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04.11.2016
Statement in Aktion Leben-Publikation

Moraltheologe Virt: Zu wenig Bioethik-Experten in Österreich

"In Expertengremien werden meist nur Dinge wiederholt, die längst im Ausland schon gesagt wurden".

Einen stärkeren politischen und wissenschaftlichen Fokus auf bioethische Themen und Fragen wünscht sich der Moraltheologe em.Prof. Günter Virt. Österreich sei "ein kleines Land mit relativ wenigen Expertinnen und Experten".

 

In den Expertengremien bis hin zum Bundeskanzleramt würden meist nur Dinge wiederholt, "die längst im Ausland schon gesagt wurden". Dass die politischen Einflüsse in Österreich größer und intransparenter als z.B. in Deutschland sind, sei auch bekannt. Es gebe zu wenige Ethikerinnen und Ethiker in den Ethikkommissionen, die Ausgewogenheit z.B. der Zusammensetzung nach Fächern und Regionen lasse zu wünschen übrig. Virt äußert sich in der aktuellen Ausgabe der Publikation "info-dienst bio-ethik", die von der Aktion Leben herausgegeben wird.

 

Eine der großen ethischen Fragen für Prof. Virt: "Wofür werden die Technologien gemacht: für Therapien oder für Enhancement, also die Veränderung des Menschen nach bestimmten Vorstellungen, geleitet vom Streben nach dem perfekten Menschen?" Die Ambivalenz nehme mit den neuen Technologien zu; die Therapiemöglichkeiten, die Gefahrenmomente und eben auch die Missbrauchsmomente würden steigen.

 

Als Beispiel verwies der Moraltheologe u.a. auf die neue Technik der Genschere CRISPR-Cas9, mit der man Genabschnitte einfacher, präziser und vermutlich auch billiger und nachhaltiger herausschneiden, einfügen bzw. neu zusammenfügen kann. "Wenn damit Menschen von Krankheiten sicher geheilt werden können, ist das ethisch zu begrüßen", so Virt wörtlich. Vollends problematisch werde es aber, wenn damit Eingriffe in die Keimbahn näher rücken. Dadurch würden Menschen in ihrem Erbgut so verändert, dass sie diese Veränderung an alle künftigen Generationen weitergeben.

 

Virt zur Problematik: "Die einen sagen: Wenn man damit eine Erbkrankheit ausrotten könnte - was momentan noch eine Illusion ist - sollte das rechtlich möglich sein. Andererseits bedeutet es immer eine biologische Nötigung für alle künftigen Generationen. Darf man das? Wenn man Menschen dieser Nötigung aussetzt, wäre das eine enorme Herausforderung an unser Menschenverständnis unter Achtung der Würde des Menschen um seiner selbst willen. Wir sind gegen alle möglichen Formen der Nötigung - und hier wird die intensivste, die biologische Nötigung diskutiert."

 

Der langjährige Berater der EU-Kommission in bioethischen Fragen verwies in diesem Zusammenhang auf das 1997 vom Europarat verabschiedete Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin (Biomedizinkonvention). Dort heißt es in Artikel 13: "Eine Intervention, die auf eine Veränderung des menschlichen Genoms gerichtet ist, darf nur zu präventiven, diagnostischen und therapeutischen Zwecken vorgenommen werden, sofern sie nicht darauf abzielt, eine Veränderung des Genoms von Nachkommen herbeizuführen." Virt: "Damit hätten wir 1997 eine klare Weisung gegen gezielte Eingriffe in die menschliche Keimbahn, die jetzt wieder diskutiert wird mit den neuen Möglichkeiten."

 

Embryonenschutz und Forschung

Ein spezifisches Problem sei etwa auch die Forschung in der embryonalen Frühphase des Menschseins. Die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken sei in Artikel 18 der Biomedizinkonvention kategorisch verboten. Virt: "Das ist immerhin erreicht worden." Es stehe in dem Artikel aber auch, dass bezüglich der Forschung, ein angemessener Schutz zu gewähren ist, wenn Länder diese Forschung überhaupt zulassen.

