dicht aneinander, zwischendurch lockern Parkanlagen und ein künstlich angelegter Schwimmteich das Wohngebiet auf. 100.000 der 500.000 Einwohner Bratislavas leben in diesen Wohnhäusern, die  bis heute mit günstigen Mieten punkten. Von hier aus geht es über die Donau zurück in die Altstadt, wo schattige Gastgärten warten.