Der 13. Mai ist der 300ste Geburtstag von Maria Theresia. Die legendäre Kaiserin soll zwar persönlich tief gläubig gewesen sein, Andersgläubigen jedoch gnadenlos ablehnend gegenüberstanden haben.
Dieses zwiespältiges Bild zeichnet Rupert Klieber im Interview mit dem SONNTAG. Er ist katholischer Kirchenhistoriker und lehrt an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind der politische Katholizismus sowie die kirchliche Zeitgeschichte.
Religiosität und Maria Theresia – wie würden Sie das Verhältnis beschreiben?
Maria Theresia war Vorreiterin und Nachzüglerin zugleich. Die Kirchengeschichtsschreibung hat sich mit ihr nie sehr leicht getan, denn sie war in vielen Punkten ambivalent.
Klar ist, dass sie einen Umbruch markiert: von der Vormoderne zur Moderne. Maria Theresia hat nach Kräften versucht, dem gerecht zu werden, was sie für richtig empfunden hat. Sie war stark in der Tradition verwurzelt, gleichzeitig teilte sie moderne, kritische Ansichten über die überkommene Religiosität, vor allem die Überfülle barocker Ausdrucksformen.
Was weiß man über die persönliche Religiosität Maria Theresias?
Einerseits war Maria Theresia persönlich sehr spirituell orientiert. Sie hat eine aufrechte Religiosität gelebt und war keine Heuchlerin. Sie hat die Religion nicht instrumentalisiert.
Andererseits wird sie von vielen als Auftakt des Josephinismus gesehen, der ohne Rücksicht auf kirchliche Befindlichkeiten massiv in das religiöse Leben und die Organisation der Kirche wie der Orden eingegriffen hat.
Als „von Gottes Gnaden“ regierende Monarchin hat Maria Theresia durchaus das Recht und ihre Pflicht darin gesehen, innerkirchliche Dinge zu ordnen, ohne dabei auf Widerstände der römischen Kurie zu achten.
Maria Theresia wird oft als Regentin „von Gottes Gnaden“ bezeichnet. Was heißt das konkret?
Sie war in einem religiös definierten Herrscherverständnis verwurzelt. Die Monarchen verstanden sich als von Gott dazu bestimmt, zum Heil ihrer Untertanen zu regieren. Sie sahen ihren Auftrag darin, die Ordnung in der Welt zu gewährleisten, wie sie Gott im Universum gewährleistet.
Die Habsburger, also auch Maria Theresia, agierten als DIE große katholische Vormacht in Zentraleuropa. Sie sahen sich verpflichtet, die „eine, wahre Kirche“ zur Geltung zu bringen.
Das geschah durch Akte der äußeren Religionsausübung, aber auch durch gewaltbehördliche Maßnahmen, die die Glaubenseinheit garantieren sollten.
Sie sprechen damit ein dunkles Kapitel an: den Umgang mit den Protestanten …
In diesem Punkt war Maria Theresia wohl keine Vorreiterin, eher eine Nachzüglerin. Sie war überzeugt, dass die römisch-katholische Religion allein seligmachend ist. Das wollte sie ihren Untertanen weitergeben. Es entstanden auf ihr Ansinnen hin Schulungs- und Missionszentren, in denen die Menschen unterrichtet werden sollten, damit sie die wahre Religion erkennen. Sie hat sich für eine verbesserte Seelsorge eingesetzt, eine große Konversionswelle gab es aber dennoch nicht.
Was ist mit den standhaften Protestanten passiert?
Die meisten wurden zwangsumgesiedelt, viele kamen nach Siebenbürgen, wo die Religion erlaubt war. Sie wurde in diesem Punkt von einigen Beratern kritisiert. Diese meinten, dass es dem Staatswohl nicht zuträglich sei, so viele tüchtige Leute zu vertreiben. Ganze Regionen wurden dadurch geschwächt.
Maria Theresia lag ein religiös einheitlicher Staat am Herzen. Sie wusste, dass jede religiöse Entzweiung schnell auch Widerstand auf politischer Ebene hervorrufen würde. Dem wollte sie entgegenwirken, oft auch entgegen der Meinung ihrer Berater.
War Maria Theresia Juden gegenüber ähnlich hart wie gegenüber den Protestanten?
Juden standen zur Zeit Maria Theresias – wie auch schon davor – unter Generalverdacht, die wahre Religion herabzuwürdigen und Christen schaden zu wollen. Vor allem in Krisenzeiten wurden solche Vorurteile schnell virulent.
Im ersten Schlesischen Krieg gegen die Preußen wurden die Juden beschuldigt, die Feinde zu unterstützen. Die Vertreibungen der großen jüdischen Gemeinde aus Prag durch Maria Theresia erfolgte kurz bevor unter Joseph II. die ersten Toleranzpatente definiert wurden.
Maria Theresia war auch Vorreiterin. Worin hat sich das gezeigt?
Sie hat vieles eingeleitet, was ihr Sohn Joseph II. in voller Tragweite umgesetzt hat. Maria Theresia stellte die Ausbildung der Kleriker auf neue Beine und baute in vielen Regionen Priesterseminare auf.
Der Schulunterricht hat unter ihrer Regentschaft eine stärkere religiöse Komponente bekommen. Kinder und Jugendliche sollten intensiver im Katechismus unterrichtet werden, um dann ein moralisches Leben zu führen, von dem auch das Gemeinwesen profitieren konnte.
Maria Theresia lieferte außerdem Ansätze für Pfarrstrukturen und griff reglementierend ins Ordenswesen ein. Niemand unter 24 Jahren durfte eintreten, Mitgiften und Schenkungen an Orden wurden beschränkt, die Klöster wurden stärker steuerlich in die Pflicht genommen.
War Maria Theresia doch auch ein Kind der Aufklärung?
Maria Theresia hat jedenfalls den Weg in die Moderne bereitet. Sie hat in den Kirchen mehr Wert auf den Volksgesang gelegt: Unter ihr wurde ein Kirchengesangsbuch eingeführt, das Lieder wie „Großer Gott, wir loben dich“ beinhaltete. Außerdem: Kleriker wurden auf eine alltagsbezogene Seelsorge verpflichtet.
Insgesamt zeigt sich, dass Maria Theresia einen gewissen katholischen Schlendrian beenden wollte: Sie reduzierte beispielsweise die Feiertage um die Hälfte und beschränkte die Wallfahrten.
Maria Theresia hegte eine Abscheu gegen jede Verschwendung. Was keinen unmittelbaren Zweck hatte, sollte abgeschafft werden. Darin war sie Wegbereiterin der Moderne.