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29.09.2016

Kirche in bewegten Zeiten: Reform der Liturgie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit

Alt-Bischofsvikar Matthias Roch erinnert sich an diese „spannende Zeit des Umbruchs“.


 

Für Alt-Bischofsvikar Prälat Matthias Roch war die Liturgiereform deshalb besonders spannend, weil er während des Konzils studiert hat.

 

„Ich kann mich als Theologiestudent an viele Diskussionen erinnern, als wir mit Begeisterung P. Mario von Galli SJ gehört haben, der über die Beratungen beim Konzil berichtet hat“, erzählt Roch: „Wir sind mit lateinischen Texten ausgebildet worden, auch die Liturgie-Prüfungen mussten wir in Latein ablegen, und zugleich wussten wir schon, dass es bald die Muttersprache Deutsch in der Liturgie geben wird.“

 

Bei den jungen Studenten gab es in dieser Hinsicht „große Sehnsüchte und auch sehr große Hoffnungen“. Roch: „Sehr viele dieser Hoffnungen wurden erfüllt und ich bin sehr dankbar, in dieser Zeit gelebt und studiert zu haben. Es war einfach eine spannende Zeit.“

 

Zwei Messen zur selben Zeit in einer Kirche


Wie groß die Veränderungen waren, zeigt folgendes Beispiel: Als Roch am 1. September 1965 – das Konzil ging drei Monate später zu Ende  – Kaplan in Göllersdorf geworden war, war es üblich, „dass ich zusammen mit dem Pfarrer um 7 Uhr früh mit ein paar Ministranten zur selben Zeit aus der Sakristei hinausmarschiert bin und dass der Pfarrer am Hochaltar und ich hinten bei einem Seitenaltar jeder Messe gefeiert und darauf geachtet haben, dass wir halbwegs gleichzeitig fertig geworden sind“.


Roch erinnert sich an eine Fahrt mit einem Jahrgangskollegen zu den großen Wallfahrtsorten – nach Einsiedeln, Fatima, Lourdes. Reiseleiter P. Zenklusen SJ, damals schon weit über 70, „hat uns damals eingeladen zu konzelebrieren“, erzählt Roch: „Die alten Herren in der Reisegruppe haben immer geschaut, dass sie irgendwo einen Altar bekommen, aber wir zwei jungen Kapläne haben ihm ,assistiert‘.“

 

So richtig ausgekannt habe sich zwar noch niemand – die Texte waren auch noch nicht so vorhanden, „aber das waren so die ersten Erfahrungen für mich mit der Liturgiereform“, sagt Roch: „Auf der einen Seite noch das sehr Herkömmliche in der Pfarre daheim und  bei Reisen und Treffen doch schon der Versuch der Konzelebration am Volksaltar – es war einfach sehr spannend.“

 

Es gab eigentlich keinen „Stichtag“


Als er 1968 Studienpräfekt in Hollabrunn wurde, ging es richtig los. „In der kleinen Kapelle hat man begonnen, einen Volksaltar aufzustellen.

 

Wie in vielen anderen Pfarren auch war es hier ein Haustischler, der schnell einen Volksaltar gezimmert hat“, berichtet Roch. Diese „Provisorien“ haben aber oft viele Jahrzehnte überdauert, so wie jener Altar in Karnabrunn, der immerhin bis 2010 gehalten hat.

 

Oft habe man vom Hochaltar oder von der Kanzel einen Teil genommen, damit der Altar  zur übrigen Kircheneinrichtung passt. Roch: „Heute geht man oft einen anderen Weg. Angestrebt wird, dass sich der Hauptaltar der Kirche von der übrigen Ausstattung ganz bewusst abhebt.“

 

Neben der Frage des Altares waren oft auch die Messtexte, die laufend erneuert worden sind, ein Problem. „Zuerst gab es statt der Messbücher nur die Studientexte“, sagt Roch: „Auch bei der Umsetzung der Sprache gab es große Unterschiede.

 

Es hat Pfarrer gegeben – ich denke da an Josef Toriser in Karnabrunn –, die schon jahrelang die sogenannte Bet-Sing-Messe gefeiert haben, bei der Teile der Messe vom Volk in deutscher Sprache gesungen wurden. Die waren jetzt natürlich sehr froh, dass eine neue Möglichkeit entsteht und haben sehr schnell umgestellt.“

 

Vorbehalte unter den älteren Priestern


Mit 30 Jahren ist Roch Pfarrer in Hadersdorf geworden: „Ich kann mich erinnern, dass die neuen Messtexte immer auch eine Geldfrage waren. In der Diözese hat man gehört, die Studientexte werden vielleicht noch für zwei, drei Jahre Gültigkeit haben, und jeder Pfarrer hat natürlich aufs Geld geschaut und nicht gleich neue Messbücher kaufen wollen. Aber die Unterstützung von Seiten des Pastoralamtes war immer gegeben und man war froh, wenn die Leute umgestellt haben.“


Manche ältere Mitbrüdern haben sich damit schwer getan. „Einige haben sich wohl gedacht: Wir haben so schöne alte Messbücher, die sind noch gut, und jetzt bekommen wir so ein Klumpert, das eh nach ein paar Jahren zerfällt, da warte ich lieber zu“, weiß Roch. Manche haben auch den alten barocken Kaseln nachgetrauert, „während die jungen Priester schon geschaut haben, wo sie ein modernes Messgewand herbekommen“.

