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26.08.2016
Zentrale Totenmesse am Samstag

Italien: Trauerfeiern wegen zerstörter Kirchen nur im Freien

Einsegnungen in Kirchen nicht möglich, jedoch zentrale Totenmesse mit Staatspräsident am Samstag im Dom von Ascoli Piceno.

Zwei Tage nach dem Erdbeben in Mittelitalien sind die Umstände für die Bestattung der Toten teilweise noch ungeklärt. Der Bürgermeister des weithin zerstörten Ortes Amatrice, Sergio Pirozzi, sagte, er wisse nicht, wann und wie die Todesopfer aus seiner Gemeinde beerdigt werden könnten. Sicher sei nur, dass sie in ihrer Heimatstadt beigesetzt würden, sagte Pirozzi laut italienischen Medien am Freitag, 26. August 2016. Es gebe "keine einzige Kirche mehr", so der Bürgermeister. Die Trauerfeiern müssten im Freien stattfinden. Die Todesopfer der Region Marken werden am Samstag mit einem Gottesdienst im Dom von Ascoli Piceno verabschiedet. Dazu wird auch Staatspräsident Sergio Mattarella erwartet.

 

Unterdessen ist die Zahl der tot geborgenen Personen auf 267 gestiegen. Allein 207 starben nach Angaben des Zivilschutzes in Amatrice. Die Zahl der Verletzten beziffern amtliche Stellen mit 397. 238 Menschen seien lebend aus den Trümmern gerettet worden.

 

Am Freitagmorgen löste ein weiteres Nachbeben Angst unter der Bevölkerung aus. Laut Medienberichten stürzten weitere Gebäude ein. Die Erdstöße um 6.28 Uhr erreichten in Amatrice eine Stärke von 4,8. Zuvor wurden die Nacht hindurch Hunderte leichtere Erschütterungen verzeichnet.

 

Schwere Schäden an 293 historisch wichtigen Bauten

Durch das Erdbeben in Mittelitalien sind laut einer ersten Bilanz mindestens 293 historisch bedeutende Bauten zerstört oder schwer beschädigt worden, sagte Kulturminister Dario Franceschini laut Medienberichten am Donnerstag in Rom. Dazu gehörten Dutzende Kirchen- und Klostergebäude. Die Erhebung beziehe sich jedoch nur auf die Region im Umkreis von 20 Kilometern um das Epizentrum des Bebens. Die Zahl der Schadensmeldungen werde noch steigen, ergänzte die Generalsekretärin des Ministeriums, Antonia Pasqua Recchia.

 

Am Sitz des Kulturministeriums hatte am Donnerstag eine Krisensitzung mit der für Kulturgüter zuständigen Sonderabteilung der Polizei stattgefunden. Derzeit dürfen den Angaben zufolge aus Sicherheitsgründen noch nicht einmal Experten der Kulturbehörden, sondern nur Carabinieri der Sondereinheit erste Begutachtungen der Baudenkmäler im Katastrophengebiet vornehmen.

 

Franceschini betonte, die erste Sorge gelte selbstverständlich den Menschen. Mit Blick auf einen künftigen Wiederaufbau der zerstörten oder beschädigten Kulturgüter gelte es aber, schon bei den Räumungsarbeiten aktiv zu werden; die Trümmer kulturgeschichtlich wertvoller Gebäude würden bei deren Restaurierung benötigt. Auch lägen im Schutt Kunstwerke wie Bilder oder Skulpturen.

 

Die historischen Ortskerne der getroffenen Gemeinden sollten so wiederaufgebaut werden, "wie sie noch vor ein paar Stunden waren", sagte Franceschini. Amatrice, ein weithin zerstörtes Bergstädtchen, sei eine der schönsten historischen Ortschaften Italiens gewesen. Der Wiederaufbau sei möglich, aber ein weiter Weg, so der Minister weiter. Eine "große Herausforderung" liege nun darin, die Bedürfnisse öffentlicher, kirchlicher und privater Kulturgüter in Einklang zu bringen. Hinzu komme das Problem der bereits zuvor bestehenden Abwanderung aus den Gebirgsorten, da dort die Arbeitsplätze fehlten.

 

Schwere Schäden werden auch aus Norcia (Nursia), dem Geburtsort des Ordensgründers Benedikt, Begründer des abendländischen Mönchtums, gemeldet. Die Kirche San Benedetto sowie Teile der historischen Stadtmauern sind einsturzgefährdet.

 

Am Dom von Urbino in den Marken zeigten sich Risse in der Fassade. Das Castello della Rancia in Tolentino, eine Festung aus dem 14. Jahrhundert, wurde für unzugänglich erklärt. Auch der Dom von Macerata, ein ins 10. Jahrhundert zurückreichendes, neoklassizistisch überarbeitetes Gotteshaus, wurde von der Diözesanleitung wegen gravierender Schäden gesperrt.

 

In dem weithin zerstörten Ort Amatrice sind die mittelalterlichen Kirchen Sant'Agostino und San Francesco stark in Mitleidenschaft gezogen. Auch in Camerino rund 100 Kilometer nördlich stürzten durch die Erdstöße am Mittwoch Teile des Klosters Santa Chiara ein.

 

Laut einem Bericht des italienischen Fernsehens mobilisierte das Kulturministerium seine Kriseninterventionstruppe, die sogenannten Kultur-Blauhelme. Die Spezialeinheit von Kriminal- und Kunstsachverständigen wurde erst im Februar gemeinsam von der Weltkulturorganisation Unesco und Italien geschaffen. Sie sollen bedrohte Kulturgüter in Krisen und bewaffneten Konflikten schützen. Eine stärkere internationale Zusammenarbeit auf diesem Feld hatten die Unesco-Mitgliedstaaten im Juni 2015 in Bonn beschlossen.