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02.11.2016

Schattenseite des Alkohols

Lorenz Gallmetzer und seine Bewältigung der Alkoholabhängigkeit.

Fast täglich war er im Wohnzimmer der Fernsehzuseher zu Gast. Lorenz Gallmetzer berichtete als ORF-Korrespondent aus Paris oder Washington für die Zeit im Bild.  Eine journalistische Traumkarriere. „Das kann schon cool sein, nur heißt es, dass man vorher angespannt ist und danach durch das ausgestoßene Adrenalin erschöpft“, sagt er im Rückblick. Nachdenklich und auch geprägt vom Alkohol, der ihn nicht nur beruflich begleitete.

 

Medizin statt Genussmittel

Energie und Kick für Konzentration, danach Entspannung, ein immer wiederholbares Szenario. Belohnung und Ausgleich im Alltagsstress, das bietet Gallmetzer der Griff zum Glas. „Im Nachhinein ist es dann angenehm, wenn man ein halbes oder ein ganzes Glas Wein trinken kann. Man spürt, es wird warm in den Fingern und die Seele entspannt sich“, so der Publizist. Wenn es dabei bleibt, „ist auch nicht viel dagegen einzuwenden, aber wenn der Alkohol vom Genussmittel zur Medizin wird, beginnt das Risiko“, weiß Gallmetzer.

 

Exzess und Abstürze

In seiner Studentenzeit ist der 1952 geborene geprägt vom Aufbruch der 1968er-Jahre. Er lässt wenig aus, sein Motto: „Lieber mit Vollgas auch in den Exzessen und Abstürzen gegen die Wand, als irgendwann halbgesund ins Altersheim.“ Gallmetzer sagt, das habe sich mit seinem persönlichen Reiferwerden geändert, aber die Suche nach Intensität sei geblieben. Zwei Ehen scheitern, die erste aufgrund des jungen Alters, die zweite beeinträchtigt durch Alkohol.

 

Alkohol zu jeder Tageszeit

„Ich war halt einer, der am Vormittag mit einem Aperitif begonnen hat, zum Mittagessen ein paar Gläser, am Nachmittag ein Sprung an die Bar und am Abend je nach Gelegenheit, einmal mehr, einmal weniger.“ Gallmetzer bezeichnet sich im Rückblick als „Spiegeltrinker, der immer genügend Alkohol in sich haben musste, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren“. Dazu kommt eine zweite Sucht, die Arbeitssucht. „Ich war ein Workaholic, habe bis auf zwei, drei Tage im Monat jeden Tag gearbeitet, über zehn Stunden.“ Mit 50 merkt Lorenz Gallmetzer, „dass es ohne Alkohol nicht mehr geht“. Wenn er nicht ein Mindestmaß trinkt, ist er unrund, nervös und kann sich nicht konzentrieren. „In dem Moment ist es zur Droge geworden“, bekennt der Journalist.

 

Entzug auf eigene Faust

Es ist ein Prozess, den Lorenz Gallmetzer durchmacht, psychisch wie physisch. Psychotherapie, eine Krebserkrankung, er lässt sich gehen, es folgt wie er sagt „ein echter Kontrollverlust“. Im Herbst 2009 landet er in einer Burnoutklinik. Er versucht mehrfach einen Entzug auf eigene Faust, geht auf Kur zu den Zisterzienserschwestern von Marienkron ins Burgenland. Das Heilfasten wirkt Wunder. Eine Zeit geht es gut, dann gewinnen die alten Gewohnheiten wieder die Oberhand und er kontaktiert Professor Michael Musalek, den Leiter des Anton Proksch-Instituts in Wien-Kalksburg, eine der führenden Suchtkliniken Europas. Gallmetzer kennt Musalek beruflich, benötigt ihn nun aber privat, um sein „außer Rand und Band geratenes Trinken“ wieder in den Griff zu bekommen.


Therapie in Kalksburg

Lorenz Gallmetzer sieht sich damit konfrontiert, dass eine temporäre Abstinenz nichts bringt. Daher entschließt er sich zur achtwöchigen Therapie. „Körperlich war es einfach, nach ein paar Tagen war die Entzugsgeschichte vorbei“, schildert er. „Gerät man in eine richtige Sucht, ist es wie ein Krankheitszustand, wo man sich zwar helfen lassen, letztlich aber selber daran arbeiten muss, um wieder los zu kommen“, so der in Wien lebende Journalist. Ihm hilft die Orpheustherapie, die durch unterschiedliche Module zur Neu- und Wiederentdeckung der eigenen Lebenskräfte beiträgt. Gallmetzer erlebt das Leben wieder als schön, lust- und sinnvoll, der Alkohol hat für ihn in der Folge keine Verführungskraft mehr. Geht er heute in ein Lokal, oder ist mit Menschen zusammen, die Alkohol trinken, stört ihn das nicht. „Es geht auch gar nicht anders“, weiß er. „Das Erste, was man bei der Therapie lernt, ist damit umzugehen, dass der Alkohol um einen herum immer präsent sein wird. Das ist auch nicht schlimm, wenn man vernünftig damit umgeht.“


Lorenz Gallmetzer hat seine Geschichte in einem Buch niedergeschrieben. Er beschreibt auch Menschen, die er in Kalksburg kennen gelernt hat, die wie er den Kampf gegen die Sucht nicht aufgegeben haben.