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27.10.2016
Bilanz zur Ägyptenreise

Kardinal Schönborn: Starke Kirche in muslimischer Gesellschaft

Bilanz zu seiner Ägyptenreise der vergangenen Tage.

Die koptischen Christen in Ägypten geben sich hinsichtlich ihrer Situation keinen Illusionen hin, blickten aber zuversichtlich in die Zukunft: Das hat Kardinal Christoph Schönborn zum Abschluss seines sechstägigen Ägypten-Besuchs im "Kathpress"-Interview dargelegt.

 

Die Koptische Kirche habe sich noch vor 60 Jahren in einer erbärmlichen Zustand befunden, habe seither aber ungeheuren Aufschwung erlebt. Die Kirche sei gefestigt im Glauben und habe seit jeher verstanden, mit dem "Druck der muslimischen Mehrheitsgesellschaft" umzugehen, sagte der Kardinal. Sie trete selbstbewusst auf, definiere sich aber gerade nicht in Abgrenzung zum Islam, sondern setze auf eigene tiefe spirituelle Wurzeln, die sie vor allem dem Mönchtum verdankt. Er habe die Beziehung zwischen den Geistlichen - vor allem den Mönchen - und dem Volk als sehr eng und intensiv erlebt, berichtete Kardinal Schönborn. "Und das macht eine Kirche stark."

 

Begegnung mit Angehörigen von IS-Opfern

Wie der Wiener Erzbischof weiter berichtete, werde ihm vor allem die Begegnung mit den Angehörigen der 21 IS-Opfer im Herzen bleiben. Die 20 Ägypter und ein Mann aus Ghana, die meisten noch sehr junge Familienväter, waren 2015 von IS-Terroristen auf bestialische Weise vor laufenden Kameras enthauptet worden, weil sie sich weigerten, ihrem christlichen Glauben abzuschwören. Die Witwen und Mütter hätten in all ihrem Schmerz eine unglaubliche Glaubensstärke und Freude ausgestrahlt, die ihm unvergesslich bleiben werde, so Kardinal Schönborn. Der Vater eines Opfers habe zu ihm gesagt: "Mein Sohn war ein Fels des Glaubens."

 

Er wolle für sich und die Kirche in Österreich auch einige wertvolle Erfahrungen aus Ägypten mitnehmen, betonte Kardinal Schönborn. Die Entwicklung der koptischen Kirche mache ihm Mut, so der Erzbischof. Zweifellos gebe es auch in der Kirche in Österreich derzeit einen Prozess des Niedergangs, ähnlich dem der Kopten bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch das müsse nicht das letzte Wort sein: "Fürchten wir uns nicht! Warum sollte nicht auch in Österreich ein neuer kirchlicher Aufschwung möglich sein?"

 

Jede Erneuerung "kommt freilich aus der Tiefe": So sei es auch bei den Kopten zuerst zu einer Erneuerung des Mönchtums gekommen, was dann eine unheimliche Anziehungskraft und spirituelle Ausstrahlung auf die gesamte Kirche gehabt habe. "Wir müssen auf die Tiefe setzen und nicht ängstlich auf die Breite schauen", so der Vorsitzende der Bischofskonferenz wörtlich. Nur dann könne die Erneuerung auch in die Breite gehen.

 

Ökumene: Ein Schritt vorwärts

Auf die Beziehungen zwischen katholischer und koptischer Kirche angesprochen, meinte der Kardinal, dass seine Reise "sicher wieder ein Schritt vorwärts" gewesen sei. In Österreich gebe es seit Jahrzehnten beonders gute Beziehungen, persönlich verbinde ihn eine Freundschaft mit Bischof Gabriel wie auch mit dem verstorbenen Papst-Patriarchen Schenuda III. und seinem jetzigen Nachfolger Tawadros II.

 

Unter Papst Tawadros sei nun nochmals eine neue Qualität in die ökumenischen Beziehungen gekommen. Es sei beispielsweise auch bewegend gewesen, dass das Oberhaupt der koptischen Kirche ihm - Schönborn - und seiner Delegtion seine Privatkapelle zum Feiern der katholischen Messe überlassen hatte. Da dies "zum ersten Mal in der Kirchengeschichte" gewesen sei, sprach Schönborn von einem "ganz starken Zeichen".

 

Er sehe es auch nicht als Zufall, sondern als "Wirken des Heiligen Geistes", dass innerhalb kürzester Zeit mit Papst Franziskus (März 2013), Papst-Patriarch Tawadros (Dezember 2012) und dem Anglikaner-Primas Erzbischof Justin Welby (März 2013) drei ökumenisch sehr aufgeschlossene Kirchenoberhäupter gewählt wurden, so der Wiener Erzbischof. Fortschritte in der Ökumene seien allerdings auch dringend nötig in Zeiten, wo Christen weltweit verfolgt würden. Die Verfolger machten keinen Unterschied zwischen den Kirchen und signalisierten damit, "dass wir alle Christen und Geschwister sind". Papst Franziskus und Patriarch Tawadros würden immer wieder von einer "Ökumene des Blutes" sprechen.

