
Sepp Holzer gilt als der Pionier für Permakultur in Österreich und hat mehrere Bestseller auf diesem Gebiet verfasst – seine Bücher haben sich weltweit millionenfach verkauft und wurden in 18 Sprachen übersetzt.
Der Begriff Permakultur leitet sich aus dem englischen „permanent agriculture“ ab und bedeutet das Wirtschaften in dauerhaften natürlichen Kreisläufen.
Holzers Konzept der Permakultur beruht auf eigenen Erfahrungen. Als Bergbauer im Lungau entwickelte der heute 74-jährige leidenschaftliche Landwirt durch genaue Naturbeobachtung und Experimentieren eigene Methoden, um seinen Hof ohne Kunstdünger und Chemieeinsatz erfolgreich zu führen.
Wie wird das heurige Jahr für die österreichische Landwirtschaft?
Sepp Holzer: Für die Landwirtschaft wird es von Jahr zu Jahr schlechter. Immer mehr Bauern geben auf. Einige wenige pachten tausende Hektar und arbeiten mit Riesen-Maschinen. Die übrigen Bauern gehen in die Stadt arbeiten oder sind arbeitslos, werden Frühpensionisten oder was immer.
Gibt es Trends in der Landwirtschaft - positive wie auch negative?
Sepp Holzer: Ein negativer Trend ist, dass der Bauer bevormundet wird. Ich kenne durch meine Beratungen sehr viele Bauern im In- und Ausland. Es gibt viele, vor allem junge, die Interesse hätten, landwirtschaftlich zu arbeiten, wenn sie etwas ändern dürften oder umgestalten könnten. Ihnen wird durch unzählige Auflagen der Mut genommen und dann geben sie auf. Wenn Sie z.B. versuchen einen kleinen Teich zu bauen, ein Humus-Rückhalte-Becken oder ein Biotop, brauchen Sie eine wasserrechtliche und eine baurechtliche Genehmigung. Wenn Sie ein paar Fische hineingeben wollen, brauchen Sie eine fischereirechtliche Genehmigung. Der landwirtschaftliche Sachverständige macht zusätzliche Auflagen. Wenn dort eine paar Bäume stehen, brauchen Sie eine Rodungsgenehmigung.
Diese Auflagen zu erfüllen kostet ein Vielfaches von dem, was das eigentliche Projekt kostet. Das betrifft auch kleine Änderungen bei Wirtschaftsgebäuden und Stallgebäuden – da gibt es Naturschutzauflagen sowie Landschaftsschutzauflagen, landwirtschaftliche, forstwirtschaftliche,
bauwirtschaftlich-rechtliche, wasserrechtliche Auflagen u. a. Da geben dann die Bauern auf. Sie verpachten den Grund, die Bauernhöfe verfallen.
Welche anderen Probleme sehen Sie derzeit für die österreichischen Bauern?
Sepp Holzer: Die Auflagen der EU: Die Förderungen für die Biobauern werden gekürzt und die Auflagen erhöht, so dass sie so viel an administrativer Arbeit haben, dass man diese nicht mehr erfüllen kann. Landwirte spezialisieren sich und modernisieren sich: Der Ankauf von Maschinen und Kunstdünger wird gefördert. Aber diese Spezialisierung führt ins Abseits: Das Produkt wird so billig, dass es sich nicht mehr rechnet. Eine Tonne Mais ist im Vorjahr an die Genossenschaft um fünfzig Euro verkauft worden. Eine Tonne! Das geht sich nicht mehr aus mit den Kosten z.B. für den Sprit und schon gar nicht für die Arbeit.
Wie könnte man die Probleme angehen?
Sepp Holzer: Der Bauer soll der Lehrer sein. Da muss man schon in der Kindheit anfangen, dass Kinder mit der Natur aufwachsen können und den Respekt vor der Natur und Schöpfung lernen, dass sie sehen, wie alles gedeiht und wächst. Da bekommen sie Freude an dieser Vielfalt, die die Natur bietet. Kinder sollen diese Vielfalt auch betreuen können, die Erfolge und Misserfolge erfahren können. So wächst das Interesse für späteres Bauersein und für sinnvolles Leben überhaupt.
