Mit Umarmungen für die Vertreter zahlreicher Religionen hat Papst Franziskus am Dienstag, 20. September 2016 den Höhepunkt des Friedenstreffens von Assisi begonnen.
Er begrüßte nach seiner Ankunft per Hubschrauber am Vorplatz des Klosters der Franziskanerkonventualen (Minoriten) Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, den syrisch-orthodoxen Patriarchen Aphrem II. von Antiochien, Anglikaner-Primas Justin Welby, Roms Oberrabbiner Riccardo di Segni und den Vizepräsidenten der Al-Azhar-Universität, Abbas Shuman. Die Religionsvertreter aßen anschließend im Refektorium des mittelalterlichen Klosters gemeinsam zu Mittag, begleitet auch von Flüchtlingen aus Asien und Afrika.
Unter den Flüchtlingen waren zwei Palästinenser, drei Syrer und zwei Armenier, die im Februar im Rahmen eines von den Kirchen initiierten humanitären Korridors nach Italien gekommen waren. Auch zwei vor der Terrorgruppe Boko Haram geflohene Nigerianerinnen, eine Eritreerin und ein Bootsflüchtling aus Mali waren anwesend. Alle Flüchtlinge werden von der Gemeinschaft Sant'Egidio betreut, die auch das mehrtägige Treffen in Assisi unter dem Motto "Durst nach Frieden" organisiert hat.
Beim Mittagessen wies der Präsident der Gemeinschaft Sant'Egidio, Marco Impagliazzo, auf das bevorstehende 25-Jahr-Jubiläum der Amtsübernahme von Patriarch Bartholomaios I. hin. Mit diesem wollte der Papst am Nachmittag Einzelgespräche führen, ebenso mit Erzbischof Welby, Patriarch Aphrem II. und den islamischen und jüdischen Repräsentanten. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften wollten um 16 Uhr an verschiedenen Orten in der Franziskus-Stadt Gebete abhalten, darunter das christlich-ökumenische Friedensgebet in der Unteren Basilika.
Noch vor seiner Abreise hatte Franziskus am Dienstag betont, die Vertreter aller Religionen versammelten sich in Assisi nicht zu einem "Spektakel". Es gehe darum, für den Frieden zu beten, "bis man sich der Kriege schämt", so der Papst bei seiner Morgenmesse in Santa Marta laut Radio Vatikan. Der 20. September solle ein "Tag des Gebets, der Reue, des Weinens um des Friedens willen" sein, Jeder Mensch solle durch sein Gebet und Weinen dem Krieg und der Gewalt, die ein "Werk des Bösen" seien, auftreten. Gott bloß dafür zu danken, selbst vom Krieg verschont geblieben zu sein, sei der falsche Ansatz, so der Papst.
Nachdrücklich schärfte Franziskus ein, die Augen nicht vor dem Krieg zu verschließen und sich aufrütteln zu lassen vom Leid der betroffenen Menschen: "Wenn wir unsere Ohren verschließen vor dem Leid jener, die bombardiert werden, die durch den Menschenhandel leiden, dann kann es sein, dass eines Tages dies an uns geschieht und wir auf Antworten warten", so der Papst. Friede solle "ohne Unterscheidung der Religionen" aufgenommen werden, denn jede Religion glaube, dass Gott "nur für den Frieden einstehen" könne. Einen "Gott des Krieges" gebe es nicht.
Bereits seit Sonntag hatten sich rund 10.000 Menschen - darunter 500 Religionsführer, Geistliche, Politiker, Wissenschaftler und Intellektuelle - in Assisi zur Diskussion über Krieg und Frieden versammelt. In zahlreichen Kurzstatements auf rund 30 Einzelpodien berichtete etwa ein junger Priester aus dem Irak, Rebwar Audish Basa, von der Flucht der Christen aus seinem Land. Daniele Donati von der Welternährungsorganisation FAO mahnte, die globale Migration an den Wurzeln Armut und Ungleichheit zu bekämpfen. Der Jerusalemer Rabbiner David Rosen erinnerte an die epochale Erneuerung des Verhältnisses zwischen Katholiken und Juden vor 50 Jahren. Der nigerianische Erzbischof Ignatius Kaigama hob die humanen und kulturellen Ressourcen seines Kontinents hervor.
Das von der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio organisierte Friedenstreffen geht auf eine Initiative von Johannes Paul II. (1978-2005) zurück, der vor 30 Jahren am 27. Oktober 1986 erstmals die Religionen der Welt zum Gebet für den Frieden in die Heimatstadt des Friedensapostels Franz von Assisi (1181/1182-1226) eingeladen hatte.
Seither richtete Sant'Egidio jährlich ein Friedenstreffen an wechselnden Orten aus. Unabhängig davon luden die Päpste noch dreimal zu Friedensgebeten nach Assisi ein: 1993 angesichts der Balkankrise, 2002 nach den Anschlägen vom 11. September, 2011 - mit Benedikt XVI. (2005-2013) als Gastgeber - als Antwort auf den wachsenden Terrorismus. Der nunmehrige Besuch von Franziskus - bei der ein Papst erstmals "nur" Gast bei der von Sant'Egidio veranstalteten Zusammenkunft der Weltreligionen ist - gilt als Würdigung der 30-jährigen Dialogarbeit der kirchlichen Friedensbewegung.