 

Hilfe für Flüchtlinge

Die Reise des Wiener Erzbischofs diente vor allem der Vertiefung der Beziehungen zwischen der katholischen und koptischen Kirche. Kardinal Schönborn traf mehrmals Papst-Patriarch Tawadros II. und besuchte zahlreiche koptische Gemeinden und Klöster sowie kirchliche Sozialprojekte. Auch eine Begegnung mit dem Patriarchen der koptisch-katholischen Kirche, Ibrahim Isaac Sidrak, stand auf dem Programm.

 

Zum Abschluss seines Ägypten-Aufenthalts besuchte Kardinal Schönborn noch eine Reihe von Kirchen und Klöstern in Kairo. In der Kirche Abu Sagra in der Altstadt wird in einer Höhle unter der Kirche eine Stelle verehrt, wo der Tradition nach Jesus mit seinen Eltern Josef und Maria auf ihrer Flucht vor Herodes von Bethlehem nach Ägypten für einige Zeit Unterschlupf suchten. Schönborn erinnerte vor Ort daran, dass die Heilige Familie eine Flüchtlingsfamilie gewesen sei, so wie auch Millionen Familien heute. Er rief zum Gebet und verstärkten Engagement für Flüchtlinge auf.

 

Der Wiener Erzbischof reiste u.a. gemeinsam mit dem koptischen Bischof von Österreich, Anba Gabriel, dem Wiener Bischofsvikar Dariusz Schutzki und den beiden Pro Oriente-Vertretern Peter Piffl-Percevic und Dietmar Winkler nach Ägypten. Bischof Gabriel bilanzierte gegenüber "Kathpress" ebenfalls sehr positiv. Der Kardinal habe den Christen vor Ort Mut und Zuversicht geschenkt, so der Bischof. Er hoffe auf weitere Schritte der Annäherung zwischen der katholischen und koptischen Kirche und wies auch darauf hin, dass es nicht überall in der koptischen Kirche Praxis sei, dass Christen anderer Konfessionen beim Übertritt zur koptischen Kirche (nochmals) getauft würden. Er habe in seiner Zeit als Bischof von Österreich noch keinen einzigen Katholiken getauft, der Kopte wurde, um die Ehe mit einem koptischen Partner einzugehen, betonte Bischof Gabriel.

 

Ägypten: Regierung bringt mehr Stabilität

Die derzeitige vom Militär gestützte ägyptische Regierung von Präsident Abdelfattah al-Sisi bietet für die ägyptischen Christen mit Sicherheit bessere Lebensbedingungen als die Zeit davor unter der Herrschaft der "demokratisch" gewählten Muslimbrüder, so die Analyse des Salzburger Ostkirchen-Experten Prof. Dietmar Winkler. Nun gebe es wesentlich mehr Stabilität im Land. Der Blick nach Syrien oder in den Irak zeige hingegen, was passieren kann, wenn es in Ländern des Nahen Ostens keine politische Stabilität gibt.

 

Im Juli 2013 putschte das Militär unter dem Ex-General al-Sisi gegen den der Muslim-Bruderschaft nahestehenden islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi. Dieser war nach dem Sturz von Machthaber Mubarak im Februar 2011 der erste frei gewählte Präsident Ägyptens. Der damalige Putsch war wegen der islamistisch-totalitären Tendenz Mursis u.a. vom koptischen Papst-Patriarchen Tawadros II. und dem Al-Azhar-Großscheich Ahmed Tayeb offiziell unterstützt und begrüßt worden. Im Mai 2014 wurde al-Sisi zum neuen ägyptischen Präsidenten gewählt.

 

Man müsse vorsichtig sein, westliche demokratische Vorstellungen auf Länder im Nahen Osten zu projizieren, hielt Winkler im "Kathpress"-Interview fest. Europa habe 500 Jahre Aufklärung und Reformation durchgemacht. Das Ergebnis einer solchen Entwicklung könne man nicht einem anderen Land und seiner Bevölkerung einfach überstülpen. Das funktioniere nicht, wie beispielsweise an der Herrschaft der "demokratisch" gewählten Muslimbrüder sichtbar wurde. Die Schaffung eines demokratischen Bewusstseins in der Bevölkerung sei ein langer und schwieriger Prozess.

 

Der Besuch von Kardinal Schönborn in Ägypten sei jedenfalls für die koptische Kirche vor Ort von "eminent hoher symbolischer Bedeutung", so Winkler. Ganz generell würden die Christen im Orient, die sich in einer Minderheitensituation befinden, vom Westen vergessen fühlen. Jede Initiative, die das Gegenteil beweist, sei deshalb für die Christen "Balsam auf ihre Seelen und vermittelt ihnen die Solidarität ihrer westlichen Glaubensgeschwister".