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19.07.2016

„Wien: eine Stadt der Heldinnen“

Interview mit Petra Unger, Kulturvermittlerin auf Spurensuche weiblicher Geschichte in Wien.

DER SONNTAG: Sie forschen zu politischer Frauengeschichte und vermitteln Ihr Wissen in Form von Rundgängen in der Stadt, Vorträgen und als Autorin verschiedener Publikationen. Sie widmen sich besonders den nicht beachteten Frauen in der Geschichte.

 

Wie kommen Sie diesen Frauen auf die Spur?

 

PETRA UNGER: Ich suche in Dokumentationen der Stadtgeschichte, in den Archiven der Stadt Wien akribisch nach Frauen.

 

Gibt es Straßennamen und Gedenktafeln?

 

Ich stoße nicht nur auf Frauenpersönlichkeiten, sondern auch auf Einrichtungen wie Frauenberatungsstellen, Klöster, Bibliotheken, Theater. Dann geht es auf konkrete Spurensuche durch die Stadt. Und dann überlege ich mir brauchbare Routen, die verbunden sind mit aktuellen Orten für meine Stadtführungen.

 

Wichtig ist mir, dass auch Frauen vorkommen, die jetzt im jeweiligen Bezirk leben, wie Künstlerinnen, NS-Überlebende, Beraterinnen oder Institutionsgründerinnen.

 

Eine Serie Ihrer Spaziergänge trägt den Titel „Über den Gürtel gehen“. Welchen Frauen begegnet man auf dieser Stadtführung?


PETRA UNGER: Zum Beispiel den Frauen der Volkshochschule Ottakring. Sie waren Förderinnen und haben wichtige Projekte auf Schiene gesetzt. Dann den Marktfrauen am Brunnenmarkt, die einen schlechten Ruf hatten. Sie hatten einen unkonventionellen Umgang und waren oft sprachlich grob. Ich erzähle auch über die ersten fahrradfahrenden Frauen und besuche eine Designerin, die aus Fahrradschläuchen Taschen herstellt.

Sie gehen in Ihren Frauengeschichten nicht weiter zurück bis ins 19. Jahrhundert. Warum?

 

PETRA UNGER: Das heutige Geschlechterbild ist stark geprägt von der Sicht des 19. Jahrhunderts.

 

1848 gab es die so genannte Praterschlacht. Sie gilt als Wurzel der ersten Frauenbewegung.

 

Frauen kämpften dort um gleichen Lohn und gleiche Arbeit und wurden von der berittenen Polizei am Beginn des Praters gewalttätig niedergeschlagen.

 

Ich möchte die Kontinuität des Einsatzes für die Rechte der Frauen zeigen, was Frauen erreicht haben und was bis heute nicht. Es wird auch deutlich, wie viel Frauen damals trotz widrigster Umstände erreicht haben.

Welche Aspekte an den Biographien der Frauen interessieren Sie am meisten?

 

PETRA UNGER: Ich versuche, eine möglichst große Bandbreite an Lebensentwürfen zu zeigen. Es können Frauenbiographien sein wie jene von Lina Loos, die Literatin und Schauspielerin war.

 

Oder die Geschichte von Auguste Fickert, die eine der ersten Frauenzeitschriften veröffentlicht hat, die auf Schönheitstipps und Kochrezepte verzichtet und stattdessen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kritisch beleuchtet hat. Das kann aber auch die Geschichte der Volkssängerinnen sein, wie die Fiaker Milli eine war. Es gab eine ganze Menge dieser Sängerinnen.

 

Ich besuche auch die Barmherzigen Schwestern im 6. Bezirk und frage sie, wie sich ihr Leben gestaltet und wie es ihnen als Frauen im Kloster geht.

Gerade einmal acht Prozent aller Straßen, Parks und Denkmäler in Wien sind Frauen gewidmet. Wie wichtig ist es, Geschichten zu sammeln, zu bewahren, aufzuzeichnen?

 

PETRA UNGER: Ich beobachte bei meinen Spaziergängerinnen, dass sie von den Frauengeschichten bewegt und ermutigt werden.

 

Die Lebensgeschichten dieser Frauen sind relevant für uns heute. Ich möchte aber nicht nur Heldinnengeschichten erzählen. So kommen auch Biographien von Täterinnen der NS-Zeit vor.


Und ich möchte einen neuen Bezug zur Stadt herstellen. Die Teilnehmer meiner Touren sagen im Anschluss oft: „Jetzt sehe ich die Dinge neu.“ Wien ist nicht nur eine Stadt der Helden, sondern auch der Heldinnen.