Die Nacht von 15. auf 16. November 1989 in San Salvador wird der Jesuitenpater Martin Maier nie vergessen. Seit zwei Wochen war der Bürgerkrieg zwischen Guerilla und der Armee besonders in der Hauptstadt von El Salvador wieder voll entbrannt. "Wir haben gehört, dass in dieser Nacht sehr viel geschossen wurde, aber wir konnten das nicht mit dem in Verbindung bringen, was wirklich geschehen ist", erzählt er im Gespräch mit dem SONNTAG.
Am nächsten Tag um sieben Uhr früh die traurige und erschütternde Nachricht: Ein Spezialkommando des sogenannten „Batallón Atlácatl“ der salvadorianischen Armee wurde in die Zentralamerikanische Universität der Jesuiten mit dem Auftrag geschickt, den Jesuitenpater Ignacio Ellacuría umzubringen und keine Zeugen zu hinterlassen. "Ignacio Ellacuría hat versucht, zwischen Guerilla und Armee zu vermitteln, das war gegen die Interessen der Militärs. Es war klar, wenn Ellacuría umgebracht werden würde, dann werden alle anderen Jesuiten in dieser Kommunität zu Opfern. So war es dann auch. Die Haushälterin Elba Ramos und deren Tochter Celina schliefen ausnahmsweise in einem Zimmer des Kommunitätshauses und mussten ebenfalls sterben."
In diesen Morgenstunden wurde Pater Maier aber bewusst, dass gerade er nur dem Tod entronnen war. Er hatte in einem anderen Haus der Jesuiten, 20 Minuten zu Fuß vom Ort des Massakers entfernt, übernachtet. "Für mich war es noch einmal ein besonderer Schock, denn Elba hat am Tag vorher noch bei uns gekocht. Sie ist mit Celina zu uns gekommen und wir haben gemeinsam Kaffee getrunken. Sie gingen zurück und wurden in dieser Nacht ermordet."
Wie entstand Ihre Faszination für Lateinamerika?
Pater Martin Maier: Mich hat die Theologie angezogen, die in Lateinamerika vor etwa 50 Jahren entstanden ist und die aus dem Glauben heraus eine Antwort auf Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu geben versucht. Im Mittelpunkt der Theologie der Befreiung steht die Option für die Armen, die Grundentscheidung, sich auf Seiten der Armen zu stellen und sich für ihre Befreiung einzusetzen. Das ist nicht primär politisch motiviert, sondern die Basisgemeinden, vor allem in Brasilien, haben die Bibel gelesen und versucht, Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen.
Wie sind Sie auf Erzbischof Óscar Romero aufmerksam geworden?
Pater Martin Maier: Ich habe noch in starker Erinnerung, wie 1980 die Nachricht im Fernsehen gemeldet wurde, dass Erzbischof Romero am Altar während der Feier der Heiligen Messe erschossen wurde. Zu dieser Zeit war ich gerade im Noviziat in Nürnberg. Das hat mich sehr tief getroffen. Romero hat sich in diesem kleinen zentralamerikanischen Land für Glaube und Gerechtigkeit, Menschenrechte und Menschenwürde eingesetzt und Unrecht beim Namen genannt. Dafür hat er letztlich mit seinem Leben bezahlt, weil dies von den Mächtigen und Reichen als störend empfunden wurde. "Wer stört, wird umgebracht", hat Romero einmal gesagt. Er hat gestört und deshalb wurde er getötet. Ich habe mir damals noch nicht vorstellen können, irgendwann einmal in El Salvador zu sein. Für meine Doktorarbeit über die Theologie von Jon Sobrino und Ignacio Ellacuría, die eine Befreiungstheologie entwickelten, die sehr stark von Erzbischof Romero inspiriert war, kam ich im September 1989 in das Land. An den Wochenenden arbeitete ich mit Pater Ignacio Martín-Baró, der an der Zentralamerikanischen Universität tätig war, in der Landpfarre von Jayaque mit und feierte mit den Bauern, den Campesinos, gemeinsam Gottesdienste.
Auch Ihr Mitbruder Ignacio Martín-Baró wurde im November 1989 ermordet. Sie haben dessen Pfarre übernommen. Wie kam es dazu?
