Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker hat dazu aufgerufen, das Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation" nicht als bloß historisches Gedenken zu feiern. "Es geht nicht darum, es als reinen Rückblick zu feiern. Es geht um die Frage: Was bedeutet es für die heutige Gesellschaft?", sagte er in einem am Reformationstag, 31. Oktober 2016 in der ORF-III-Reihe "Das ganze Interview" ausgestrahlten Gespräch.
Luther sei nicht der Einzige, der im kommenden Jahr gefeiert werde, betonte Bünker. "Wir feiern kein Luther-Jahr, kein Luthergedenken, wir wollen Luther nicht auf ein Podest stellen, er hatte auch seine Schattenseiten. Aber wir wollen würdigen, dass mit ihm etwas aufgebrochen ist", so der Wiener lutherische Bischof, der auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist.
Im Rahmen des Reformationsgedenkens werde es dazu viele Veranstaltungen geben, allerdings nicht in Abgrenzung zu den anderen christlichen Kirchen, allen voran der römisch-katholischen Kirche, betonte Bünker. Vielmehr biete das kommende Jahr die Möglichkeit zu schauen, wofür die Kirchen gemeinsam da sein, was der gemeinsame Auftrag der Kirchen sei.
Themen des TV-Interviews waren neben dem Reformationsgedenken unter anderem die Situation der evangelischen Kirche in Österreich und die gesamtgesellschaftliche Lage. Zu den Ursachen der rückläufigen Mitgliedszahl bei den Evangelischen Kirchen in Österreich verwies Bünker etwa auf die zunehmende Säkularisierung und die Skepsis junger Menschen gegenüber Kirche als Institution. Hinzu komme die demographische Entwicklung. Nichtsdestotrotz glaubt Bünker, dass die evangelische Kirche in der Gesellschaft ein gutes "Standing" habe. Dies sei nicht abhängig von der Mitgliederzahl, sondern davon, was sie in die Gesellschaft einbringe.
Angesprochen auf die Debatten rund um das Thema Flüchtlinge wollte der lutherische nicht von einer "Spaltung der Gesellschaft" sprechen. Er sehe im Auseinanderdriften der Gesellschaft und im Gegeneinander von starken gesellschaftlichen Gruppierungen aber eine "besorgniserregende Entwicklung", so Bünker. Gerade bei der Flüchtlingsthematik hätte es ein Umschwenken in Politik und Medien gegeben. "Es finden immer mehr die Gehör, die nicht nur ihre Sorgen artikulieren, sondern die auch instrumentalisieren im Sinne einer Politik der Hetze, des Gegeneinanders, des Unsolidarischen." Bünker zeigte sich zudem überzeugt, dass Diskussionen wie jene um die Mindestsicherung auch ohne Flüchtlingskrise stattgefunden hätten.