"Der Weltmissions-Sonntag muss wieder stärker ins Bewusstsein der Kirche in Österreich rücken." Dies unterstrich Prof. Pater Dr. Karl Wallner OCist, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch den 19. Oktober 2016 im Missio-Haus. Viele seien sich der Bedeutung der größten Solidaritäts- und Umverteilungsaktion der Welt, an der sich 1,3 Milliarden Katholiken weltweit beteiligen, zu wenig bewusst.
Anwesend waren bei der Pressekonferenz auch die beiden diesjährigen Missio-Gäste aus Indien Schwester Aruna George und Father Dr. Mathew Hubby. Beide sind in ihrer Heimat Pioniere im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen. Darüber hinaus wurde auch die bereits ausgezeichnete transmediale und interaktive Lernausstellung "Missio for Life" (missioforlife.de) vorgestellt, die derzeit von hunderten von österreichischen Schülerinnen und Schülern besucht wird.
Weltkirche
Als Papst Pius XI. im Jahr 1926 den Weltmissions-Sonntag "erfand", lebten 80 Prozent der Katholiken in Europa und Nordamerika. In Afrika und Asien gab es kaum einheimische Priester und Bischöfe. "Damals gab es noch keine Weltkirche. Dank Unterstützung der Päpstlichen Missionswerke ist sie entstanden", freut sich Wallner.
Heute ist die Situation ganz anders: Die Zahl der Katholiken wuchs weltweit von 366 Millionen auf 1,3 Milliarden. "Doch während in den jungen Kirchen im Süden alles wächst, geht der Glaube in Europa zurück!", unterstreicht der Missio-Nationaldirektor. Mehr missionarische Dynamik bekomme die Kirche in Österreich, "wenn wir uns vom lebendigen Glauben der Gemeinden Afrikas und Asiens anstecken lassen". Ein wesentlicher Schritt dorthin sei eine neue Begeisterung für den Weltmissions-Sonntag, der heuer am 23. Oktober 2016 stattfindet, so Wallner weiter.
Die ganze Kirche sammelt an diesem Tag für die 1.100 ärmsten Diözesen. "Nicht nur die Katholiken in Österreich und in den wohlhabenden Ländern beteiligen sich daran, sondern sogar die Kirchen im Iran und Irak", betont der Zisterzienserpater. " Jeder gibt, ob reich oder arm, damit die Arbeit der Kirche - und damit der Dienst an den Ärmsten - gemeinsam von allen aufgebaut wird."
Zwei Missio-Gäste touren in den Wochen vor dem Weltmissions-Sonntag durch Österreichs Pfarren und Schulen, um den Menschen über den Einsatz der Kirche zu berichten.
Ihre Erfolge in Indien beweisen: Die christlichen Werte, die Sr. Aruna und Fr. Mathew in ihrer Arbeit vermitteln, formen und verändern die indische Gesellschaft. Sie fördern die Gleichheit und Chancen der Menschen inmitten eines repressiven Kastensystems.
Schwester Aruna George von der Kongregation der Schwestern vom Guten Hirten kämpft vor allem gegen die Unterdrückung von Frauen und Kindern, die der unterdrückten Kaste der Dalits angehören. Mit Ausbildungs- und Gesundheitsprogrammen für Frauengruppen in Dörfern versucht sie Kinderehen, Mädchen - und Frauenhandel und Missbrauch zu verhindern. "Die Gesetze in Indien sind zum Teil sehr gut, nur aufgrund des fehlenden politischen Willens kommen sie nicht zur Anwendung", klagt die Ordensschwester bei der Pressekonferenz.
So sind Kinderarbeit und Kinderehe etwa verboten. "Aber zahllose Mädchen werden mit 14, 13 oder - erst kürzlich - 11 Jahren verheiratet. Wenig später bringen sie auch Kinder zur Welt, von denen einige sterben." Ein anderes System, das sich in der indischen Gesellschaft leider etabliert hat, sind die Mitgift-Morde: Junge Frauen, deren Familien keine ausreichende Mitgift zur Hochzeit besteuern können, werden getötet.
Schwester Aruna hilft zahllosen Frauen vor allem durch Bildungsprogramme in den ländlichen Regionen. "Wir stellen die Würde der Frauen wieder her und verhelfen ihnen zu einem selbstbestimmten Leben", berichtet Sr. Aruna. Darüber hinaus hat sie für Kinder die kostenfreie Telefonhelpline "CHILDLINE 1098" entwickelt. Dieses Projekt des indischen Frauenministeriums wurde von Sr. Aruna mit einem Team von Ehrenamtlichen im Bezirk Guntur aufgebaut. Jährlich können durch dieses Angebot 700 Kinder gerettet werden. 2015 erhielt Sr. Aruna den Bela Sevak Preis für ihre Arbeit. Ihre Kongregation ist seit 48 Jahren in Indien tätig.
Father Dr. Mathew Hubby vom Säkularinstitut "Missionary Society of St. Thomas, the Apostel" ist seit 2009 Geschäftsführer der Peermade Development Society (PDS) in Kerala, einer der größten wohltätigen NGOs Indiens.
Das Angebot der PDS reicht von Modell-Farmen mit nachhaltig ökologischer Landwirtschaft, die vor allem Bio-Tee und Gewürze anbauen, bis zu einer Tee- und Gewürzfabrik in denen Frauen faire Löhne für ihre Arbeit gezahlt werden. Die PDS liefert Gewürze, Tee und zahllose weitere Produkte in die ganze Welt. In Europa ist unter anderem der britische Starkoch Jamie Oliver ein Kunde. "Wir haben 517 Mitarbeiter", erzählt Fr. Mathew.
Die PDS ist die erste NGO, die ausschließlich Bio-Produkte unterstützt. Sie sichert das Überleben von 2.100 Gewürzbauern und 1.100 Teebauern, die die Fabriken der PDS beliefern. Von dort aus werden die Produkte in die ganze Welt verschickt. Neben nachhaltiger Entwicklung, ökologischer Landwirtschaft und Klimagerechtigkeit ist auch "Woman Empowerment" einer der Schwerpunkte der PDS: Zurzeit koordiniert die PDS 1.536 Frauengruppen.
Die Frauen unterstützen sich gegenseitig. Ihre Lage ist aber nicht so dramatisch wie in anderen Regionen Indiens, denn dank der langjährigen starken Präsenz der Kirche und ihrer Schulen ist Kerala als einziger indischer Bundesstaat vollständig alphabetisiert.
Zur Einstimmung auf den Weltmissions-Sonntag können österreichische Schülerinnen und Schüler zurzeit die interaktive und transmediale Missio-Ausstellung "Missio for Life" in der Missio-Zentrale besuchen. "Die Kinder sind begeistert. Sie haben ein einzigartiges, neues Lernerlebnis", erzählt Monika Schwarzer-Beig, Leiterin der Missio-Bildungsabteilung.
Bei dem Spiel schlüpfen die Jugendlichen in die Rollen von tatsächlich lebenden Kindern in Indien und auf den Philippinen, die in Slums leben oder zwangsverheiratet wurden. Mit einem iPad in der Hand gehen sie von einer Station zur nächsten, müssen dort Aufgaben bewältigen und können Punkte sammeln. In Deutschland wurde diese Ausstellung bereits mit einem Preis ausgezeichnet.