Wer spricht da eigentlich in unserer heutigen ersten Lesung? Und wovon spricht er?
Perikopen nennen wir die für die Liturgie ausgewählten Lesungsabschnitte. Perikopé heißt auf griechisch: rundherum abgeschnitten.
Manchmal wird dieses Abschneiden übertrieben, verstümmelt eher den Bibeltext, als einen sinnvollen Abschnitt hervorzubringen.
So etwa bei der heutigen ersten Lesung: drei Verse aus einem vom biblischen Autor in einer kunstvollen Ringform gebauten Gebet, das das ganze 9. Kapitel dieses Buches umfasst:
Anfang und Ende entsprechen einander, ebenso der zweite und vorletzte Abschnitt und so weiter. Um den heutigen Lesungsabschnitt zu verstehen, ist es also sinnvoll, das ganze Gebet, also das gesamte 9. Kapitel, zu lesen.
Wer ist es also, der hier betet?
Vom göttlichen Auftrag, König des Gottesvolkes zu sein und den Tempel zu bauen, ist in V 7 und 8 die Rede.
König Salomon, der Erbauer des Tempels, ist der (fiktive) Autor des jüngsten Buches des Alten Testaments, das wahrscheinlich Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden ist.
Im Mittelteil dieses Buches wird er als vorbildlicher Weiser, als Gerechter gezeichnet. Wesentlich dafür ist das Gebet um Weisheit, das aus dem schwachen Menschen (V. 5) einen guten König macht.
Das Buch der Weisheit deutet damit im 9. Kapitel jene biblische Episode aus, in der Salomo von Gott ein hörendes Herz als Hilfe für seine Herrschaft erbittet (1 Köln 3.6-9).
Das weise Herrschen Salomos ist aber in diesem Gebet noch tiefer begründet, es entspricht schlicht dem Schöpfungsauftrag Gottes an den Menschen (Vgl. VV. 1-3):
Der Mensch soll die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten. Das ist allerdings nicht selbstverständlich, ist doch der Mensch schwach, seine Einsicht gering, sein Leben kurz (V 5).
Dieser schöpfungstheologischen Einleitung des Gebetes Salomos entspricht nach der Ringstruktur des Textes sein Ende, unser heutiger Lesungsabschnitt, die letzten Verse von Kap. 9. Da ist in Anspielung an platonische Philosophie von der Schwäche menschlicher Erkenntnis die Rede, die es praktisch unmöglich macht, Gottes Plan zu erkennen
(VV. 13-16). Wenn aber Gott den Menschen durch Weisheit geschaffen hat (V. 2), dann hilft eben diese Weisheit dem Menschen, sich in der Schöpfung zurecht zu finden (VV 17f). Durch die göttliche Weisheit beginnen die Menschen, Gottes Willen zu lernen, werden gerettet (V. 18).
Das letzte Wort dieses Gebetes, gerettet, bahnt den dritten Teil des Weisheitsbuches an.
Gottes Rettung durch Weisheit ist keine Theorie, sondern hat sich im Laufe der Heilsgeschichte ereignet, beginnend mit Adam und dann (in sieben Gegenüberstellungen verdeutlicht) in der Befreiungsgeschichte Israels aus der Knechtschaft Ägyptens. Durch die Weisheit lernt Israel in dieser schwierigen Situation Menschenfreundlichkeit.