Viele Jugendliche sind heute trotz hunderter Facebook-Freunde einsamer und verzweifelter als früher, hat der oberste vatikanische Jugendseelsorger, Pater Joao Chagas, im "Kathpress"-Interview am Rande einer internationalen Jugendpastoraltagung am Wochenende 4./5. November 2016 in Wien alarmiert.
"Je mehr 'Freunde', desto größer meistens die Einsamkeit. Denn was man in den sozialen Netzen preisgibt, ist ein geschöntes Bild. Man zeigt eine Maske, um nicht ausgelacht zu werden."
Chagas plädiert deshalb dafür, dass gläubige Menschen und die Kirche insgesamt Jugendliche mehr anhören und sich von ihnen über ihr Leben erzählen lassen. Dazu habe der Papst in seinem wegweisenden Schreiben "Evangelii gaudium" (2013) aufgerufen. Er spreche von der Barmherzigkeit, auch im Blick auf die nicht geglückten Seiten in den Leben der jungen Menschen, und rufe zu Geduld, Zuhören und Hinführen auf einen "Pilgerweg" auf.
"Sie sollen sich auch mit ihren Schwächen angenommen fühlen, denn für viele Jugendliche gibt es trotz breiter oberflächlicher digitaler Vernetzung niemand, der sie annimmt, wie sie sind", so Pater Chagas. Der 42-jährige brasilianische Ordenspriester war maßgeblicher Mitgestalter der Weltjugendtage von Rio de Janeiro und Krakau und wurde jetzt von Papst Franziskus zum Leiter der Jugendsektion im neuen Vatikan-Dikasterium für Laien, Familie und Leben ernannt.
Chagas sieht in vielen Ländern - darunter Brasilien - seit ca. 15 Jahren ein Anwachsen von robuster Jugend-Religiosität innerhalb der katholischen Kirche. In den Jahren 1970 bis 2000 habe die Kirche hingegen viele Menschen, vor allem Jugendliche verloren.
Heute genüge es allerdings nicht mehr, in einer katholischen Tradition aufgewachsen zu sein, erinnerte der Theologe: "Es gibt die alte religiöse Kultur vielerorts nicht mehr. Die Jugendlichen heute sind Katholiken, weil sie lebendige Glaubenserfahrungen gemacht haben. Da geht es um Gebet, um Gemeinschaft, um den Dienst am Nächsten, der Hilfe braucht."
Der österreichische Jugendbischof Stephan Turnovszky erläuterte bei der Jugendpastoraltagung das Hauptthema des Treffens, "Barmherzigkeit". Sie bedeute, "sich einem Menschen, der in Not geraten ist, aus freien Stücken und unentgeltlich hilfreich zuzuwenden".
Der Bischof wies darauf hin, dass echte Barmherzigkeit immer mit einem Aspekt der Sühne zu tun habe: "Der Barmherzige 'bezahlt' für den Schaden, den er selbst nicht verursacht hat, lässt sich das Heil des anderen etwas kosten und macht sich die Hände schmutzig."
So bezahle etwa der Barmherzige Samariter für den unter die Räuber Gefallenen. Ähnlich verhalte es sich beim Bezahlen eines höheren Preises für fair gehandelte Produkte, was ebenfalls Barmherzigkeit sei. Bezahlt werde in diesem Fall nämlich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der von sozialer Ungerechtigkeit betroffenen Kleinbauern in Ländern des Südens.
Dieses Beispiel zeige aber auch, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit im christlichen Verständnis keineswegs Gegensätze sind: "Das Gegenteil dieser Art von Barmherzigkeit ist nicht Gerechtigkeit, sondern Gleichgültigkeit", so Turnovszky.
Neben Gleichgültigkeit sei Unbarmherzigkeit - in anderen Fällen - das Gegenteil von Barmherzigkeit. "Die Kirche bzw. ihre Vertreter sind dann unbarmherzig, wenn sie sich rigoros auf die Gebote und auf das Urteilen zwischen Gut und Böse zurückziehen und nicht mehr bereit sind, sich die Schuld der Welt etwas kosten zu lassen", sagte Bischof Turnovszky.
Umgekehrt würden selten Priester als unbarmherzig empfunden, die sich die Mühe machten, "Lebensgeschichten anzuhören, zu verstehen, zu versuchen mitzuleiden, zu differenzieren und den glimmenden Docht nicht zu löschen". In dieser Haltung, die sich mit dem anderen Menschen ernsthaft auseinandersetze, könne man "getrost die Gebote hochhalten und wird dennoch nicht als unbarmherzig erlebt werden".
Barmherzigkeit heiße genau nicht, ein Auge zuzudrücken, stellte Turnovszky klar: "Im Gegenteil, sie fordert auf, beide Augen zu öffnen, um genauer hinzuschauen und sich die Hände schmutzig zu machen."
Bei der Tagung stehen bis Sonntag aktuelle Fragen der kirchlichen Jugendpastoral im Fokus. Rund 100 Teilnehmer aus Österreich und fünf weiteren mittel- und südosteuropäischen Ländern beraten anlässlich des vom Papst ausgerufenen "Jahres der Barmherzigkeit" über neue Perspektiven in der kirchlichen Jugendarbeit und tauschen Vorzeigeprojekte aus.
Veranstaltet wird die Tagung vom internationalen Jugendteam des "Mitteleuropäischen Katholikentags" (MEKT), in dem die Katholische Jugend Österreich (KJÖ) derzeit den Vorsitz hat. Die Konferenz legt den Fokus auf das 2013 von Papst Franziskus veröffentlichte Apostolische Schreiben "Evangelii gaudium", vor allem auf dessen zentralen Begriff der Barmherzigkeit, aus dem sich neue Perspektiven für die Jugendpastoral ergeben.
Das MEKT-Jugendteam hat seinen Ursprung in den Jugendprogrammen der "Wallfahrt der Völker" im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentags 2004. Damals appellierten die Kardinäle und Bischöfe der acht Veranstalterländer Mitteleuropas (Bosnien-Herzegowina, Ungarn, Slowenien, Slowakei, der Tschechischen Republik, Kroatien, Polen und Österreich) im Sinne der gesamteuropäischen Verantwortung an die Bevölkerung, Vorurteile abzubauen, Fremdenhass zu überwinden sowie Solidarität und Gerechtigkeit im Miteinander zu fördern.
Seit 2004 gibt es einen stetigen Austausch sowie mehrere gemeinsame Projekte und Veranstaltungen der acht MEKT-Teilnehmerländer. So fand 2009 unter dem Titel "Jugendpastoral - ein Hobby?" die erste Konferenz des MEKT-Jugendteams im ungarischen Szombathely statt. 2011 wurde der Film "Crossing" über drei Jugendliche aus Ungarn, Österreich und Slowenien gedreht und beim Jugendfestival im Rahmen des Weltjugendtages in Madrid und bei anderen internationalen katholischen Jugendfestivals gezeigt. 2012 war Sarajevo Schauplatz der 2. Internationalen Jugendpastoralkonferenz "New Evangelisation - Faith, Facebook, Face".