Im Hof der Residenz, dem ehemaligen Sitz der Fürsterzbischöfe, warte ich auf den Salzburger Autor Anton Thuswaldner. Ich hatte mit Vergnügen sein Buch gelesen, eine provokante Deutung seiner Stadt unter dem Titel: „Mit dem Barock fängt alles an.“
Einige Ausdrücke habe ich noch im Kopf: Barock ist eine „Einschüchterungsgeste“, ein „Machtsignal“, und „Barock ist kein Phänomen der Vergangenheit“.
Nun habe ich Gelegenheit, mir vom Autor „sein“ Salzburg erklären zu lassen. Wir begrüßen uns – unter bedrohlich grauen Wolken, umgeben von weißgrauen stuckverzierten Mauern: „Das ist eine klassisch barocke Kulisse“, sagt er. „Ein leerer Platz und die Gebäude so hoch, dass du dich klein fühlst.“ Einmal sei er nachts hier alleine gewesen, und vom Dom war das Läuten der Glocken zu hören. „Da spürst du die ‚Faust Gottes im Nacken’, das ist Macht!“
Der Residenzhof ist Teil eines gigantischen Gebäudekomplexes rund um den Dom. Diesen hatte Fürsterzbischof Wolf Dietrich noch viel größer geplant und die Häuser der Umgebung dafür schleifen lassen. „Er konnte so vorgehen, weil die Bevölkerung nicht viel zählte“, sagt er. „Ein Mitsprachrecht der Bürger gab es nicht. Wer arm war, bekam Almosen, aber Aufstieg war nicht vorgesehen, man war auf seinen Platz verwiesen.“
Anton Thuswaldner ist im Pinzgau aufgewachsen. Als Kind kam er einmal im Jahr, im Winter, in die Stadt. Die barocke Pracht, die verschneite Stadt, faszinierte ihn. Irgendwann wollte er hier landen.
Architektur vermittelt eine Botschaft, ist mehr als ein Zweckbau, sagt er. Und Salzburg stehe bis heute im „Bann des Barock“. Für ihn sei der Barock eine Metapher. „Er ist etwas Statisches, hält den Menschen klein und macht Widerstand zwecklos. Das hat seine Wirkung bis in die Gegenwart!“
Die Gegenspielerin zum Barock sei die Aufklärung: „Das ist der unbedingte Wille, etwas zu verändern: Mozart zum Beispiel, er war ein Rebell, ein Leben lang auf der Suche nach Freiheit.“
Das Mozartdenkmal, erklärt Thuswaldner, wurde vom bayrischen König finanziert! Die Stadt selbst hat Mozart erst über hundert Jahre nach seinem Tod zu würdigen begonnen. Zeitgleich hat der Konditor Paul Fürst die Mozartkugel erfunden. „Ein Produkt von Weltformat“, schmunzelt er.
Moderne Ideen haben es schwer in Salzburg, denn der Barock sei ein „Innovationsstopper“, so habe ich in seinem Buch gelesen. Wie er das denn meint, möchte ich wissen.
Drüben beim Festspielhaus stehen die „Gurken“ von Erwin Wurm. „Damals sagten die Leute: ‚Das geht nicht, der Barock wird verschandelt!’ Ja, die Spannung zwischen Barock und Aufklärung, die muss die Stadt bis heute aushalten!“
Mein Blick wandert die hohen Mauern im Residenzhof hinauf. Thuswaldner deutet zum Himmel. Die Regenwolken haben sich verzogen, denke ich. Doch er meint etwas anderes: „Die Architektur ist nach oben hin geöffnet, das heißt nach ganz oben.
Der Barock hat auch etwas Spirituelles, und das meine ich jetzt ganz positiv! Barock ist nicht nur etwas, gegen das ich angehe, nein! Mit der Macht habe ich meine Probleme, aber was die damals an Kunstwerken hervorgebracht haben, das ist unschlagbar.“