 

Roch: „Ich kann mich aber nicht an einen ,Stichtag‘ erinnern, ab dem es nicht mehr erlaubt gewesen wäre, am Hochaltar zu zelebrieren.“

 

Keine „Übungsphase“


Natürlich habe es vom Pastoralamt, das damals vom späteren Wiener Stadtvikar P. Josef Zeininger geleitet wurde, zahlreiche Handreichungen und Unterlagen gegeben, aber die Umsetzung ist beim jeweiligen Priester gelegen. An eine „Übungsphase“ kann Roch sich nicht erinnern, vieles entstand einfach. „Ich habe in dieser Umstellungsphase viele katechetische Predigten gehalten und erklärt, warum das jetzt so ist und aus welchem Grund.“ Das hat sehr geholfen.


Roch: „Mein erstes großes Erlebnis, bei dem ich den Erfolg der Liturgiereform gesehen habe, war 1972 die Weihe der Gartenstadtkirche in Hollabrunn durch Erzbischof Jachym. Die dortige Siedlung war nach dem Krieg immer mehr gewachsen, weshalb bald der Bau einer eigenen Kirche überlegt wurde, der ganz im neuen Stil mit Volksaltar konzipiert war. Und die Gläubigen dort haben tatkräftig mitgeplant.“


Roch war Anfang der 1970er Jahre auch Aushilfskaplan in Hollabrunn: „Da haben wir mit der Jugend einmal eine Umfrage unter den Messbesuchern über die Liturgiereform gemacht – da war auch unter den älteren Leuten eine sehr positive Stimmung zur Liturgiereform zu spüren.

 

Viele haben gesagt, es ist schön, dass wir bei der Messe jetzt auch etwas verstehen.“   

 

Neue Formen des Kommunionempfangs


Als Pfarrer von Hadersdorf erinnert er sich, „dass es vor allem bei manchen älteren Leuten eine Scheu davor gegeben hat, die Hostie zu berühren. Es hat aber auch viele gegeben, die diese Möglichkeit dankbar angenommen haben.“ Im Zuge der Liturgiereform kam es Mitte der 1970er Jahre auch zur Wahl der ersten Pfarrgemeinderäte.

 

Roch: „Meinen PGRs habe ich angeboten, einen der ersten Kommunionhelferkurse mitzumachen und es haben sich dann auch drei Leute bereit erklärt, einen solchen zu besuchen. Auch wenn eine der Frauen später gemeint hat, sie hätte manchmal den Eindruck gehabt, dass Leute, wenn sie merken, dass sie auf der einen Seite die Kommunion spendet, bewusst auf die andere Seite zum Pfarrer wechseln.“


Prälat Stubenvoll hatte ein paar junge Priester (Willibald Steiner, Heinrich Hisch, Franz Mantler und Roch) zu Gemeinschaftsexerzitien unter dem Motto „Gemeinsam das Konzil leben“ nach Rocca di Papa geschickt.

 

„Für uns waren das Erlebnisse der besonderen Art: Dass man dort im Gemeinschaftsraum den Tisch gerichtet hat und dass man rund um den Tisch gesessen ist und freie Fürbitten formuliert hat, war selbst für uns Priester schwierig“, erinnert sich Roch: „Da hat die Liturgiereform im wahrsten Sinne des Wortes zur Gemeindebildung beigetragen.“

 

Die Liturgiereform ist nicht abgeschlossen


Roch ist auch Spiritual im Diakonenrat. Bei einem Gespräch mit Diakonen sei jüngst die Frage aufgetaucht, warum die Leute heute oft so wenig eucharistiefähig sind.

 

„Einige haben dann von ihren Erfahrungen berichtet und gemeint, wir bräuchten wieder neue liturgische Formen“, erzählt Roch: „Irgendeine Form der Liturgie für Leute, die nichts mit der Kirche am Hut, aber eine innere Sehnsucht  haben, und die man ganz anders abholen muss.

 

Also eigentlich eine Fortführung der Liturgiereform.“ Wenn man in die Kirchen komme und die Menschen so mit 65+ sehe, müsse man sich schon fragen, warum die Jungen nicht kommen.

 

Roch: „Da ist sicher auch ein neuer Weg zu suchen, um die jungen Menschen, die heute, wenn überhaupt, einen anderen religiösen Hintergrund haben, dort abzuholen, wo sie stehen.“ Jede Zeit brauche „neue Ausdrucksformen“. Roch: „Wir befinden uns in einer sehr schnelllebigen Zeit und dürfen da nicht zurückbleiben.

 

Vielleicht haben wir auch als Kirche zu lange ,sorglos’ dahingelebt. Insofern ist die Liturgiereform nie wirklich abgeschlossen.“