Man muss sich hineinversetzen können in das Gegenüber, in die Pflanze, in das Tier, in den Regenwurm oder in die Kuh und sich einmal fragen, ob man sich an dessen Stelle wohl fühlen würde. Wenn sich das Tier nicht wohl fühlt, wird es früher oder später krank – dann habe ich als Besitzer den größten Schaden. Wenn sich alles wohl fühlt, ist es gesund und gedeiht prächtig und man hat eine Freude damit.
Was raten Sie jungen Landwirtinnen und Landwirten?
Sepp Holzer: Das kommt darauf an, wie groß eine Liegenschaft ist. Wozu ist man in der Lage? Wie ist die Verbindung zur Natur? Wie ist die finanzielle Situation? Ein landwirtschaftlicher Betrieb muss sich rechnen, so dass er nicht abhängig ist von irgendwelchen Förderungen. Die höchste Förderung bekommst du von der Natur, wenn du mit ihr respektvoll umgehst. Vielfalt und nicht Einfalt erhält das System. Der Bauer soll der Lehrer sein und einen respektvollen Umgang mit seinen Mitlebewesen und der Schöpfung leben.
Wie sehen Sie Handelsabkommen wie CETA?
Sepp Holzer: Ob TTIP oder CETA – wichtig ist, regional zu denken und zu handeln und Vielfalt zu leben. Das ist auch für den Tourismus interessant. Die wenigen Biobauern, die Vielfalt leben, werden mit solchen Auflagen überhäuft, dass sie aufgeben.
Welthandel führt in der Landwirtschaft zum Tod. Wenn die EU billigste Milchprodukte nach Afrika exportiert und so die afrikanischen Bauern zugrunde richtet, ist das ein ganz großes Verbrechen. Ich war auf allen Kontinenten und weiß, was da passiert, wer dabei verdient: der Handel und die Genossenschaften, aber nicht der Bauer. Der Bauer wird zum Sklaven auf seinem eigenen Hof. Der Bauer ist die Seele des Volkes. Stirbt der Bauer, stirbt das Land.
Was bedeutet Ihnen der Glaube an Gott?
Der Herrgott ist überall. In jedem Tier, in jeder Pflanze. So kannst du die Schöpfung erleben, so erfährst du diese wunderbare Natur. Verantworten muss man sein Gegenüber und immer fragen, ob man sich an dessen Stelle wohl fühlen würde. So kannst du es verantworten und ein erfülltes Leben führen.
Wie sehen Sie Papst Franziskus?
Sepp Holzer: Papst Franziskus ist ein Lichtstrahl, eine ganz große Hoffnung. Ihn muss man in jeder Beziehung unterstützen, wo man nur kann.
Sie arbeiten auch mit Klöstern…
Sepp Holzer: Ja, in Deutschland, Spanien, Portugal, Bolivien, Griechenland… was ich dort erlebt habe: Was die Ordensleute leisten, wie sie Klöster aufbauen, das ist unvorstellbar! Vor kurzem habe ich für ein katholisches Frauen-Kloster bei Thessaloniki ohne Honorar die ganze Umgestaltung gemacht. Ich berate auch Klöster in Kolumbien, die Benediktinerinnen auf der Fraueninsel in Bayern, das Stift Neuburg in Heidelberg u. a.
Sie leben jetzt im Burgenland…
Sepp Holzer: Hier halte ich Seminare und mache Beratungen. Hier habe ich einen Hof mit zehn Hektar, der umgestaltet ist, so dass man sieht, wie die Natur für einen arbeitet. Man sieht, dass man nicht alles so zurechtstutzen und kaputtspritzen muss. Ich erlebe sehr große Begeisterung von den Leuten, die aus der ganzen Welt hierher kommen.
Infos: www.seppholzer.at