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21.07.2016

Blogprojekt: Valerie und der Priester

„Großstadt trifft auf Kirchenwelt, Freiheits- auf Traditionsliebe.“

Auf den ersten Blick scheint dieses Projekt das Wort ‚Klischee‘ förmlich zu schreien: Sie, junge Journalistin aus Berlin, links-liberal angesiedelt, Feministin, mit der Kirche nichts am Hut. Er, Priester, aus adeligem Hause entstammend, mit Gott verheiratet. Es hört sich mehr nach einer unterhaltsamen, aber unrealistischen Fernsehserie an, in der sich die Producer größte Mühe geben, die Spannung aufrecht zu erhalten.

 

Treffen sich ein Priester und eine Journalistin

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Darum geht's

 

Was ist Franziskus‘ Lieblingstorte? Was für Apps hat Franziskus auf seinem Handy? Was bringt Beten eigentlich, wenn trotzdem jeden Tag Hunderte im Mittelmeer sterben? Wie soll ich das ein Jahr durchhalten? Diese und tausend ähnliche Fragen stürmen Valerie täglich durch den Kopf – manche sind schnell beantwortet, manche erfordern etwas mehr Zeit.

 

Vier Kapitel hat Valerie bereits verfasst, dazwischen einige ausführlichere Gespräche mit Franziskus dokumentiert. Der Ton ist neutral, trocken, doch gespickt mit humorvollen Anekdoten Valeries über sich selbst. Wer sich die zusätzlichen Videos, auf denen Unterhaltungen zwischen der Journalistin und Franziskus aufgezeichnet sind, bemerkt, dass die Beiträge genau Valeries Art zu Reden entsprechen. Diese Ehrlichkeit ist entwaffnend.

 

„Hallo, da bin ich“

Das erste Aufeinanderprallen der zwei Welten beschreibt Valerie in kurzen, fast distanziert wirkenden Sätzen. Ein flüchtiger Leser könnte das fast als Desinteresse Valeries interpretieren, doch dahinter steckt viel mehr: Neugier treibt sie an, Unverständnis gegenüber Franziskus Art zu leben entwickelt sich schnell: Jeden Morgen beten? Acht Bände katholische Dogmatik im Bücherregal?


Aber auch die Unsicherheit schleicht sich ein: Wie geht man mit jemand um, der offensichtlich eine ganz andere Lebensrealität hat, jedoch nicht nur Souverän im eigenen Feld ist, sondern auch im Umgang mit jemandem, der den eigenen Lebensstil so offensichtlich ablehnt?

 

„Meine beiden Leben“

Mit der Kapitelnummer entwickelt sich auch Valeries Professionalität im Umgang mit Franziskus Welt. Sie gewöhnt sich daran, dass Franziskus, wenn er eine Kirche betritt, seinen Finger in ein Becken tunkt und auch daran, dass Menschen, die sich im Gottesdienst die Hand geben, sich normalerweise nicht als „Elfriede“ vorstellen. Sie lernt Franziskus‘ übervollen Tagesplan kennen, seine WG und realisiert, dass sie und Franziskus menschliche Gemeinsamkeiten haben.

 

Valerie beginnt zu erfassen, dass etwas Größeres hinter Franziskus Welt steht: „Wie kann ich jemanden belächeln, der sich trotz Krankheit noch in die Messe schleppt, weil der Glaube ihm oder ihr so viel gibt? Wie über Franziskus die Schultern zucken, diesem netten Menschen, der dieser ganzen Sache sein Leben widmet?“ Sie berichtet, wie sie sich jetzt in den Gottesdiensten sogar wohlfühlt, weil es sich „normal“ anfühlt. Langsam, aber sicher kann der Leser mitverfolgen, wie sich das Projekt neben ihrem normalen Berliner Leben zu einem „zweiten Leben“ entwickelt.


Doch gerade mit diesem wachsenden Verständnis merkt Valerie auch, wo sie an ihre Grenzen stößt. Wie soll man bei Themen wie dem „Frauenthema“ auf einen gemeinsamen Nenner kommen, wenn doch beide absolut überzeugt sind von der eigenen Richtigkeit? Doch Franziskus lässt sich auch in dieser Situation nicht aus der Ruhe bringen, ist auch hier verständnisvoll. Und die Tatsache, dass die beiden die Spannungen benennen, beweist das Gelingen des Projektes.

 

Inhaltliche Geradlinigkeit

Das Projekt erfährt lebhaftes Feedback auf Social-Media-Kanälen. Neben weitgehender Unterstützung des Projektes kommentiert ein Facebook-User, er finde Valeries Berichte banal und oberflächlich. Doch die Selbstdarstellung Valeries als unwissende Komikfigur ist nicht (nur) als Unterhaltungsfaktor gedacht, vielmehr ist sie Zeugnis für die authentische Darstellung ihrer selbst, aber auch derer Franziskus. Beide sind froh über das eigene Leben, verstehen das des Anderen vielleicht nicht ganz, doch respektieren es. Die bereits erwähnte sprachliche Authentizität ist es, die das Auge fesselt, doch die inhaltliche Geradlinigkeit Valeries ist es, die den Leser nachhaltig beeindruckt.

 

Der Mut und die Entschlossenheit von Seiten Valeries und Franziskus‘, sich in diesem Projekt mit dem auseinanderzusetzen, was uns eigentlich fremd ist, können uns nur imponieren. Wir dürfen gespannt sein, was Valeries Fazit nach einem Jahr sein wird: Warum ist Franziskus Valeries Meinung nach nun Priester geworden? Und in wieweit wird ihr „zweites Leben“ das beeinflussen, welches sie vor dem Projekt führte?