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10.10.2016

Christian Marte: "Das Ende der Gemütlichkeit ist angebrochen"

"Papst Franziskus hat nun die Türen geöffnet, aber nicht dass jemand hereinkommt, sondern dass wir hinausgehen", sagt Jesuitenpater Christian Marte.

Was verstehen Sie unter dem Begriff "Führungskraft"?


P. Christian Marte: Eine Führungskraft ist eine Person, die Entscheidungen für sich und für andere trifft. Wir brauchen einen weiten Begriff und dürfen uns diesen nicht einengen lassen: Führungskräfte sind nicht nur irgendwelche Chefs, die in Büros sitzen. Eine Kindergärtnerin ist für die Kindergartenkinder eine Führungskraft, ein Lehrer für die Schüler und Schülerinnen.

 

Wie findet man zu einer guten Entscheidung?
 

P. Christian Marte: Aus der Tradition der Jesuiten gibt es einen Drei-Schritt: Unterscheidung – Entscheidung – Entschiedenheit. Unterscheiden meint, dass ich zunächst eine Situation ganz genau anschaue, die Spielräume auslote. In einer guten Entscheidung berücksichtige ich nicht nur die rein sachlichen Momente, sondern alle Emotionen, die damit einhergehen. Und letztlich geht es darum, diese mit Entschiedenheit durchzusetzen. Entscheiden heißt eben nicht, eine Checkliste abzuarbeiten, sondern manchmal unangenehme, schwierige Sachen, die mir selber mehr Arbeit bereiten oder Emotionen auslösen, durchzubringen. Aber wenn ich es gut vorbereitet habe, dann kann ich auch gegen Widerstände etwas umsetzen.

 

Welche Bedeutung kommt der kritischen Selbstreflexion zu?
 

P. Christian Marte: Ich denke am liebsten an folgendes Beispiel: Jeder von uns kennt es, dass einem beim Pullover hinten das Etikett herausstehen kann. Alle anderen sehen das, nur ich selber nicht. Wir sollen uns bemühen, die blinden Flecken bei uns wahrzunehmen, auch wenn wir es vielleicht nicht gerne tun. Aber das ist eine urbiblische Geschichte. Was Kritikfähigkeit und Selbstkritik betrifft, können wir vom Alten Testament, gerade von den Propheten, vieles lernen.

 

Woran erkennt man bei Papst Franziskus den jesuitischen Führungsstil?


P. Christian Marte: Er versucht in der Spur Jesu zu gehen. Er hat ein Gespür dafür, ob das, was er tut, zur Person Jesu passt oder nicht. Wir müssen uns in der Kirche immer wieder aufs Neue fragen: Ist das, was wir machen, in Rufweite Jesu oder hat es mit Jesus überhaupt nichts mehr zu tun? Lässt sich das noch irgendwie mit seinem Auftrag verbinden? Das überprüft Papst Franziskus systematisch nun in der ganzen Kirche. Es ist mit ihm das Ende der Gemütlichkeit angebrochen. Johannes XXIII. hat die Fenster geöffnet und frischen Wind hereingelassen. Franziskus hat nun die Türen geöffnet, aber nicht dass jemand hereinkommt, sondern dass wir hinausgehen.

 

Welche Schwächen sehen Sie in der Institution Kirche?


P. Christian Marte: Wir müssen bei den Stärken anfangen. Wir sind ziemlich stark, was unsere Verankerung im Evangelium betrifft. Wir haben einen Auftrag, der nicht ökonomisch motiviert ist. Wir können langfristig denken, und wir sind global als Kirche tätig. Wir haben inspirierende Persönlichkeiten. Darum beneiden uns viele Führungskräfte in der Industrie und in den NGOs  – zurecht. Bei anderen Dingen müssen wir noch ziemlich nachlegen. Ich habe den Eindruck, dass wir keinen Willen mehr zum Wachsen haben. Man hat sich mit dem Status Quo abgefunden: "Wir werden weniger, da kann man einfach nichts mehr machen." Diese Auffassung stellt sich gegen das Evangelium. Kirche baut auf das Wachstum in die Tiefe, das Wachstum des Einzelnen im Glauben, aber auch auf die Verbreitung der Botschaft. Diesbezüglich können wir uns von der Wirtschaft einiges abschauen: starker Einsatz mit klaren Zielen. Ja, wir wollen etwas erreichen. Wenn wir uns nicht mit all unseren Kräften für das Evangelium einsetzen, wem überlassen wir dann den Raum?

 

Was muss im Bereich kirchlicher Führung passieren?


P. Christian Marte: Das erste Versprechen bei der Priesterweihe ist, die Gemeinde Gottes zu leiten. Wir müssen lernen, Leitung nicht nur auf Priester zu fokussieren, sondern viele Menschen sind in dieser Sache gefordert. Das muss auch in eine gemeinsame Aus- und Fortbildung einfließen. Im Vergleich zu Wirtschaftsunternehmen und NGOs investiert die Kirche wenig in die Führungskräfteausbildung. Aber Führungskompetenz bekommt man nicht automatisch. Ich kann es nur bestätigen: Durch die Weihe erhält man sie nicht.

 

Ich wünsche mir eine heilige Unzufriedenheit. Diese sollten wir immer wieder äußern. In den kirchlichen Gremien gehen wir oft einfach wahnsinnig nett miteinander um und sagen dem anderen nicht ein deutliches Wort. Man klopft sich lieber selber und gegenseitig auf die Schultern. Das hat so einen Gemütlichkeitsfaktor, den ich immer weniger aushalte.