Montag 18. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

08.11.2016
Grazer Ordensfrauen als Pionierinnen präsentiert

Barmherzige Schwestern wirkten "in unbarmherziger Zeit"

Grazer Ordensfrauen als Pionierinnen im Gesundheits- , Bildungs- und Pflegebereich und "Heldinnen des Alltags" porträtiert.

Die Tätigkeit der Grazer Barmherzigen Schwestern in Wien seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert ist nun erstmals in Buchform dokumentiert. Unter dem Titel "Barmherzigkeit in unbarmherziger Zeit" sei ein Stück Schul-, Sozial- und Pflegegeschichte geschrieben worden, erklärten die Autoren Christine und Erwin Mann gegenüber "Kathpress".

 

Getrieben habe sie selbst der Wunsch, "die Werke der Barmherzigkeit von insgesamt tausenden Schwestern im gesellschaftlichen und kirchlichen Gedächtnis lebendig zu halten", gab das Autorenpaar an. Das Resümee ihrer Recherche: So viele erschreckende Gesichter die Unbarmherzigkeit von einst und heute auch habe, so vielfältig seien dennoch die Antworten gelebter Barmherzigkeit darauf.

 

Bis heute setzen die vielen Kongregationen der Barmherzigen Schwestern - im Zusammenspiel mit den Lazaristen - das um 1700 entstandene Sozialwerk ihrer französischen Gründerheiligen Vinzenz von Paul und Louise von Marillac fort. Für den Ordenszweig mit dem Mutterhaus in Graz ist dies seit jeher vor allem der Dienst an Armen, Waisen, in der Krankenpflege und in der Bildung. 1867 ließen sich die Schwestern in der Antonigasse in Währing, damals ein Wiener Vorort, nieder. Sie eröffneten Schule und Kindergarten, versorgten Bedürftige an der Klosterpforte und wirkten als Krankenschwestern in Spitälern, darunter im noch heute bestehenden Wilhelminenspital, wo zeitweise bis zu 200 Schwestern tätig waren. Ein besonderes Betätigungsfeld war zudem die Hauskrankenpflege für Menschen, die sich keinen Arzt leisten konnten.

 

Unter anderem gründeten die Schwestern in Maria Lanzendorf ein Heim für Kinder mit Behinderungen, wo sie ab 1909 mit einer angrenzenden Schule, in der gezielt auch gesunde Kinder aufgenommen wurden, durch gemeinsamen und zugleich differenzierten Unterricht zum Vorbild für Inklusion wurden. Auch das Istanbuler St. Georgs-Kolleg, die erste der renommierten österreichischen Auslandsschulen, geht auf die Barmherzigen Schwestern gemeinsam mit den Lazaristen zurück, die hier 1873 die noch heute von 600 Schülern besuchte deutschsprachige Schule gemeinsam mit einem Kinderspital und einem Waisenhaus errichteten. Nachhaltige Bedeutung erlangte auch das Wiener "Haus der Barmherzigkeit", das ab 1875 unheilbar Kranke aufnahm. Die Barmherzigen Schwestern wirkten in der Pflege, sowie anfangs auch in der Wäscherei und Küche.

 

 

Primar: "Schreiben heute Geschichte weiter"

Zurück geht das "Haus der Barmherzigkeit" auf die Initiative von engagierten Laien und großherzigen Wiener Spendern, verdeutlicht im Buch Primar Christoph Gisinger. Der Hausdirektor hebt dabei den Pioniergeist der Pflegeeinrichtung hervor: In den Anfängen vor 141 Jahren sei das Haus zum Vorbild für ähnliche Institutionen in ganz Europa geworden. Einer der Gäste, der aus Wien stammende New Yorker Arzt Leopold Nasher, habe auf Basis des Beispiels der sich hier aufopfernden Barmherzigen Schwestern und der auch ärztlichen Betreuung den Begriff "Geriatrie" geprägt und damit eine neue medizinische Disziplin begründet. Gisinger: "Wir schreiben heute diese Geschichte weiter, indem sie unsere interdisziplinären Teams weniger als Behüter, sondern als Begleiter verstehen."

 

Eingegangen wird im Buch auch auf die sogenannten "Mischlingsheime" in der NS-Zeit, in denen Kinder aus christlich-jüdischen Verbindungen, zu ihrem Schutz christlich getaufte jüdische Kinder sowie Kinder, die auf Basis von "Vermessungen" als "geltungsjüdisch" erklärt worden waren, betreut wurden. Die Barmherzigen Schwestern, die für diese Gruppe und für Fürsorgekinder ebenfalls tätig waren, seien für ihre Schützlinge als einzige vorbehaltlos dagewesen, hätten mit ihnen alle Demütigungen freiwillig ertragen und sie im bescheidenen Rahmen gefördert, heißt es in dem Buch. Wiedergegeben werden hier auch bislang unveröffentlichte Interviews mit Zeitzeugen wie etwa mit dem Maler Ernst Fuchs und dem Regisseur Conny H. Meyer über ihre teils schlimmen Erinnerungen.

 

Die Geschichte des Wirkens der Barmherzigen Schwestern spiegle die Spiritualität aller Orden und Kongregationen wieder, die darauf abziele, "zu jeder Zeit und unter allen Umständen, mit allen Kräften und im Vertrauen auf Gottes Hilfe dort Barmherzigkeit zu üben, wo Menschen Schutz, Hilfe und Begleitung brauchen", betonte Buchautorin Christine Mann, die frühere Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien. Bewusst habe man dabei auch versucht, einzelne Biografien sogenannter "starker Frauen" aufzuzeigen, die "Heldinnen des Alltags" seien, deren Namen allerdings vielfach schon dem Vergessen anheimgefallen seien.

 

Buchtipp: Mann, Christine und Erwin: Barmherzigkeit in unbarmherziger Zeit - das Wirken der Grazer Barmherzigen Schwestern in der Erzdiösese Wien, unter besonderer Berücksichtigung des Schulzentrums in Wien-Währing/Antonigasse. Hrsg.: Interdiözesaner Katechetischer Fonds, 2016, 448 Seiten, ISBN 978-3-9504064-0-5.