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05.11.2016
Kommunikationsdirektor des Wiener Dialogzentrums

KAICIID: Jüngste Papstansprache brachte Dialog auf neue Ebene

Kommunikationsdirektor des Wiener Dialogzentrums, Peter Kaiser in "Radio Vatikan".

Die Papstansprache von Donnerstag (3. November) vor etwa 200 Religionsvertretern aus aller Welt über die Universalität von Barmherzigkeit hat den Dialog auf eine neue Ebene gehoben. Das sagte der Kommunikationsdirektor des Wiener KAICIID-Dialogzentrums, Peter Kaiser, am Freitagabend in einem Interview mit Radio Vatikan (RV). Das Thema "Universalität von Barmherzigkeit" stand nicht nur im Mittelpunkt der Papstansprache, sondern auch bei einem am Freitag zu Ende gegangenen Symposium an die Päpstlichen Gregoriana-Universität.

Wie Kaiser berichtete, hätten rund 40 Würdenträger aus sechs verschiedenen Religionen auf Vorschlag des KAICIID an der Gregoriana-Tagung teilgenommen. Es sei definiert worden, dass Barmherzigkeit ein zentrales Element jeder Religion sei. "Das wirft dann die Frage auf: Warum wird Barmherzigkeit nicht universell angewandt?", so der frühere TV-Korrespondent.

Es sei eben so, "dass es bestimmte Hemmnisse bzw. Hürden gibt, die genommen werden müssen, um Barmherzigkeit anzuwenden. Es braucht Mut dazu." So müssten manche in der eigenen Gemeinde fürchten, dass Barmherzigkeit dem Feind gegenüber "als Verrat oder als ein Zeichen von Schwäche" ausgelegt werden könnte.

Kaiser berichtete weiter, dass manchmal Gemeinschaften "emotional manipuliert" würden. Sie glaubten, dass "derjenige, der vielleicht einfach nur anders ist, ein Feind wäre. Das macht die Anwendung von Barmherzigkeit schwierig". Manche glaubten auch, dass man "erst einmal für eine gewisse Ordnung sorgen muss, bevor man Barmherzigkeit anwenden darf".
 

"Vorbilder von Barmherzigkeit nach Hause tragen"

Ganz konkrete Hilfen für ein Umdenken seien die Zeugnisse, die an der Gregoriana vorgetragen worden seien, so der KAICIID-Medienverantwortliche: "Die Teilnehmer können die Geschichten von den so genannten Vorbildern der Barmherzigkeit nach Hause tragen. Das sind Menschen, die in schwierigen Situationen in besonderer Weise Barmherzigkeit angewandt haben, insbesondere in Krisenzeiten. Mir kommt da die Geschichte eines katholischen Ehepaares in Syrien in den Sinn, die ihren Peinigern des Islamischen Staats gegenüber Barmherzigkeit gezeigt haben und damit letztlich ein kleines Wunder bewirkt haben. Der Ehemann war Gefangener der IS, während seine Frau, in Freiheit, sich um das kranke Kind eines IS-Kämpfers gekümmert hat. Der Ehemann wiederum hat einen gewissen theologischen Dialog mit seinen Gefängniswärtern angefangen. Letztlich sind fast alle Gefangenen aus der Gruppe des Ehemanns freigekommen."

Es gebe aber auch andere Fälle aus anderen Gebieten, wo Menschen Barmherzigkeit gezeigt hätten, um Frieden herzustellen, so Kaiser. Dies habe beeindruckt - ebenso wie die Papstansprache. "Ich kann nur sagen, obwohl wir eine sehr heterogene Gruppe waren, waren ausnahmslos alle begeistert von diesem Erlebnis. Seine Rede war wunderbar, und wir haben auch gesehen, dass Barmherzigkeit ein naturgegebenes Talent ist, das jeder anwenden kann und muss. Ohne Barmherzigkeit werden wir nie zum Frieden kommen. Ich glaube, das hat den gesamten Dialog auf eine neue und viel tiefere Ebene gebracht, die wir nicht ohne diese wunderschöne Audienz erreicht hätten."

Kaiser äußerte sich auch zur Kritik am KAICIID-Dialogzentrum, weil einer von dessen Hauptgeldgebern Saudi-Arabien ist, ein Land mit Problemen in der Umsetzung von Menschenrechten und Religionsfreiheit. Diese Kritik werde beantwortet, sagte der Medienverantworltiche: "Wir antworten darauf immer, dass wir Brückenbauer sind und Dialog herstellen müssen. Dialog funktioniert nur dann, wenn alle am Tisch sind, auch die, die Sharia-Recht anwenden. Wenn wir nur kritisierten, könnten wir niemals alle an den Tisch bitten - bzw., auch wenn wir es täten, kämen manche eben nicht. Damit könnten wir aber unserem Auftrag nicht gerecht werden."

Er verstehe aber sehr wohl, dass man "gerne von uns bestimmte Aussagen zu bestimmten Fällen" hören würde, so Kaiser: "Doch wenn wir das tun, wissen wir, dass wir kurz- und langfristig unser Mandat nicht mehr umsetzen könnten. Weil diejenigen, die diese Kritik hören, unter Umständen nicht mehr am Dialog teilnehmen könnten."

Das 2012 ins Leben gerufene Wiener KAICIID ist die erste internationale Einrichtung auf der Grundlage des Völkerrechts, die sich dem Dialog der Religionen und Kulturen verschreibt. Das Leitungsgremium besteht aus Vertretern der großen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus) und Kulturen. Der Vatikan ist durch den Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog vertreten, Bischof Miguel Angel Ayuso Guixot; er ist Beobachter des Heiligen Stuhles am KAICIID.