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20.07.2016

Priester - In der Spur Jesu

Interview mit Richard Tatzreiter, über die Aufgaben, die Papst Franziskus die Priester stellt.

 

Papst Franziskus verlangt von den Seelsorgern, „mitten in das Drama der Menschen einzutreten und ihren Gesichtspunkt zu verstehen“ ("Amoris laetitia" , Nr. 312). Werden die Priesterseminaristen in ihrer Ausbildung dazu befähigt?

Tatzreiter: Was Papst Franziskus da zur Verantwortung der Seelsorger sagt, hat seinen tiefsten Grund im Geheimnis unseres christlichen Glaubens: Gott ist tatsächlich selbst in das Drama der Menschen eingetreten in der Person Jesu Christi – seine Menschwerdung ist programmatisch für die ganze Kirche, die sich deshalb als Gemeinschaft „mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden erfährt“ (Gaudium et spes, 1).

 

Sich als Christ wirklich für die Menschen und ihre Lebenssituation zu interessieren und an ihr teilzunehmen, beginnt daher nicht erst in der Priesterausbildung!

 

Diese setzt vielmehr dieses christliche und pastorale Grundverständnis voraus. Dieses wird dann zusammen mit den entsprechenden Fähigkeiten auf dem Ausbildungsweg zum priesterlichen Dienst auf verschiedene Weise gefördert und entfaltet.

 

Ob und wie das bei den einzelnen Seminaristen gelingt, zeigt sich nicht nur in der Hausgemeinschaft und den Kursen des Priesterseminars, sondern schon zuvor in der Gruppe im Propädeutikum (erstes Jahr) mit Sozialpraktikum und Bibelschule im Heiligen Land, dann im Theologiestudium an der Universität, in den Bezugspfarren, im Externjahr, in der Lehrtätigkeit im Religionsunterricht, im pastoralen Praktikum...


Die Priester haben die Aufgabe „… die betroffenen Menschen auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten …“ (AL 300). Hat die Ausbildung der Begleitung den Stellenwert, den sie verdient?


Tatzreiter: Menschen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten kann nur, wer selbst kompetente Begleitung erfahren hat und kontinuierlich in Anspruch nimmt. Darauf legen wir als Vorsteher größten Wert.

 

Im eigenen, geistlich geführten Leben, im geistlichen Gespräch, in der Teilnahme am kirchlichen Leben und am konkreten Schicksal von Menschen lässt sich lernen, was Begleitung und Unterscheidung bedeutet.

 

Letztlich steht jeder Priester, der als solcher „Diener des Lebens“ ist, selbst unter dem göttlichen Führungsanspruch: „Du zeigst mir den Weg zum Leben“ (Ps 16,11).


Wie übt man als Alumne den gleichsam würdigenden Blick (vgl. AL 128) angesichts einer möglichen „kalten Schreibtisch-Moral“ (AL 312) ein?


Tatzreiter: So wichtig es ist, sich als Seminarist und Theologiestudent mit den Grundsätzen und Spielregeln christlicher Morallehre, mit Sozialethik und Kirchenrecht, mit unserer Gesellschaft akademisch auseinanderzusetzen und sich umfassendes Wissen darüber anzueignen, so geht doch die Kompetenz, das konkrete menschliche Leben zu verstehen und im Licht des Glaubens zu begleiten noch darüber hinaus.

 

Am Schreibtisch kann man vieles lernen, aber bei Weitem nicht alles!

 

Theorie und Praxis – beides ist für die Ausübung des priesterlichen Dienstes notwendig, wie ein Professor einmal gemeint hat: „Grau ist alle Theorie, aber gräulich alle Praxis ohne sie!“

 

Den „würdigenden Blick“ müssen wir als Christen allerdings ein Leben lang einüben, um im Mitmenschen Christus zu entdecken – das gilt auch und besonders für jene, die die Verantwortung übernehmen sollen, als priesterliche Diener Jesu in seiner Spur Anwälte für die menschliche Würde zu sein.