Die Donau-Auen sind kein Zoo. Wer hier Tiere sehen will, braucht Ruhe, Geduld und ein bisschen Glück.
An einem heißen, windigen Sommerabend wandern wir mit Naturführerin Christiane Mair vom Nationalparkzentrum Schloss Orth in den „Wasserwald“: „,Au‘ kommt vom mittelhochdeutschen Wort für ,Wasser‘. Die Donau-Auen sind ein Mosaik aus stehenden und leicht durchflossenen Gewässern. Die Donau hat hier den Charakter eines Gebirgsflusses und bringt viel Kraft und Bewegung hinein.“
Die Au beherbergt eine erstaunliche Vielfalt von Lebenwesen: 30 Säugetier-, 100 Brutvogel-, 8 Reptilien-, 13 Amphibien- und rund 60 Fischarten leben im Nationalpark. Unter den 800 höheren Pflanzenarten sind sogar Orchideen. Zur Zeit färbt die zarte Sumpfkresse die Uferbänke gelb.
Christiane Mair deutet auf unscheinbare Löcher an den Uferwänden. Es sind Eingänge zu Biberhöhlen, die der äußerst niedrige Wasserstand freigelegt hat.
„Der Biber ist mit 1,20 Metern Länge und 30 Kilo Gewicht der größte Nager in Europa und ein wichtiger Lebensraumgestalter“, sagt die Rangerin, „die von ihm gefällten Bäume sind Revier für viele andere Tiere, etwa den Eisvogel oder die gefährdete Europäische Sumpfschildkröte.“
Wir warten und hoffen, dass sich ein Biber zeigt, doch weit und breit ist keiner zu erspähen. Dafür entdecken wir im seichten Wasser eine Ringelnatter und viele kleine Fische.
Im dämmrigen Wald singen Vögel und ein imposantes Hirschkäfermännchen schwebt torkelnd an uns vorüber. „Der Hirschkäfer ist leicht beduselt“, schmunzelt Christiane Mair und erklärt: „Die Männchen können mit ihrem Geweih die Baumrinden nicht anzapfen, das tun die Weibchen. Sie trinken zuerst, der süße Saft fängt bei diesen Temperaturen schnell zu gären an – das bekommen die Männchen zu spüren.“
Bevor die Hirschkäfer im Juni schlüpfen, leben sie acht Jahre als Larven im Totholz. „Das Totholz ist ein wichtiger Lebensraum – auch wenn manche Leute sagen: ,Bei euch schaut’s aus!‘“
Am Ufer eines Altarms lassen wir uns im hohen Gras nieder. Es ist das Revier eines Seeadlers. Und da, völlig unerwartet, löst sich aus dem Schatten der Bäume ein mächtiger braun-weißer Vogel und ist nach wenigen Flügelschlägen schon wieder verschwunden. Staunend blicken wir ihm nach.
Auf dem Rückweg halten wir noch einmal bei den Biberhöhlen an. Ganz still beobachten wir das Wasser, als mit leisem Platschen ein Biber von der Böschung ins Wasser rutscht und ein zweiter aus dem Wasser taucht. Unsere Freude ist riesig und lange sitzen wir und schauen den Nagern zu. Welche Tiere wir wohl nächstes Mal entdecken, wenn wir die Donau-Auen per Boot erkunden?