Für eine Blickumkehr auf die Krise, die Europa aber auch die katholische Kirche erfasst habe, hat der emeritierte Grazer Bischof Egon Kapellari plädiert: "Ich möchte generell sagen, dass die Kirche Europa nicht aufgeben soll und sich in Europa nicht aufgeben soll", sagte Kapellari am Samstag, 27. August 2016 im Gespräch mit "Radio Vatikan". Generaldiagnostisch werde gern das Wort Krise im Munde geführt, ohne darin zugleich auch die Chancen für einen Neuanfang zu sehen - etwa im Blick auf die Flüchtlingsproblematik oder auch im Blick auf die innerkirchliche Situation. Hier sei ein "realistischer Idealismus" notwendig.
Kapellari äußerte sich am Rande des diesjährigen Ratzinger-Schülerkreistreffens in Castel Gandolfo, an dem er als ein Hauptreferent teilgenommen hat. Aus Österreich nimmt weiters auch Kardinal Christoph Schönborn an dem Treffen teil, das noch bis Sonntag, 28. August, dauert.
Eine Bewährungsprobe für Europa stelle derzeit die Flüchtlingsfrage dar: Europa sei zwar "keine Festung", auch brauche es "keine Zäune und Mauern", zugleich jedoch gelte es, einen "realistischen Idealismus und keinen blauäugigen Idealismus" an den Tag zu legen: "Wenn die Zahl der Immigranten, nicht nur Flüchtlinge auch andere, die ein besseres Leben wollen, (...) rasch größer wird, dann gibt es eine programmierte Instabilität. Und die hält, schlicht gesagt, der Kontinent nicht aus, außer er würde Zustände wie im Libanon oder in Jordanien aushalten. Das wollen wir nicht, und ich glaube nicht, dass es unsere Berufung ist."
Es brauche in dieser Frage daher einen "Realismus, der sagt, wir schaffen nicht alles" - dies sei "nicht eine Konsequenz von Herzlosigkeit, sondern eine Synthese von Vernunft und Glauben". Dabei bleibe die Bergpredigt als "Zielhorizont" eines von Nächstenliebe und Fürsorge geprägten Lebens weiterhin unverzichtbar - sie könne jedoch nicht "auf die Ebene einer Staatsverfassung eins zu eins heruntergebrochen werden". Kapellari weiter: "Ich füge aber hinzu, ohne reichlich gelebte Elemente der Bergpredigt korrumpiert und korrodiert ein Gemeinwesen und sogar die Kirche. Ideal und Wirklichkeit müssen zusammen bleiben. Und dazwischen lebt man und man darf nicht bequem leben, man muss aber Ideale haben, die geerdet sind."