Warum haben Sie sich mit dem Begriff der „Barmherzigkeit“ so intensiv beschäftigt, dass daraus sogar ein Buch entstand?
Dimitré Dinev: In der jüdischen Tradition ist die Barmherzigkeit die wichtigste Eigenschaft Gottes, noch wichtiger als die Gerechtigkeit.
Sie ist das, was die Menschlichkeit in uns ausmacht. Sie duldet keinen Aufschub, lässt sich nicht versprechen. Ihre Zeit ist die Gegenwart, ihr Ort das Gewissen. In Zeiten, in denen sie verschwindet, verschwindet auch die Menschlichkeit.
Die Barmherzigkeit ermöglicht die Sprache. In ihrer ursprünglichen Intention ist sie Sprache, vielleicht ist sie sogar der Ursprung der Sprache selbst, jene erste Geste der Zuwendung, die das Neugeborene an die eigene Haut drückt und tröstet, die den anderen aus seiner Einsamkeit erlöst.
Die Barmherzigkeit ist die Brücke, über die wir unsere Seelen retten. Was ich sagen will, ist, dass sich darüber nicht nur ein Buch schreiben lässt. Jedes Buch ist sogleich ein Buch über das Menschliche und das Unmenschliche.
Was hat Sie dazu inspiriert?
Dimitré Dinev: Ich habe keine konkrete Inspiration gebraucht. Es ist einfach so, dass die ethischen Fragen diejenigen sind, die mich am meisten interessieren.
Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit „Barmherzigkeit“?
Dimitré Dinev: Darüber ist viel in dem Buch selbst zu lesen. Dank der Güte und Barmherzigkeit einiger Menschen, die ich in Österreich getroffen habe, bin ich nicht an den Gesetzen dieses Landes zerbrochen.
Woran schreiben Sie gerade?
Dimitré Dinev: Ich schreibe seit Jahren an einem Roman und natürlich wird die Barmherzigkeit darin wieder eine große Rolle spielen.