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01.09.2016

Kirche in bewegten Zeiten: Baubischof Jachym – der Mann hinter dem Kardinal

Dechant Norbert Rodt erinnert im Gespräch mit dem "SONNTAG" an Erzbischof-Kadjutor Franz Jachym.

 

Der SONNTAG trifft Dechant Norbert Rodt im Garten der Pfarre Gersthof in Wien Währing an einem strahlenden Sommertag. Im Hintergrund ist Baulärm zu hören. An der Pfarrkirche St. Leopold, einem Sichtziegelbau aus dem 19. Jahrhundert, werden gerade Restaurierungsarbeiten vorgenommen.


Mit dem Thema der Erhaltung und des Baus von Kirchen ist Dechant Norbert Rodt seit vielen Jahren vertraut.

 

Von 1970 bis 1976 war er Sekretär von „Baubischof“ Franz Jachym, dem engsten „Teamspieler“ Kardinal Königs.

 

Allen bösen Gerüchten zum Trotz waren König und Jachym ein erstklassiges Gespann. „Für mich war die Ära König eine Zeit des erfrischenden Rückenwinds, mit einem guten Image der Kirche in der Öffentlichkeit.

 

Die Kirche war durch das Konzil im Aufbruch. Dazu hat König sehr viel beigetragen“, erklärt Norbert Rodt. Der Kardinal hätte international nicht so viel machen können, wenn er nicht Jachym zu Hause gehabt hätte. „Sie sind sehr wertschätzend, und auch mit Hochachtung einander begegnet. Später wurde das Verhältnis ein brüderliches.“


Franz König wurde 1956 Erzbischof von Wien. Er wusste: Eigentlich war Jachym als der Nachfolger Innitzers gehandelt worden. Wie mit ihm also jetzt umgehen?

 

Dechant Rodt: „Er hat Jachym die Kirchenbau-Agenden übertragen. Da hat sich Jachym hineingekniet. Eines seiner größten Projekte war der Bau des Knabenseminars von Sachsenbrunn.“


Während seiner Zeit als Sekretär Franz Jachyms, erstellte Norbert Rodt in dessen Auftrag eine umfassende Dokumentation der diözesanen Kirchenneubauten nach 1945, die mehrbändig in Buchform erschien.

 

Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym, der selbst aus Favoriten stammte, hatte im Auftrag von Kardinal Franz König mehr als 150 Gotteshäuser neu erbauen oder restaurieren lassen.

 

Zur Finanzierung ging er neue Wege und schuf die „Kirchliche Aufbauanleihe“. Diese Anleihe auf dem Geldmarkt (Motto: „Die Kirche baut – die Kirche bürgt“) löste international großes Aufsehen aus. Österreichische Diözesen und Stifte stellten sich dabei mit ihren Besitzungen als Bürgen zur Verfügung und ermöglichten so eine kostengünstige Darlehensaufnahme für den Bau und Wiederaufbau kirchlicher Gebäude.

Detektivisch wachsam

Als „Bau-Bischof“ war Jachym klar, dass die christlichen Gemeinden Gotteshäuser brauchten, vor allem in den damals rasant wachsenden Neubaugebieten.

 

Norbert Rodt: „Es existierten damals um die 40 Notgottesdienststätten in Folge der Weltkriege, die Prälat Josef Gorbach erbaut hatte.“ Fast alle diese Kirchen wurden unter Jachym durch richtige Kirchen ersetzt.

 

Als es um die Einweihung der neuen Kirchen ging, schickte Franz Jachym die Anfragen immer zuerst zu Kardinal König. „Jachym war sehr loyal und hat ihm diesen Dienst auf alle Fälle zukommen lassen wollen“, erinnert Dechant Rodt.

 

In den 60er und 70er Jahren gab es kaum konstruktive Kontakte zwischen dem Wiener Rathaus und dem Stephansplatz.

