Dienstag 19. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

01.06.2017

„Wir dürfen nicht aufhören, von Jesus zu sprechen“

Interview mit dem anglikanische Bischof Ric Thorpe über den Auftrag Jesu.

 

Im Jahr 2015 wurde Ric Thorpe als anglikanischer Bischof von Islington zum ersten „Bischof für Gemeindegründungen“ ernannt  und mit der Aufgabe betraut, bis 2020 innerhalb der anglikanischen Diözese von London 100 neue Kirchengemeinschaften zu gründen.

 

Bei seinem Besuch in Wien frage ich ihn, ob das nicht ein zu ehrgeiziges Ziel ist. Die Antwort des Experten für das sogenannte „church planting“ lautet: „Wir haben uns bewusst dieses Ziel gesteckt, weil wir darauf vertrauen, dass Gott die Tore öffnen wird und dass dies möglich wird. Es ist nicht nur eine menschliche Anstrengung, sondern Gott hilft uns dabei. Wir brauchen jedoch viel mehr Gemeinden, um alle Menschen zu erreichen.“ 

 

Laut Thorpe machen die Gläubigen der Kirche von England 1,8 Prozent der Bevölkerung aus, ungefähr acht Prozent im Vereinigten Königreich sind Christen. „92 Prozent folgen Jesus nicht nach und gehen nicht in die Kirche.

 

Wir wollen die bestehende Kirche wachsen sehen, aber vor allem zu den anderen 92 Prozent durchdringen. Mit 34 neu gegründeten Kirchen sind wir fast bei der Hälfte des ersten Weges angekommen. Wir beginnen mit verschiedenen Arten von Kirchengemeinschaften, um mit verschiedenen Typen von Menschen Kontakt aufzunehmen.“


Im vergangenen Jahr sagten Sie in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“: „Wenn wir das Evangelium nur auf eine bestimmte Art und Weise einer bestimmten Generation nahebringen, werden die Menschen mit ihren Füßen abstimmen.“ Was meinen Sie damit?


Bischof Ric Thorpe: Die Herausforderung für unsere Generation liegt darin, nicht nur an uns zu denken und daran, wie wir so weitermachen können, wie bisher.

 

Schauen wir uns doch die Situation an: Nur ein Viertel der Eltern in unserer westlichen Gesellschaft beten mit ihren Kindern. Und wenn selbst diese Kinder nicht wie ihre Eltern Jesus nachfolgen, sieht es traurig aus. Wir müssen deshalb an die Menschen außerhalb der Kirche denken und ihnen über den christlichen Glauben erzählen.

 

Wenn wir uns weiterhin nur über den inneren Kreis Gedanken machen, werden wir als Kirche zusehends schrumpfen. Die Menschen kommen nicht in unsere Kirchen, weil sie keine Beziehung zu ihnen haben. Es ist notwendig, in ihre Schuhe zu schlüpfen und zu fragen, auf welche Weisen sie Gott wahrnehmen und wo sie dem Übernatürlichen abseits des normalen  Alltags begegnen.

 

Sie betonen immer wieder, dass Musik dabei eine sehr entscheidende Rolle spielt.


Bischof Ric Thorpe: In unseren Kirchen in England wird meistens traditionelle Musik gesungen und gespielt. Musik, die die Menschen außerhalb der Kirche hören, ist aber eine andere. Deshalb müssen wir zeitgenössische Musik in unsere Gottesdienste hineinbringen. Das ist ein Anfang, um Menschen außerhalb der Kirche für den christlichen Glauben empfänglicher zu machen.

 

Wie kann das Ziel einer religiösen Wiederbelebung im Kreis der jungen Menschen gelingen?


Bischof Ric Thorpe: Die Geschichten, die Jesus erzählt, sind aus dem normalen Alltagsleben gegriffen. Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen und vor allem die Jungen leben. Wir müssen ihre Musik hören, über Social Media in Verbindung treten, um wirklich ihre Freuden und Kämpfe im Leben zu verstehen.

 

Das bedeutet einerseits mit jungen Menschen „herumzuhängen“, die Welt von ihrer Perspektive her zu verstehen, aber  andererseits auch immer die Verbindung vom Evangelium zu ihrer konkreten Lebenssituation herzustellen. Wir dürfen nicht aufhören, von Jesus zu sprechen, müssen aber einen Weg finden, um das auf der Wellenlänge der Jugend zu tun.

 

Welche Rolle spielt das Gebet in Ihrem Leben und bei Gemeindegründungen?

