Er hat seine Dissertation über das Kirchenverständnis von Joseph Ratzinger geschrieben und kennt die Theologie von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. bestens: Maximilian Heim, Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im Wienerwald. 2011 hat Abt Maximilian in Rom als erster deutschsprachiger Theologe den erstmals vergebenen „Benedikt XVI.-Preis“ entgegengenommen.
2007 besuchte Benedikt XVI. Heiligenkreuz, die dortige Hochschule trägt seit einigen Jahren seinen Namen.
Sie kennen die Theologie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Sie sind Mitglied des erweiterten Schülerkreises. Was zeichnet seine Theologie aus?
Abt Maximilian: Es ist eine Theologie, die ganz aus dem Atem des Glaubens lebt. Es geht Joseph Ratzinger/Papst Benedikt nie um eine Eigen-Profilierung von Theologie, sondern um das Credo der Kirche, da er selbst sich diesem „größeren Wir“ des Glaubens verpflichtet weiß. Dabei ist es ihm ein Anliegen, den Glauben in seiner Einheit und Einfachheit zu verteidigen, damit die Wahrheit des Glaubens alle Menschen erreichen kann.
Was ist dann die Mitte dieser profunden Theologie?
Abt Maximilian: Die Mitte der Theologie ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der sein Herz geöffnet hat für alle Menschen und Völker und der mit dem Blick der barmherzigen Liebe jeden Menschen anblickt. Es geht hier also nicht um ein „Lehr-Gebäude“, sondern um den menschgewordenen Sohn Gottes, der sich auch heute dem Glaubenden schenkt in seinem Wort und Sakrament und dessen Liebe niemanden ausschließt.
Aus welchen Quellen schöpft der Jahrhunderttheologe Joseph Ratzinger?
Abt Maximilian: Als Theologe schöpft er aus den Quellen von Schrift und Tradition, also aus den Äußerungen des kirchlichen Lehramtes – und hier vor allem aus den Ausführungen der Kirchenväter –, wie aus dem gefeierten Glauben in der Liturgie und dem gelehrten Glauben der Theologen.
Als philosophisch und universal denkender Geist ist er sich bewusst, dass „die Kultur Europas aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden“ ist. Aus dieser Gesamtschau wird er schon früh zum prophetischen Mahner in einer dem Relativismus verfallenen säkularisierten Gesellschaft.
Welche theologischen Leitsterne und Lehrer der Kirche prägten die Arbeit von Joseph Ratzinger?
Abt Maximilian: Joseph Ratzinger hat seine theologische Formung erfahren durch die Kirchenväter, von den großen scholastischen Denkern, besonders durch den hl. Augustinus und den hl. Bonaventura. Aber auch Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar und nicht zuletzt sein Doktorvater Gottlieb Söhngen sind Leitsterne seiner Theologie. Auch die Hochschätzung des jüdischen Erbes der Theologie ist für Joseph Ratzinger charakteristisch.
Welche Bedeutung haben die drei Jesus-Bücher von Papst Benedikt XVI. für unsere Sicht von Jesus, dem Christus?
Abt Maximilian: Nicht nur katholische Christen, auch viele evangelische und orthodoxe sind dem emeritierten Papst sehr dankbar, dass er den Blick auf Jesus Christus, als dem wahren Sohn Gottes und wahren Menschensohn, evangeliumsgemäß und authentisch verständlich dargestellt hat. Der biblisch bezeugte Christus ist auch der wirklich historisch bestätigte Jesus von Nazareth.
Andere Konstrukte um die Person Jesu verfehlen oft die eigentliche Mitte seiner Persönlichkeit, die bereits vom Konzil von Chalcedon (451) feierlich verkündet wurde: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch.
Die Heiligenkreuzer Hochschule ist nach Benedikt XVI. benannt. Was bedeutet dieser Auftrag für Heiligenkreuz?
Abt Maximilian: Es gilt die theologischen Grundlinien Joseph Ratzingers nachzuzeichnen und seinem Auftrag gerecht zu werden, Wissenschaft und Gottverlangen nicht als Gegensätze zu sehen, sondern durch eine kniende Theologie zu verlebendigen. Es ist notwendig, in der Nachfolge Christi Intellektualität und Spiritualität als komplementäre Größen aufeinander zu beziehen.
Welche Bedeutung hatte der deutsche Papst für die Kirche?
Abt Maximilian: Wie ich bereits ausführte, ist Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ein so universal Denkender, der sich wahrscheinlich nicht gerne als „deutscher Papst“ bezeichnen würde, sondern eher als der 265. Petrus-Nachfolger.
Worüber ich traurig war, ist, dass seine eigenen Landsleute ihn oft in den Medien verzeichneten und bisweilen eine Karikatur seines Denkens und Glaubens erstellt haben. Vielleicht war es deshalb auch bezeichnend, dass seine Selbstbiografie zunächst nicht auf Deutsch, sondern auf Italienisch erschien. Auf ihn trifft das Wort Jesu zu, dass der Prophet in seiner eigenen Heimat oft am wenigsten geehrt wird (vgl. Johannesevangelium 4,44).
Welches Werk von Joseph Ratzinger schätzen Sie am meisten?
Abt Maximilian: Am meisten schätze ich den elften Band seiner Gesammelten Schriften: „Theologie der Liturgie“ (Herder-Verlag). Er entspricht ganz dem monastischen Selbstverständnis nach dem Wort der Regel des hl. Benedikt: „Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen.“ (RB 43,3) „Im Umgang mit der Liturgie“, so sagte Joseph Ratzinger, „entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche.“