 

In diesen Jahren erweiterte die Stadt Wien ihren Siedlungsraum um zahlreiche Neubauten, vor allem in den Randbezirken. „Franz Jachym hat immer die Arbeiter-Zeitung gelesen, um auf diesem Sektor aktuell informiert zu sein“, berichtet Rodt und schildert die fast detektivische Wachsamkeit der Kirche in Baufragen: „Einmal kam ein Dechant aus Simmering zu Jachym und sagte: ,Exzellenz, ich habe auf einem Platz viele Rohre liegen sehen. Da wird ein Kanal gebaut – es ist zu vermuten, dass dort Häuser gebaut werden.‘Auf solche Anzeichen haben wir geachtet, um zu erfahren, wo Stadtentwicklungsgebiete sind und z.B. Gemeindewohnungen gebaut werden.“

Wien – eine „Stadt ohne Gott“?

Für den Baubischof war es durchaus eine Herausforderung, sich auf dem Gebiet der „roten“ Stadt Kirchenbauplätze zu sichern, diese Kirchenbauten dann entsprechend auszuschreiben und zu bauen. 

 

Mittlerweile haben sich die Kontakte sehr verbessert.  Wollte man eine „Stadt ohne Gott“ errichten? Dazu Norbert Rodt: „Die Architekten-Gemeinschaften haben bei Großbau-Projekten wie z. B. Am Schöpfwerk von sich aus einen Kirchenplatz vorgesehen.

 

Die Politik hat unterschiedlich reagiert – manchmal entgegenkommend, manchmal verhindernd.“ Der berühmte SPÖ-Bezirksvorsteher von Favoriten, Otto Probst (1911-1978), soll einmal gesagt haben: „Jetzt hob i in mein Bezirk scho gnua Kirchn – jetzt muaß kane mehr baut werdn!“


Groß war indes die Freude, als die Per Albin Hansson-Siedlung in Wien 10 endlich eine Kirche (St. Paul) bekam. Zuvor musste die Gemeinde im Turnsaal der Schule Gottesdienst feiern, „was wiederum nicht so einfach war, da die Schule Hoheitsgebiet der Stadt Wien war“, so Rodt.


Heute herrscht ein partnerschaftliches  Verhältnis zur Stadtpolitik. Bischofsvikar Dariusz Schutzki hat einmal im Jahr einen Termin mit dem Bürgermeister oder seinen Dienststellen.  

Tischgespräche auf Latein

Jachym war im Kirchen-Bau zwar federführend, aber ohne Kardinal König hätte er seine Projekte nicht umsetzen können: Dessen Aufgabe war es, seine Bischofskollegen von der Kirchlichen Aufbauanleihe zu überzeugen und damit die Finanzierung sicher zu stellen.


Der „Bau-Bischof“ bemühte sich, für die neuen Kirchen namhafte Architekten und Künstler zu finden. In den 1960er und frühen 1970er Jahren führte die Auseinandersetzung mit den Richtlinien des Zweiten Vatikanums zu experimentellen räumlichen und gestalterischen Lösungen (Josef Lackner, Ottokar Uhl, Roland Rainer, Johannes Spalt, Fritz Wotruba).

 

Ab den 1980er Jahren wurden diese zum Teil von traditionellen Raumschöpfungen abgelöst (Otto Häuselmayer).


Die Reaktionen auf die „neuen“ Kirchen beim Kirchenvolk waren unterschiedlich. Norbert Rodt: „Für die, die Not gelitten haben, waren die Neubauten eine Erleichterung und Verbesserung. Natürlich gab es auch Gläubige, die eher der Tradition verhaftet waren.

 

Manche Neubauten erregten Erstaunen.“ Große Protestbewegungen gab es bei der Neugestaltung des Innenraums der Pfarrkirche Hetzendorf und beim Abriss der Rauchfangkehrerkirche in Wien 4. „Kardinal König hat immer wieder, der Einheit dienend, eingegriffen“, erinnert sich Rodt.


Als Sekretär von Jachym war Rodt immer wieder bei Mittagessen bei Kardinal König, wenn dieser Gäste eingeladen hatte wie z. B. den Dalai Lama oder Kardinal Mindszenty. Letzterer und König haben sich auf Latein unterhalten.

 

„Es war eine sehr vertraute Atmosphäre. König war ein guter Zuhörer, Jachym war eher der, der das Gespräch thematisch gestaltet hat und die Stichworte geliefert hat. Das war aber nicht abgesprochen.

 

Deutlich war für mich immer wieder: Kardinal König hat jedem nicht nur sein Ohr geliehen, sondern auch sein Herz geschenkt.“