 

Bischof Ric Thorpe: Beten ist für mich persönlich so wichtig wie das Blut, das durch meine Adern fließt. Wenn ich bete, bin ich ganz vom Geist erfüllt. Ich fühle mich imstande, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten und auch schwierige Menschen zu lieben.


Was den kirchlichen Dienst betrifft, gibt es massive Unterschiede zwischen Menschen, die beten, und jenen, die nicht beten. Du kannst im Dienst sehr effizient sein und Dinge geschehen lassen, aber du siehst ohne Gebet die übernatürlichen Dinge nicht.

 

Ein Freund bezeichnet das Beten als eine Tätigkeit, in der man natürlich übernatürlich und übernatürlich natürlich zugleich ist. Wenn wir beten, dann tun wir etwas sehr Natürliches. Wir sprechen zu Gott mit unseren Lippen und mit unserem Herzen: „Bitte komme und mache, was nur du machen kannst.“

 

Gott tut die übernatürlichen Dinge. Er verändert die Herzen der Menschen, er offenbart sich selbst, er bringt Heilung in jedermanns Leben. Jeder kann sich ein wenig Zeit für Gott nehmen und diese Zeit wird alles verändern. Was im persönlichen Bereich geschieht, schwappt auch in die Versammlung von Menschen über, die sagen: „Gott, wir wollen, dass du in diese Gemeinschaft kommst.“

 

Wie könnte „church planting“ – also das Gründen von neuen Gemeinden – in der katholischen Tradition aussehen?


Bischof Ric Thorpe: Wir alle sollten das tun, was wir Jahrhunderte zuvor schon taten. Warum haben wir überhaupt aufgehört, Kirchengemeinden zu gründen?

 

Viele Kirchen sind nur mehr kleine Gemeinschaften und haben den Kontakt zu den Menschen in der Umgebung verloren. Deshalb müssen wir alle die existierende Kirche erneuern. Das alte Gebet „Komm, Heiliger Geist“ muss im Leben der bestehenden traditionellen Kirche dringend umformuliert werden in: „Komm, Heiliger Geist und erneuere uns in unseren Tagen.“ Wenn wir zu beten beginnen, wird Gott uns neue Wege zeigen, mit denen wir Kirche in den existierenden Strukturen leben können.

 

Wenn die bestehenden Hierarchien Veränderung willkommen heißen, dann kann innerliche Erneuerung stattfinden. Wenn sie es nicht können, ist es besonders wichtig, dass sie zumindest die Erlaubnis geben, dass neue Dinge in den bestehenden Ressourcen geschehen können.  


Wie sehen Sie das gemeinsame Priestertum aller Getauften, das in der anglikanischen Kirche sehr ernst genommen wird?


Bischof Ric Thorpe: Wir Christen brauchen viel mehr Laienbeteiligung. Denn wir müssen verstehen und sehen, dass jedem Gaben gegeben sind, von dem der Erste Korintherbrief spricht. Jeder muss sich zuerst fragen, welche Gaben ihm Gott gegeben hat. Und dann sie auch nutzen und seine Talente nicht in der Erde vergraben. Wenn du deine Gabe zu nutzen beginnst, kann es nämlich ein Segen für viele andere Menschen werden.

 

Allgemeines Priestertum heißt, dass wir alle zum priesterlichen Dienst berufen sind, indem wir Gott zu unseren Nachbarn bringen, unseren Glauben teilen, Menschen ermöglichen, Gott zu begegnen. Jemand sagte einmal: „Die erste Bibel, die Menschen lesen werden, bist du.“ Wir alle sind berufen.

 

Wann genau haben Sie gemerkt, dass Sie zum Priester berufen sind?

 

Bischof Ric Thorpe: Am Ende des ersten Studienjahres, als ich bei einem der christlichen Treffen in der hinteren Reihe saß, sprach Gott zu mir, nicht hörbar, aber im Herzen spürbar. Er berief mich zu einem Dienst in der Kirche in einer meiner Lebensphasen. Ich dachte, es könnte am Ende meines Arbeitslebens sein.

 

Während meiner Tätigkeit an der Holy Trinity Brompton Church rief mich Gott dazu auf, es als Vollzeitjob zu machen. Ich sagte zu Gott: „Es gibt zwei Wege. Entweder werde ich zum Priester geweiht oder ich übernehme kirchliche Führung als Laie.“

 

Zu den kirchlichen Behörden sagte ich: „Ich habe eine Berufung, aber ich bin mir nicht sicher, in welche Richtung es gehen soll, es ist eure Entscheidung.“ Sie entschieden, dass ich Priester werden sollte.