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07.03.2017

Keine Kirche ohne Frauen

Interview mit Buchautorin Gudrun Sailer im SONNTAG.

 

Frauen spielen sowohl im Vatikan als auch in der Weltkirche eine immer wichtigere Rolle. „Papst Franziskus: Keine Kirche ohne Frauen“ heißt das Buch, das Radio Vatikan-Redakteurin und SONNTAG-Kolumnistin Gudrun Sailer vergangenes Jahr im Katholischen Bibelwerk-Verlag vorgelegt hat.

 

Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März spricht der SONNTAG mit Gudrun Sailer über die aktuellen Entwicklungen und ihre Einschätzung der Sicht des Papstes auf die Frauen.

 

Franziskus spricht als Kirche von „sie“, lobt Frauen in Führungspositionen, hat eine Kommission zur Frage des Frauendiakonats eröffnet … Macht ihn das alles zu einem feministischen Papst?


Gudrun Sailer: Mit Sicherheit ist Papst Franziskus ein Papst, dem die Frage nach der Frau in der Kirche ein großes Anliegen ist. Das hat er selbst gesagt und auch mit dem einen oder anderen Beschluss bekräftigt. Ich denke da nicht nur an Ernennungen, wie die neue Direktorin der Vatikanischen Museen, sondern z. B. auch an seine wiederholten Aufrufe, eine Theologie der Frau zu entwickeln, denn die fehlt. Ich glaube wirklich, dass er in dem Punkt für eine deutlich erkennbare Öffnung sorgt, nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form.

 

Er entscheidet nicht sofort und allein, wie diese Öffnung für die Frauen auszusehen hat, sondern andersherum: Er lädt die Gläubigen ein, Frauen wie Männer, über die Frauen in der Kirche nachzudenken und dann ihre Vorschläge einzubringen. Das ist kein Von-oben-herab, sondern ein Mit.

 

Papst Franziskus warnte vor der Gendertheorie. Was meinte er damit?

 

Gudrun Sailer: Papst Franziskus hat da ein bestimmtes Bild vor Augen. Er nennt es ideologische Kolonialisierung, wenn armen Ländern westliche säkulare Vorstellungen wie Gerechtigkeit aufgedrängt werden und dies an die Entwicklungshilfe geknüpft wird. Im Sinne von: Wir geben euch diese Mittel, ihr müsst dann aber die Homo-Ehe akzeptieren. Das ist eine Form von Zwang in hochsensiblen kulturellen Dingen. Diesen Zwang will der Papst unterbinden oder zumindest öffentlich aufs Tapet bringen.

 

In welchen Haltungen zu Frauen in der Kirche unterscheidet sich Papst Franziskus von seinen Vorgängern? Was ist neu am Frauenbild von Franziskus?

 

Gudrun Sailer: Franziskus hat da eine große Selbstverständlichkeit mit Frauen. Er schätzt weiblich Heilige, ganz besonders Teresa von Avila und Thérèse von Lisieux. Aber, was bei ihm besonders auffällt ist, wie oft er die Priester und Mitbrüder im Bischofsamt dazu ermahnt, die Meinung von Frauen zu hören. Denn Frauen haben einen anderen, einen ergänzenden, einen weiteren Blick auf die Dinge und auf die Lebenszusammenhänge. Deshalb sollen wichtige Entscheidungen in der Kirche nicht ohne Frauen getroffen werden. Das ist die Meinung von Papst Franziskus und das ist neu. Allerdings muss er selber natürlich auch sehen, dass da noch ein weiter Weg zu gehen ist.

 

Ist Kirche weiblich? Muss die Kirche – in Anlehnung an ihr Buch „Keine Kirche ohne Frauen“  – weiblich sein, um Kirche zu sein?  

 

Gudrun Sailer: Es heißt „die“ Kirche. Es heißt nicht „der“ Kirche, daran erinnert der Papst dauernd. Er sagt dazu aber, wir wissen eigentlich nicht was das heißt, dass die Kirche eine Frau ist, dass die Kirche eine Mutter ist. Die Kirche muss barmherzig auftreten wie eine verständnisvolle, auch eine diskrete Mutter. Die Kirche darf – um es mit Franziskus zu sagen - kein Kampfsportverein mit Regeln sein, die jeden ausschließen, der einmal dagegen verstößt.

 

Und dann haben wir auch noch das reale Bild, wenn wir also auf unsere Gemeinschaften schauen, bei der hl. Messe und in den Pfarren: Da sehen wir doch in Wirklichkeit viele Frauen. Der Großteil derer, die sich da engagieren, die man da sieht, sind Frauen. Manche fragen sich ja heutzutage noch eher, wo eigentlich die Männer heutzutage in der Kirche sind – ich spreche da jetzt von den Getauften, von den Laien, nicht von den Priestern. Wo sind die Männer, die helfen, Kinder auf die Erstkommunion vorzubereiten? Ich hab den Eindruck viel Gemeinsamkeit auf der gleichen Ebene, also unter Laien, ist da noch nicht entstanden.

 

Welche Schritte wird bzw. muss Franziskus als nächstes setzen, damit Frauen und Männer in der Kirche gleichgestellt sind? Stichwort Frauendiakonat, Weihe etc.


Gudrun Sailer: Der wichtigste Ansatz führt, denke ich, nicht über die Frage der Ämter. Die Frage der Ämter braucht eine theologische Vertiefung. Aber bis die vernünftig und durchdacht geleistet ist, das kann noch dauern. Franziskus setzt auf einen anderen Weg. Er setzt auf die Laien. Er versucht die Laien in ihrer Identität zu stärken. Es bringt nichts, die Identität der Getauften mit der Identität der Geweihten miteinander zu vermischen, sagt Franziskus. Es ist das Insgesamt der Getauften, die allermeisten von ihnen ohne Weihe, das Insgesamt, das Kirche ist.

 

Noch eine persönliche Frage an Sie: Was hält Sie als Frau im Vatikan und in der katholischen Kirche, die von außen betrachtet, sehr männlich dominiert scheint?


Gudrun Sailer: Ganz einfach, ich bin katholisch. Ich glaube an Gott. Ich glaube an die einige, heilige, katholische und apostolische Kirche. Ich ärgere mich manchmal über eine bestimmte Attitüde von Klerikalismus bei Priestern, so wie ich mich auch über Worte und Taten mancher Laien ärgere, die ich als frauenfeindlich empfinde. Aber das ist eigentlich das mühsame Klein-Klein des katholischen Alltags.

 

Wenn man da bei Schwierigkeiten gleich den Glauben an Gott über Bord wirft, dann war es um den Glauben, fürchte ich, gar nicht so gut bestellt. Die Kirche besteht aus Menschen wie Sie und ich. Anders gesagt, es ist nicht alles perfekt in der Kirche und das stellt Anfragen für mich als Katholikin, aber es ändert nichts an meinem Credo.