 

Österreich hat die Biomedizinkonvention zwar unterschrieben, aber immer noch nicht ratifiziert, monierte Virt: "Erst mit der Ratifizierung müssten wir die gesamte österreichische Rechtsmaterie mit der Konvention in Einklang bringen." Im Vergleich zum österreichischen Recht sei diese Europarats-Konvention in Hinblick auf den embryonalen Menschen wesentlich klarer. "Wenn wir das ratifizieren, haben wir einen besseren Embryonenschutz in Österreich als wir ihn jetzt haben", warb der Theologe.

 

Die Zahl der Forschungsprojekte mit humanen embryonalen Stammzellen nehme in der EU sicherlich ab, führte Virt weiter aus, während die Forschung mit Alternativen zunehme: "Wenn man embryonale Stammzell-Linien verwendet, dann zum Vergleich, also für die Vergleichsforschung. Während es mit embryonalen Stammzellen noch keine Therapien gibt, gibt es mit induzierten pluripotenten Stammzellen zumindest verheißungsvolle Forschungsprojekte. Unser Protest gegen die verbrauchende Forschung mit embryonalen Menschen war nicht wissenschaftsfeindlich, sondern im Gegenteil: Er hat dazu geführt, dass man nicht auf diese eine Methode fixiert ist, sondern nach Alternativen Ausschau hält."

 

Menschenrechte würden einer geschichtlichen Entwicklung unterliegen, räumte Virt ein: "Wir haben diese Dokumente aufgrund sehr leidvoller Erfahrungen im Laufe der Geschichte voller Verletzungen von Menschenwürde und Menschenrechten zustande gebracht. Wir werden an einigen Dingen weiterarbeiten müssen und verfeinern müssen, aber hoffentlich nicht hinter die erreichten Menschenrechtsstandards zurückfallen." Es gebe massive Stimmen, man sollte diese Europaratskonvention wieder aufschnüren, warnte Virt: "Wenn man das täte, würde sie zerbröseln. Wir müssen froh sein, dass wir sie haben."

 

Bioethik betrifft nicht nur den Menschen

Zur Frage, welche bioethischen Themen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten besonders bedeutsam sein werden, sagte Virt: "Eine Tendenz, die ich international sehe, ist eine wesentliche Erweiterung der Themen und ein komplexeres Denken. Die Zukunft gehört einem Denken in größeren Zusammenhängen." Bioethik betreffe nicht nur den Menschen, "sondern die gesamte Biosphäre in Zusammenhang mit den sozialen Problemen, die dazu führen, wie wir diese Biosphäre gestalten und belasten". Papst Franziskus habe hier mit seiner Enzyklika "Laudato si" Wesentliches gesagt, "weil er Umweltfragen mit sozialethischen Fragen der Armut und der Diskriminierung von ganzen Bevölkerungen zusammen sieht".

 

Eine enorme ethische Frage sei, in welchen Forschungsbereichen Prioritäten gesetzt werden. Für wichtig halte er außerdem neue Technologien im Gesundheitswesen, so Virt: "Man kann heute rasch und verhältnismäßig billig das Genom eines Menschen sequenzieren. Wenn man Therapien persönlich auf einen Menschen abstimmen kann und zum Beispiel zeigen kann, ob einem Menschen Medikamente überhaupt nützen, ob er sie verträgt, ist das sehr positiv."

 

Diese Technik impliziere aber eine ungeheure Datenmenge. Und das werfe wiederum viele Fragen und Probleme auf: "Aber wer interpretiert diese Daten? Wem gehören sie? Die Daten sind gleichsam das Gold von heute. Wer hat Zugriff zu den Daten?"

 

Personalisierte Medizin dürfe jedenfalls nicht auf Genetik reduziert werden. Virt: "Was wir brauchen, ist eine personenzentrierte Medizin. Nur eine solche entspricht der Würde des Menschen."

 

20 Jahre "info-dienst"

Der "info-dienst" "feiert" dieser Tage sein 20-jähriges Bestehen. Die Aktion Leben bemühe sich, mit dieser Publikation leicht verständliche, aktuelle Nachrichten und Meinungen zu biomedizinischen Themen zu transportieren und daraus entstehende ethische Fragen zu beleuchten, wie Aktion Leben -Generalsekretärin Martina Kronthaler betont. Themen des "info-dienstes bio-ethik" sind der Beginn des Lebens, Fortpflanzungsmedizin, Forschung am Menschen im Bereich der Genetik und das Ende des Lebens.