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06.10.2016

Wiener Luthertagung: Dogmatik braucht neue historische Erdung

Kirchenhistoriker Rupert Klieber: Einheit "kein natürlicher Zustand, sondern stets mit der Unterdrückung von Alternativen erkauft". Konfessionalismus ist belebend für den Diskurs, zugleich fördert er den Säkularismus.

Eine kirchenhistorische Erdung der katholischen Dogmatik hat der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber gefordert. "Es braucht die verstärkte Evaluierung dogmatischer Annahmen durch gezielte Analysen ihrer Wirkgeschichte in der Zeit, sprich: des intensiven theologischen Gesprächs von Dogmatik und Kirchengeschichte", unterstrich Klieber bei einem Vortrag im Rahmen der Tagung "Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen", die bis 7. Oktober 2016, an der Universität Wien stattfindet. Es brauche Kirchengeschichte als "Korrektiv der Dogmatik", wo diese allzu sehr auf der Einheit der Lehre beharre. Einheit sei "kein natürlicher Zustand, sondern stets mit der Unterdrückung von Alternativen erkauft". Diese Alternativen auch für die Gegenwart zu erinnern, sei Aufgabe der Kirchengeschichte.

 

Mehrdeutigkeit des Geschehens

Die Kirchengeschichte zeige von Beginn an, dass es eine "offenkundige Mehrdeutigkeit des Kerngeschehens" gebe, so Klieber. Dies werde gerade im Blick auf die Entwicklung seit der Reformation deutlich. Stets sei diese Mehrdeutigkeit Motor der Entwicklung gewesen, die die Gläubigen immer wieder neu "aus dem warmen kulturellen Nest" vertrieben habe und auf neue theologische und religiöse Pfade geführt habe. Dies sei eine Art "bleibend kritischer, 'prophetischer' Kern christlicher Botschaft(en)", so der Kirchenhistoriker.

 

Dass diese neuen Pfade und Alternativen manchmal auch Irrwege sein können, zeige sich immer dort, wo religiöse Konflikte zugleich zu "Stellvertreterkriegen" von ursprünglich gesellschaftlichen Konflikten werden: "Die Habsburgischen Erblande bzw. das Alte wie Neue Österreich vor und nach 1918 sind ein gutes Beispiel dafür, wie unentwirrbar und unheilvoll sich in konfessionellen Konflikten religiöse mit politischen und sozialen Faktoren durchdringen und wechselseitig verstärken".

Für die Theologie folge daraus die Erkenntnis, dass man nicht der Illusion erliegen dürfe, dass sich Konfessions- und Religionskonflikte allein durch "Religionsgespräche" oder "theologische Dialogpapiere" ausräumen ließen, so Klieber. Dazu gebe es eine viel zu tief reichende "personelle Dynamik" und Verwebung mit anderen gesellschaftlichen und politischen Faktoren. Als einen "traurigen Höhepunkt der regionalen seelischen Verheerungen" in Folge der Konfessionskonflikte bezeichnete Klieber die Salzburger Protestanten-Ausweisungen 1731/32 und in Folge die Exilierung von mehr als 400 sogenannten "Zillertaler Inklinanten" im Jahr 1837 ins Riesengebirge. "Zwingend" sei diese Entwicklung keineswegs gewesen, so Klieber, vielmehr ein Irrweg der Kirchengeschichte, der erst nach 1945 eine positive Wende fand in einem bis heute "beispielhaften ökumenischen Klima" in Österreich.

 

 

Kulturproduktiv aber auch säkularisierungsfördernd

So positiv sich kirchenhistorisch die konfessionelle Aufspaltung etwa auf die Kulturproduktion ausgewirkt habe - von Bibelübersetzungen bis hin zu eigenen literarischen Werken und Kulturen -, so negative Folgen habe die Konfessionalisierung auf der anderen Seite im Blick auf die Säkularisierung Europas gezeitigt, meinte der Historiker. Ständige Reformen - selbst dann, wenn sie dem Ziel der "Verchristlichung der Gesellschaft" dienten -, hätten letztlich oftmals zu dessen Gegenteil geführt: der völligen Säkularisierung im Sinne eines Verdunstens religiöser Interessen. Klieber: "Auf das stete Herumdoktern der geistlichen Eliten an diesen Gewohnheiten reagieren die Betroffenen nicht selten mit verstärkter Abkehr vom Religiösen überhaupt." Es sei kein Zufall, dass gerade jene Regionen Mitteleuropas, "welche in Sachen Religion am meisten und intensivsten einschneidende Brüche erlebt haben, heute die objektiv am weitesten kirchlich entfremdeten Gebiete sind".