Pater Martin Maier: Nach der Beerdigung haben die Bauern von Jayaque gesagt: "Jetzt sind Sie unser Pfarrer!" Zunächst war ich einmal erschrocken. Ich habe mit dem Provinzial gesprochen und er meinte: "Wenn du das machen möchtest, dann mache das." Ich bin Pfarrer unter schwierigen Verhältnissen geworden. Jayaque war zwar kein Kampfgebiet des Bürgerkrieges, aber die Armee hatte Soldaten geschickt. Sie haben eine unserer Kirchen besetzt. Nur mit Hilfe des Erzbischofs habe ich nach sechs Wochen erreichen können, dass sie diese Kirche wieder verlassen haben. Über Wochen hindurch habe in Jayaque Messe gefeiert und an der Eingangstür der Kirche standen zwei schwer bewaffnete Soldaten. Ich habe sie immer wieder gefragt: "Was soll das?" Ihre Antwort: "Wir müssen die Leute beschützen." Vor wem denn? Es war eine ganz intensive Zeit, weil wir etwas vom Evangelium nacherlebt haben: Kreuz, langer Karsamstag, dann aber auch Auferstehung. Die Karwoche und Ostern 1990 haben wir sehr intensiv und sehr in Erinnerung an Pater Ignacio Martín-Baró gefeiert.
Auch nach Jahrzehnten ist Pater Martin Maier eng verbunden mit seiner ehemaligen Pfarre Jayaque und ihren Gläubigen.
In Romeros Leben gab es eine Entwicklung und Verwandlung. Warum sprechen einige sogar von einer Bekehrung?
Pater Martin Maier: Óscar Romero hatte lange als sehr eifriger, aber doch eher konservativer Priester und dann Bischof gegolten. Er war vom Temperament her ängstlich, er wollte die Kirche aus sozialen Konflikten heraushalten. Er verfolgte eine klare Trennung zwischen Kirche und Politik und war gegen die Theologie der Befreiung eingestellt. 1977 wurde Oscar Romero zum Erzbischof der Hauptstadt ernannt. Eine Enttäuschung für alle, die gehofft hatten, es wird einer zum Erzbischof ernannt, der in der Linie der vorrangigen Option für die Armen steht. Das hat für Romero damals nicht gegolten. Aber es ist wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Erzbischof etwas passiert, was es noch nie in El Salvador gegeben hat, der erste Priester wurde ermordet. Pater Rutilio Grande hat zusammen mit seinem pastoralen Team in der Pfarre Aguilares die Bauern ermutigt, eine gerechtere Landverteilung zu fordern. Die Großgrundbesitzer waren natürlich gewaltig aufgebracht und in ihrem Auftrag ist Rutilio Grande zusammen mit zwei Begleitern am 12. März 1977 ermordet worden. Erzbischof Romero kam spät in der Nacht nach Aguilares und stand in der Kirche vor den noch blutenden Körpern. Später hat Romero gesagt: "Rutilio hat mir die Augen geöffnet." Dem Erzbischof war klar geworden, er musste jetzt dessen Weg weitergehen. In wenigen Wochen wurde er ein anderer. Man hat in El Salvador vom Wunder Romeros gesprochen. Diejenigen, die von seiner Ernennung nur wenige Wochen zuvor noch enttäuscht waren, waren völlig überrascht – positiv überrascht. Negativ überrascht waren die Leute der Oberschicht, die seine Ernennung gefördert hatten und die nun versuchten, ihn von diesem neuen Weg wieder abzubringen. Sie haben ihm angeboten, einen Bischofspalast zu bauen, wenn er aufhören würde, zu predigen wie er gepredigt hat – eben prophetisch, dass er das Unrecht angeklagt und Position bezogen hat. Aber er hat keinen Rückzieher gemacht.
Was ist das Vermächtnis des seligen Óscar Romero?
Pater Martin Maier: Er hat das Wort des großen Kirchenvaters Irenäus von Lyon "Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch" aufgegriffen, aber weiterentwickelt. Romero formulierte es so: "Gloria Dei pauper vivens. Die Ehre Gottes ist der lebendige Arme." Bei ihm stand im Mittelpunkt, den armen Menschen ihre Würde zurückgegeben und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie vor 40 Jahren in El Salvador geht es heute um die Verteidigung der Opfer, auch darum, Hoffnung zu geben. Romero war nicht nur ein Prophet, der angeprangert hat, sondern auch ein großer Hoffnungsprophet. Er predigte im Jänner 1980, als es in El Salvador eigentlich völlig hoffnungslos war, über die Freude und die Hoffnung: "Über diesen Ruinen wird die Herrlichkeit des Herrn aufleuchten."