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01.10.2016
Regierungsberater Kleinschmidt in Klagenfurt

Flüchtlingshilfe muss sich vom Opferdenken verabschieden

Regierungsberater Kleinschmidt : Menschen dabei helfen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Für eine "Hilfe auf Augenhöhe" gegenüber abkommenden Menschen aus den Krisenregionen hat sich der langjährige UNHCR-Mitarbeiter und nunmehrige Flüchtlingsberater der Bundesregierung, Kilian Kleinschmidt, ausgesprochen. Flüchtlinge sollten dazu ermächtigt werden, ihre Chancen selbst zu nutzen, forderte Experte am Samstag, 1. Oktober 2016 in Klagenfurt bei der gemeinsamen Tagung der großen katholischen Laienorganisationen Österreichs und Deutschlands - der Katholischen Aktion und des Katholiken-Zentralkomitees - zum Thema Flucht und Integration.

 

„Nicht in Falle der Arroganz verfallen“

"Wir dürfen nicht in die Falle der Arroganz verfallen, bei dem wir als Helfer alles vorgeben", so Kleinschmidt in Richtung der in der Flüchtlingshilfe tätigen Organisationen wie auch an die Politik. Anzustreben sei vielmehr ein normales Verhältnis, bei dem man dabei unterstütze, auf eigenen Beinen zu stehen. "Die Leute sollen selbst machen und entscheiden können und vom ersten Tag an selbst Verantwortung übernehmen", so Kleinschmidt. Helfer sollten sich zudem ehrlich klarmachen, "geht es nur um den anderen oder will ich mir beweisen, wie gut ich bin?"


Einen Perspektivenwechsel forderte der geborene Deutsche im Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 2015: Eine Million Flüchtlinge hätten durch ihr Kommen Europa einen wichtigen Dienst erwiesen, "indem sie aufzeigten, was bei uns nicht funktioniert". Europa habe etwa nicht genügend Sozialwohnungen gebaut, das Bildungssystem nicht den Erfordernissen angepasst oder sich selbst als Wirtschaftstraum statt als Friedensprojekt missverstanden, so Kleinschmidt.

 

„Bisherige Hilfe höchstens ein Trostpflaster“

Deutlich sei auch geworden, dass die bisherige Hilfe der reichen Staaten "höchstens ein Trostpflaster" gewesen sei. "Im Vorjahr war die humanitäre Hilfe der ganzen Welt nur beschämende 20 Milliarden Euro wert - was vollkommen unzureichend ist für 120 Millionen Flüchtlinge, Erdbeben- und Flutopfer, die fürs tägliche Überleben auf Nothilfe angewiesen sind", verdeutlichte der Experte. Doch selbst die zehnmal umfangreichere Entwicklungszusammenarbeit sei nichts im Vergleich zu den 900 Milliarden an Direktüberweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer. Kleinschmidt: "Teilen des Reichtums war bisher nur Lippenbekenntnis."

Neben einem Aufstocken der Hilfe sei vor allem ein Umdenken hin zu mehr Einbeziehung der betreffenden Personen notwendig, forderte Kleinschmidt. Er berichtete hier von Erfahrungen aus dem libanesischen UNHCR-Flüchtlingslager Zaatari, das er von 2013 bis 2014 leitete: Trotz Erfüllung aller humanitären Standards habe es hier zahlreiche Aufstände und Unruhen gegeben, bis man den Bewohnern mehr Möglichkeiten zugestanden habe, ihr tägliches Leben selbst und individuell zu gestalten. Das Lager sei dann als Stadt organisiert worden. "Für uns war es ein Abstellplatz, für die Menschen der Lebensraum. Das zu begreifen war der Schlüssel zur Veränderung", so Kleinschmidt.

Kritisch äußerte sich der Experte zum Flüchtlings-Begriff, der aus einem Opfer-Denken entspringe. "Gebe ich jemandem den ganzen Tag zu verstehen: 'Du bist ein Flüchtling', ist das als ob ich ihm dauernd vorhalte: ' Du hast einen Pickel auf der Nase'". Flüchtlinge hätten "menschliche DNA" und bräuchten Anerkennung als Menschen; sie verfügten über Kreativität, eigenes Denken und Können sowie Individualität und wollten Teil der vernetzten Welt sein, betonte Kleinschmidt. Sein 2014 gegründetes Startup-Unternehmen Switxboard setzt hier an und fördert Partnerschaften zwischen Unternehmen und Flüchtlingslagern bzw. -projekten.